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Bulletin

Zeit des Übergangs

126

Bulletin

Klosterleben heute

125

Bulletin

„Das ganze Leben als Liturgie“

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Bulletin

Die Generalkapitel der Zisterzienser und Trappisten

123

Bulletin

Klösterliches Leben und synodaler Weg

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Bulletin

Die Verwaltung des gemeinsamen Hauses

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Bulletin

„Fratelli tutti“ Geschwisterlichkeit im Klosterleben

120

Bulletin

Monastische Ausbildung heute
(Teil II)

119

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Monastische Ausbildung heute
(Teil I)

118

Bulletin

Leben und Tod im Mönchtum

Leben und Tod im Mönchtum

Bulletin - Heft 118 (2020)

Inhaltsverzeichnis

Editorial

Jean-Pierre Longeat OSB


Lectio divina

Eucharistie und Dienst. Gastfreundschaft als klösterliche Mission (Johannes 13,1-15)

Humberto Rincón Fernández OSB


Meditation

Der Tod des heiligen Antonius

Nach der Vita Antonii des Athanasius


Zeugnisse

• Der Friedhof des Benediktinerklosters Thiên Binh – offen für das Leben

Nathalie Raymond


• Der Friedhof der sieben Mönche von Tibhirine

Monique Hébrard


• Natur zwischen Himmel und Erde. Koningsakker – Naturfriedhof einer Klostergemeinschaft

Pascale Fourmentin OCSO


• Die Sargproduktion von New Melleray

Jean-Pierre Longeat OSB


Öffnung zur Welt

Lebenslektionen von Paul zu Krankheit und Tod

Roger Gil


Liturgie

Totenliturgie –vietnamesische Traditionen und monastische Riten

Marie-Pierre Nhu’ OSB


Meditation

Dem Schlaf des Todes widerstehen

Irénée Jonnart OSB


Geschichte

Anglikaner und Benediktiner

Nicolas Stebbing OSB angl.


Arbeit und Klosterleben

Mit den Händen beten

Bernard Guékam OSB


Mönche und nonnen als zeugen für unsere zeit

• Abt Ambrose Southey OCSO (1923-2013)

Armand Veilleux OCSO


• Äbtissin Anna Maria Cànopi OSB (1931-2019)

Maria Maddalena Magni OSB


• Äbtissin Teresita D’Silva OSB (1933-2019)

Nirmala Narikunnel OSB


Nachrichten

• „Sich allen nützlich erweisen.“ Zum Jubiläum der Carta Caritatis

Mauro Giuseppe Lepori OCist


• Die Carta caritatis (1119-2019) –Dokument der Einheit zwischen Gemeinschaften

Éric Delaissé


• Rückblick auf die zwölfte Lateinamerikanische Begegnung der Klöster

Enrique Contreras OSB


• Reise nach Argentinien

Jean-Pierre Longeat OSB

Sommaire

Leitartikel

Diese Ausgabe des AIM-Bulletins befasst sich mit dem Thema von „Leben und Tod im Mönchtum“. Damit wird einerseits eine Brücke zum Paschamysterium geschlagen und andererseits Bezug auf vielfältige Gebräuche genommen, welche dieses Geheimnis in den monastischen Alltag übersetzen.

Vorgestellt werden unter anderem zwei ungewöhnliche Klosterfriedhöfe und die Herstellung von Särgen in der Abtei New Melleray (USA). Es geht um Begräbnisriten für verstorbene Mönche und Nonnen in Vietnam und viele weitere Aspekte, die spirituelle, kulturelle oder einfach allgemeinmenschliche Anregungen liefern.

Ein Facharzt für Neurologie, der auch ein Ethikzentrum leitet und sich den Klöstern verbunden fühlt, gibt uns Impulse, wie das Leben stärker als Leiden und Tod sein kann.

Und schließlich runden verschiedene Rubriken dieses Heft ab: die Geschichte der anglikanischen Mönche in England, eine Auseinandersetzung mit dem Thema „Arbeit und Wirtschaft“ seitens eines Mönches von Keur Moussa (Senegal), Porträts einiger markanter monastischer Persönlichkeiten wie Pater Ambrose Southey, der im Trappistenorden bleibende Spuren hinterlassen hat, Mutter Anna Maria Canopi, die Gründerin des Klosters auf der Insel San Giulio, und Mutter Teresita D’Silva, die Gründerin des Klosters Shanti Nilayam. Darüberhinaus enthält diese Nummer Berichte zu neueren Entwicklungen innerhalb der benediktinischen Ordensfamilie. Darunter ein Bericht zum 900sten Jubiläum der „Carta Caritatis“, als einem Gründungsdokument der Zisterzienserfamilie.

Jean-Pierre Longeat OSB

Präsident der AIM

Artikel

Tod und Leben in der Benediktusregel

1

Jean-Pierre Longeat OSB

Präsident der AIM

 

Tod und Leben in der Benediktusregel

 


Obwohl er selbst bald sterben wird, ohne das gelobte Land je betreten zu haben, ruft Mose im Buch Deuteronomium entschieden dem Gottesvolk zu: „Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen“ (Dtn 30,19). Das klösterliche Leben hat diese Anordnung sehr ernst genommen. Bereits zu Beginn seiner Regel gibt Benedikt den Aufruf des Herrn wieder: „[…] der Herr sucht in der Volksmenge, der er dies zuruft, einen Arbeiter für sich und sagt wieder: ‚Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?‘ Wenn du das hörst und antwortest: ‚Ich‘, dann sagt Gott zu dir: ‚Willst du wahres und unvergängliches Leben, bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tu das Gute; suche Frieden und jage ihm nach!‘“ (RB Prol. 14-17). Und ebenso am Ende des Prologs: „Darum wollen wir uns seiner Unterweisung niemals entziehen und in seiner Lehre im Kloster ausharren bis zum Tod. Wenn wir so in Geduld an den Leiden Christi Anteil haben, dann dürfen wir auch mit ihm sein Reich erben“ (RB Prol. 50).

Im vierten Kapitel über die Werkzeuge der geistlichen Kunst erinnert Benedikt an die Gegenwärtigkeit des Todes und des Lebens im Dasein des Mönchs: „Den unberechenbaren Tod täglich vor Augen haben“ (RB 4,47). Daran ist gewiss nichts Krankhaftes, sondern es möchte schlichtweg unterstreichen, dass das Leben auf dieser Erde – und sei es noch so bedeutsam – ein Moment des Übergangs ist und dass wir den Schlüssel zu einem sinnvollen Leben verlieren, wenn wir uns darin einzuschließen versuchen.

Es geht sowohl um das Verlangen nach dem wirklichen Leben als auch um die wachsame Beobachtung der eigenen Worte und Handlungen im Alltag. Es verlangt die Übung der Aufmerksamkeit in gehorsamem Zuhören, sodass die Liebe in vollständiger Freiheit alles durchdringen kann. So stellt Benedikt im Kapitel über die Demut fest: „Die dritte Stufe der Demut: Aus Liebe zu Gott unterwirft sich der Mönch dem Oberen in vollem Gehorsam. So ahmt er den Herrn nach, von dem der Apostel sagt: ,Er war gehorsam bis zum Tod‘“ (RB 7,34). Damit wird an dieser Stelle das österliche Geheimnis angesprochen. Die vierte Stufe der Demut ergänzt die vorausgegangene, indem sie aufzeigt, wie viel Geduld und Ausdauer es dazu bedarf, sich diesem Gehorsam zu unterwerfen; es geht darum, standzuhalten, ohne müde zu werden oder sich zurückzunehmen, bis zum Schluss, bis zum Ende, um das wahre Leben zu verkosten. Vor allem begegnet uns dies im Kontext der Liturgie, wo der regelmäßige Wechsel von Tag und Nacht das Ostergeheimnis in unserem Leben wachhält: so erinnert uns die untergehende Sonne in der Vesper an Christi Tod am Kreuz; die finstere Nacht mahnt uns in den Vigilien zu dem Kampf, der im Herzen der Psalmen ausgefochten wird; die aufgehende Sonne erweckt in uns die Erinnerung an den frühen Morgen der Auferstehung; und schließlich gemahnen uns die Horen des Tagesverlaufes an die Passion des Menschensohnes.

Dieser Gedanke drückt sich auch in der Haltung der Fürsorge gegenüber den Kranken aus. Diese führen uns die Gebrechlichkeit des Daseins und das Herannahmen der letzten Stunde vor Augen. Benedikt sagt, dass wir dann Christus begegnen werden, dem leidenden und sterbenden Christus, der aber gerade deswegen ein fortwährender Zeuge des Lebens ist, das in Gott zu finden ist. Aus demselben Grund mahnt Benedikt, den Kindern, den Gästen, den Pilgern und den Armen Achtung entgegenzubringen, denn auch in ihnen begegnet man dem hilflosen und verwundeten Christus. Um diese Beziehung zu Christus in seinem Ostergeheimnis zu unterstreichen, sieht die Regel an verschiedenen Stellen die Gebärde der Fußwaschung vor. Das ist der Fall bei der Aufnahme von Gästen, aber auch bei der wöchentlichen Annahme der Tisch- und Küchendienste durch die Mönche, auch wenn dieser Brauch heute nicht mehr praktiziert wird. Dieses Ritual des Dienens spiegelt die Teilhabe am Tod und an der Auferstehung Christi wider. Der Ritus der Fußwaschung erfährt seine ganze Sinnfülle in der Beziehung zum eucharistischen Mahl, welches Jesus am Vorabend seiner Passion eingesetzt hat.

Der Mönch hält sich frei von jeglicher persönlichen Anhänglichkeit. Am Tag der Profess entbindet er sich von allem, was er besitzt; er entbindet sich sogar von der Verfügbarkeit über sich selbst, da es in der Regel heißt: „denn er weiß ja: Von diesem Tag an hat er nicht einmal das Verfügungsrecht über seinen eigenen Leib“ (RB 68,25). Das ist der Grund, weshalb früher die Professfeier den spirituellen Tod des Profitenten durch eine Prostration unter einem schwarzen Leichentuch symbolisierte. Oder der Professkandidat blieb drei oder acht Tage lang mit aufgezogener Kapuze, bevor er sich als Zeuge der Auferstehung nach dem Vorbild der Taufliturgie ohne Kapuze zeigte. Wir erinnern uns auch an jene Ermutigung, die Trappistenmönche in der Vergangenheit sprachen, wenn sie einander begegneten: „Bruder, wir werden sterben“ oder an jene Mönche, die Tag für Tag ihr Grab aushoben, um sich an ihre Vergänglichen zu erinnern.

Diese Gebräuche sind mittlerweile nicht mehr zeitgemäß, da die Haltung zum Leben und zur Auferstehung ein gesünderes Gleichgewicht gefunden hat. Dennoch hat der monastische Weg die Balance zu halten zwischen den zwei Dimensionen des österlichen Geheimnisses, denn das ist ohne das andere nicht denkbar.

Zum Abschluss seiner Regel fasst Benedikt den Weg der Mönche wie folgt zusammen: „Christus sollen sie überhaupt nichts vorziehen. Er führe uns gemeinsam zum ewigen Leben“ (RB 62,11-12). Tod und Leben lassen sich im monastischen Weg nicht anders verstehen, als aus dem österlichen Geheimnis Christi heraus.


Friedhof von Imiliwaha, Kongregation der Benediktinerinnen von St. Agnes (Tansania). © AIM.
Friedhof von Imiliwaha, Kongregation der Benediktinerinnen von St. Agnes (Tansania). © AIM.

Eucharistie und Dienst – Gastfreundschaft als klösterliche Mission

2

Lectio divina

Humberto Rincón Fernández OSB

Abt vom Kloster der Epiphanie, Guatapé (Kolumbien)

 

Eucharistie und Dienst –

Gastfreundschaft als klösterliche Mission

Johannes 13,1-15

 

 

Wenn wir den Text von Matthäus 19,16-26 lesen, sollten wir bei den Eingangsworten etwas verweilen: „Ein Mann kam zu Jesus“. Betrachten wir die vielen Personen, die im Matthäusevangelium zu Jesus kommen und ihre unterschiedlichen Motive. Auch wir selbst wollen uns dabei in diese Annäherung einschließen und Jesus entgegengehen.

Die Geschichte von der Fußwaschung hat zunächst nichts mit dem zu tun, was wir „Eucharistie“ nennen würden, und die in der Handlung und den Worten Jesu über Brot und Wein zusammengefasst sind. Im vierten Evangelium findet jedoch die Fußwaschung ausgerechnet während des letzten Abendmahls statt, also der Eucharistie.

Ich überlasse den Experten die Frage, was sich tatsächlich während des Abendmahls ereignet hat: ob wirklich ein sakramentaler Akt über Brot und Wein stattfand oder der prophetische Akt der Fußwaschung, wie sie von den Sklaven verrichtet wurde. Ich habe gelesen, dass in den Anfängen der Kirche beide Handlungen anscheinend noch verbunden wurden und erst nach und nach aus praktischen Gründen Brot und Wein in den Mittelpunkt gestellt wurden.

Der erste Vers des 13. Kapitels im Johannesevangelium ist sehr feierlich und von großer Tiefe:

„Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung “ (Joh 13,1).

Wir befinden uns vor dem Osterfest und Jesus bereitet die Feier seines eigenen Osterfestes vor. Er weiß, dass die Stunde gekommen ist, diese Welt zu verlassen und zum Vater hinüberzugehen, das heißt, dass die Stunde seiner Verherrlichung gekommen ist: die Stunde ist gekommen, sich vollkommen zu offenbaren, den Vater zu offenbaren, seine Herrlichkeit, sein Sein, sein Wesen.

Jesus hat uns zwar auf seinem ganzen Lebensweg seine Liebe zu den Seinen gezeigt; in jener Stunde aber führt er diese Liebe zum Äußersten, er führt sie bis zu ihrer letzten Konsequenz (bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz, bis zum Tod wie ein gekreuzigter Sklave).

„Es fand ein Mahl statt [und Jesus] stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch. Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war“ (Joh 13, 2.4-5).

„Er stand vom Mahl auf“, das heißt, er verlässt diesen ihm gebührenden Platz, den Ehrenplatz. Er hatte dies bereits in einem anderen Text des Evangeliums angesprochen: „Welcher von beiden ist größer: wer bei Tisch sitzt oder wer bedient? Natürlich der, der bei Tisch sitzt. Ich aber bin unter euch wie der, der bedient“ (Lk 22,27).

„Er legte sein Gewand ab“. Paulus deutet das in seinem Brief an die Philipper wie folgt: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,6-8).

„Er begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war“ bedeutet, dass er eine Aufgabe annimmt, die den Sklaven und Dienern des Hauses, sowie den Frauen in jener patriarchalen Gesellschaft zukam, in der die Männer den Vorrang hatten.

In der Logik dieses Hymnus an die Philipper ist es diese Erniedrigung, die ihn als „den Herrn“ ausmacht und die zu jener Verherrlichung führt, die zur Folge hat, dass sein Name über allen anderen erhöht worden ist. Zu erkennen, dass dieser Mensch Gottes Sohn ist, heißt, zu erkennen, dass Gott so an den Menschen handelt, die die Seinen sind.

„Petrus entgegnete ihm: Niemals sollst du mir die Füße waschen! Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir. Da sagte Simon Petrus zu ihm: Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt.“ (Joh 13, 8-9).

Petrus lehnt die Geste Jesu aus Respekt ab, vielleicht auch aus falscher Bescheidenheit oder aus der Überlegung heraus, wenn er mir die Füße wäscht, wird er dasselbe von mir erwarten – lehnt diese Geste von Jesus ab. Nachdem Jesus ihm jedoch drohend entgegnet, dass er, wenn er diese Geste ablehnt, keinen Anteil an ihm haben und seine Jünger-Meister-Beziehung verlieren werde, reagiert er mit der Bitte, er möge ihn ganz waschen. Diese liebevolle Geste des Herrn scheint ihn zutiefst berührt zu haben.

„Als er ihnen die Füße gewaschen, sein Gewand wieder angelegt und Platz genommen hatte, sagte er zu ihnen: Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (Joh 13,12-15).

Wohlgemerkt: Jesus zieht sein Gewand wieder an, legt aber nicht das Leinentuch ab, mit dem er sich umgürtet hatte. Selbst, als er wieder am Tisch sitzt, bleibt er Diener, bleibt er Sklave.

Anschließend folgt der Auftrag, der der Geschichte von Brot und Wein entspricht: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“. Diese Wendung wird sowohl für die Fußwaschung verwendet, als auch für das Abendmahl, die Eucharistie.

„Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13,13-14). Einander die Füße zu waschen, das ist der Auftrag. Aus der Teilnahme am Herrenmahl folgt, dass wir einander dienen sollen. Sein Leben hinzugeben, wie er es hingegeben hat: bis zur letzten Konsequenz.

Es folgt die Ankündigung des Verrats durch Judas und der Verleugnung durch Petrus. Von Anfang an besteht die Möglichkeit, dass die, die am Abendmahl teilgenommen haben, den Meister verraten und verleugnen können. Für den Herrn ist es von geringer Bedeutung, dass so etwas passieren kann; er fährt trotzdem fort, uns an seinen Tisch einzuladen, an den Tisch seiner Liebe und Entäußerung.

Ich möchte wieder auf die andere Geste zurückkommen, auf die uns geläufigere von Brot und Wein. Jesus gibt eine Erklärung zu diesen zwei Elementen ab. Er identifiziert sich mit diesen: dieses Brot bin ich; ich gebe mich für euch hin. Ich mache mich zu Brot, um gebrochen, geteilt und verteilt zu werden. Ich bin das verlassene, das geteilte Leben. Der Wein dieses Kelches ist mein Blut, das vergossen wird, um einen neuen Bund zu feiern. Dieser Wein ist mein Blut, vergossen, um ein neues Leben zu schenken.

Hierin finden wir dieselbe Verfügung wie im 13. Kapitel des Johannes: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“. Die Vollendung dieser sakramentalen Handlung bei jeder Eucharistie ist ebenso ergreifend wie die der Fußwaschung. Den Leib des Christus zu essen und sein Blut zu trinken verpflichtet auch uns dazu, für die anderen ein entäußerter Leib zu sein – selbstlos und ganz. Vergossenes Blut zu sein nimmt uns in die Pflicht, unser Leben Stück für Stück für die anderen hinzugeben.

Diese zwei Gesten Jesu stehen in einer engen Beziehung zum monastischen Leben. Die Teilhabe an der Eucharistie muss in das konkrete Leben jedes einzelnen Mönchs übersetzt werden, das – um das metaphorisch auszudrücken – ein Leben des Dienens und Fußwaschens sein soll. Dies soll nicht nur – was uns leichter fällt – in der Gastfreundschaft und im Dienst an den Gästen sichtbar werden, sondern im Dienst an allen Menschen und vor allem an dem Mitbruder oder an der Mitschwester, die mit uns dasselbe Lebensideal teilen.

Diese enge Verbindung zwischen der Eucharistie und unserem Leben, wie sie von uns verlangt wird, soll vollkommen sein, beginnend mit dem Leben in unserem Kloster, in unserer Gemeinschaft. Es ist nicht möglich, eine authentische Gastfreundschaft zu pflegen, wenn es keine auf Wahrheit und Authentizität beruhende Brüderlichkeit im inneren der klösterlichen Gemeinschaft gibt. Ob wir es wollen oder nicht: die Gäste bemerken das, wenn sie unsere Klöster besuchen. Oftmals haben sie zwar keinen anderen Kontakt, als mit dem Pförtner, dem Gastbruder oder mit dem geistlichen Begleiter, aber sie hinterlassen schriftliche Mitteilungen, in denen sie allen Mönchen ihren Dank für das Zeugnis ihres Lebens, ihre Aufmerksamkeit, die brüderliche Gemeinschaft, aber vor allem auch die Beziehung zum Herrn ausdrücken, die sie bei Feierlichkeiten gesehen haben, sowie in den kleinen Aufmerksamkeiten, die ihnen entgegengebracht wurden. Begegnen ihnen hingegen Spaltungen, Neid, Tratsch, Widersprüche in der Lebensführung, entgehen ihnen diese ebenfalls nicht. Sie wagen es zwar nicht, diese Wahrnehmungen schriftlich mitzuteilen, aber sie sprechen darüber und verspüren einen bitteren Beigeschmack, ein Gegenzeugnis.

Sprechen wir von der Eucharistie, so sprechen wir immer von der Gemeinschaft, die die Eucharistie feiert. Eine einzelne Person kann – selbst wenn sie ein Priester ist – nicht Eucharistie feiern. Und in der Tat: Die allgemeine Darstellung im Römischen Missale [Nr. 252] schreibt vor, dass mindestens ein Ministrant vonnöten ist, um dem Priester zu assistieren, es sei denn, es handle sich um eine berechtigte Ausnahme, die es rechtfertigt, ohne Ministrant oder ohne Gläubige zu zelebrieren [Nr. 254]. Das „Ite missa est“ ist eine Sendung, die im Plural formuliert ist; das bedeutet, dass der Auftrag, der aus der Teilnahme an der Eucharistie erwächst, keine Einzelbeauftragung ist. Auf unsere Thematik bezogen heißt das, dass der Gastbruder oder die Gastschwester, die stellvertretend für die klösterliche Gemeinschaft stehen, nicht als Einzelperson agieren, sondern im Namen der Gemeinschaft und nicht am Rande oder, was noch schlimmer ist, gegen diese. Daraus folgt auch eine Notwendigkeit für alle Mönche und Nonnen: inwieweit helfen sie dem Gastbruder oder der Gastschwester, sind sie aufmerksam für das, was an Aufgaben anfällt, und bereit, ihnen zur Hand zu gehen?

Der Gastbruder oder die Gastschwester werden vom Oberen der Gemeinschaft beauftragt. Folglich müssen sie miteinander in Verbindung stehen und einander auf dem Laufenden halten.

Wenn Benedikt von der Aufnahme der Gäste im Kapitel 53 seiner Regel spricht, erinnert er uns an die erste Geste, von der wir gesprochen haben: an die Fußwaschung. Im Evangelium wäscht der Christus als Meister seinen Jüngern, seinen Brüdern, die Füße, und er lädt uns ein, einander geschwisterlich die Füße zu waschen, einander zu dienen und zu Sklaven füreinander zu werden, so, wie er es für uns geworden ist. In seiner Regel hebt Benedikt einen sehr interessanten Punkt hervor: Der Gast ist nicht nur ein Bruder oder eine Schwester, sondern Christus selbst, der uns besucht.

„Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus; denn er wird sagen: ‚Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen‘“ (RB 53,1). Dieser Satz verweist auf die Endgerichtsrede aus dem 25. Kapitel des Matthäusevangeliums (Mt 25,31-46). Hier lesen wir: „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).

Für Benedikt bedeutet das, dass es nicht mehr nur das Sakrament des Leibes und des Blutes Christi gibt, die uns zum Dienst und zur Gastfreundschaft im Kloster anhalten, sondern auch das „Sakrament der Brüderlichkeit“. Dieses Thema begegnet uns immer wieder in der Regel: der Bruder steht nicht nur stellvertretend für Christus, sondern er ist Christus, der uns besucht. Ihm schulden wir die größte Fürsorge.

Ich glaube, dass wir alle in unseren Klöstern diese Erfahrung gemacht haben: Die Gäste sind keine Störenfriede oder etwa eine Schwierigkeit, die wir in unserem Klosterleben ertragen müssen. Sie sind echte Zeugen dessen, was wir tun und wie wir es tun, Zeugen der Authentizität dessen, was wir tun, zuweilen abgelenkt oder routinemäßig. Sie selbst geben uns ein Zeugnis von der Stärke ihres Glaubens, der Anstrengung um ein gelingendes Leben, um das sie ringen. Sie sind Zeugnis der Art und Weise, wie sie in ihrem gewöhnlichen Leben danach streben, treu zu bleiben, indem sie ein mutiges Leben führen, indem sie darum kämpfen, ihr tägliches Brot zu verdienen, ihr Haus gut zu verwalten, ihrer Arbeit verantwortungsvoll zu verrichten, keine Ausreden für irgendetwas zu finden usw.

Abschließend möchte ich ein weiteres Mal Benedikt zu Wort kommen lassen. Im selben Kapitel 53 gibt er Anweisungen zur Auswahl des Gastbruders.

Wie alles im Kloster wird dieser Dienst auch in der Gottesfurcht gelebt, will heißen in der Gegenwart Gottes. Im Glauben weiß ich, dass mein Leben fortwährend vor seinen Augen ausgebreitet ist; nicht, um mich zu beobachten und mein Zu-Fall-Kommen zu beobachten, um mich dafür zu bestrafen, sondern um mich in seiner Fürsorge und in seiner barmherzigen Liebe zu lieben. Ich bin von Gott geliebt und mein Leben strahlt diese Liebe in der Beziehung zu den anderen wider.

Wir durchleben schwierige Zeiten in der Kirche wegen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Ich werde auf diese Frage hier nicht eingehen, da sie nicht zu meinem Thema gehört, aber ich möchte sie in Zusammenhang bringen mit dem, was der Papst in den meisten seiner Stellungnahmen ausgeführt hat: Dem sexuellen Missbrauch gehen Machtmissbrauch und Gewissensmissbrauch voraus.

Der Mönch oder die Nonne stellen den Gläubigen und denjenigen, die in unsere Klöster kommen, eine sehr ungewöhnliche Wirklichkeit vor Augen. In ihren Augen sind wir mehr oder weniger Heilige und das schafft in uns unbewusst die Vorstellung, wir seien besser oder wir seien über andere erhaben. Das bedeutet nichts anderes, als Macht zu besitzen. Von diesem Punkt aus können wir leicht in den Missbrauch von Macht hinabgleiten. Wir kommen in die Versuchung, andere auszunutzen, in diesem Fall, die Gäste. Beispielsweise können wir durch sie das kompensieren wollen, was in uns an Gefühlsleben zu kurz kommt und intensive Freundschaften außerhalb des Klosters zu knüpfen. Wir könnten auf unangemessene Weise materiellen Nutzen für das Kloster ziehen wollen, oder Geschenke, die für das Kloster gedacht sind, für uns selbst zurückhalten wollen.

Auf alle Fälle finden wir – blind für unseren eigenen Gewissensmissbrauch – Gründe, um unser Fehlverhalten zu rechtfertigen: Ich bin doch als Gastbruder oder Gastschwester zuständig für die liebenswürdige Fürsorge unserer Gäste… Ich darf nicht kühl oder distanziert zu den Gästen sein… Ich tue doch nichts Böses (und auch nichts Gutes)… Auch ich brauche einen Ausgleich… Ich arbeite genug und verdiene eine Belohnung…

Rufen wir uns also ins Gedächtnis, was wir sagen wollten: Unsere Gastfreundschaft fußt auf der Eucharistie. Wir empfangen die Gäste und dienen denen, die ins Kloster kommen, weil wir ihnen den demütigen Dienst Christi im letzten Abendmahl anbieten wollen; wir wollen unser Leben dahingeben, wie er es gegeben hat. Wir empfangen die Gäste und alle Besucher, weil es Christus selbst ist, der kommt, um uns zu besuchen. All dies tun wir mit reinem Herzen, ohne verkehrte Absichten, weil Christus selbst handelt; unser Herr, der sein Leben für uns gegeben hat durch Tod und Auferstehung.

Der Tod des hl. Antonius

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Meditation

 

„Die Engel, die zu ihm kamen, betrachtete er als Freunde.“

Der Tod des hl. Antonius

(nach Kap. 89-92 der Vita Antonii)

Athanasius der Große (300-373 n. Chr.)

 


Nach seiner Gewohnheit besuchte Antonius die Mönche auf dem äußeren Berg, und da er von der Vorsehung über sein Lebensende belehrt worden war, sprach er zu den Brüdern: „Das ist der letzte Besuch, den ich euch mache, und es soll mich wundern, wenn wir uns in diesem Leben noch einmal sehen. Denn es ist Zeit, dass auch ich nunmehr scheide; denn ich bin fast einhundertundfünf Jahre alt.“ Nachdem die Mönche diese Worte vernommen, brachen sie in Tränen aus und umarmten und küssten den Greis. Er aber, wie wenn er aus einer fremden in seine Heimatstadt weggehe, sprach mit ihnen voll Freude. Er ermahnte sie, in den Mühen nicht lässig zu werden, noch in der Askese nachzugeben, sondern zu leben, als ob sie jeden Tag sterben könnten.

Als die Brüder ihn drängten, er möchte bei ihnen bleiben und hier sein Leben vollenden, da brachte er es nicht über sich. Er begab sich auf den inneren Berg, wo er sich aufzuhalten pflegte; hier erkrankte er nach einigen Monaten. Er rief seine zwei Genossen, die dem Antonius dienten mit Rücksicht auf sein Alter, und sprach zu ihnen: „Ich wandere, wie geschrieben steht, den Weg der Väter; denn ich merke, wie mich der Herr ruft. Bestattet meinen Leichnam und bergt ihn unter der Erde. Mein Gebot soll von euch beachtet werden, so dass niemand den Ort kennt außer euch allein. Denn ich werde bei der Auferstehung der Toten vom Heiland einen unvergänglichen Körper erhalten. Verteilt meine Kleider; dem Bischof Athanasius gebt das eine Schaffell und den Mantel, den ich darunter anzog; er hat ihn mir neu gegeben, von mir aber ist er abgenützt worden. Dem Bischof Sarapion gebt das andere Schaffell, Ihr behaltet das härene Gewand. Und nun lebt wohl, Kinder; denn Antonius geht hinüber und ist nicht mehr mit euch.“

Nach diesen Worten umarmten ihn seine Gefährten. Dann streckte er die Füße aus, sah die, welche zu ihm kamen, wie Freunde an und freute sich ihretwegen – denn er zeigte, wie er so dalag, ein heiteres Gesicht –, und so verschied er und wurde versetzt zu den Vätern. Seine zwei Freunde aber erwiesen ihm, wie er ihnen aufgetragen hatte, die letzte Ehre, sie hüllten ihn ein und bargen seinen Leichnam unter der Erde, und niemand weiß bis jetzt, wo er verborgen ist außer den beiden allein. Und jeder von denen, die das Schaffell des seligen Antonius und seinen abgenutzten Mantel erhalten hatten, bewahrt dies wie einen wertvollen Besitz auf. Denn wenn man die Kleidungsstücke nur ansieht, so ist es, wie wenn man den Antonius sähe; und wenn man sie anzieht, so ist es, als ob man mit Freude seine Ermahnungen trüge.

Der Friedhof des Benediktinerklosters Thiên Binh

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Zeugnisse

Nathalie Raymond

Frankreich

 

Der Friedhof des Benediktinerklosters Thiên Binh – offen für das Leben

 


Im Laufe der Jahre hat der Klosterfriedhof von Thiên Binh nach und nach seine heutige Gestalt angenommen, ohne dass es geplant geworden wäre, sondern als Reaktion auf konkrete Bedürfnisse. Innerhalb der benediktinischen Tradition weist er eine ungewöhnliche Gestalt auf: Er ist offen für andere Ordensgemeinschaften von Männern und Frauen und selbst für katholische Laien. Dadurch löste er innerhalb der Klostergemeinschaft auch einen Reflexionsproblem hinsichtlich ihrer spirituellen Sendung aus.

 

Missionarisches Mönchtum ...

Das Kloster wurde 1970 von Pater Thadée gegründet, der vom Kloster Thiên An stammte, das wiederum selbst von der Abtei La Pierre-qui-Vire Ende der 1930er Jahre errichtet wurde. Von Anfang an war die Idee eines missionarischen Mönchtums sehr gegenwärtig, vor allem wegen der schwierigen politischen Lage aufgrund des Krieges. Es ging um die Notwendigkeit, sowohl den Bedürfnissen der durch den Konflikt vertriebene Bevölkerung entgegenzukommen, als auch Jugendlichen aus schwachen sozialen Verhältnissen durch eine Fachschule eine Ausbildung zu ermöglichen.

Heute ist die wirtschaftliche und politische Situation zwar eine grundlegend andere, aber es gibt immer noch benachteiligte und entwurzelte Bevölkerungsgruppen wie Landflüchtige, die in der Megastadt Saigon nach einem besseren Leben suchen.

Das Kloster bemüht sich weiter nach besten Kräften, auf die dringendsten Bedürfnissen dieser Menschen zu antworten – inzwischen nicht mehr im Bereich der Bildung, sondern im Gesundheits- wesen. Das Kloster verfügt über ein Krankenhaus, wo arme Menschen mit traditioneller Medizin versorgt werden und sie kostenlos Trinkwasser erhalten, dessen nie versiegende Quelle Gottes Barmherzigkeit ist.

Diese Sorge um die körperliche Gesundheit steht natürlich in Verbindung mit der Sorge um die geistige Gesundheit. Die Benediktinermönche nehmen sich der Bedürftigen an und begleiten sie, sie beten für sie und feiern Messen nach ihren Gebetsintentionen. Sie sind ihren Wohltätern auch sehr dankbar dafür, dass sie ihnen die Aufrechterhaltung dieser Tätigkeiten ermöglichen.

Ohne dass das Leben der Benediktiner beeinträchtigt wird, ist das Kloster daher in einem sehr dynamischen Austausch mit der Außenwelt eingebunden, in vielfältigem und wechselseitigem Geben und Nehmen, das Leben erzeugt. Die Verstorbenen sind von diesem Prozess nicht ausgeschlossen.

 

... das auch die Toten einbindet

Da das Kloster relativ jung ist, starben bisher nur wenige Mönche, nämlich drei, darunter der Gründer P. Thaddäus, der am 31. Januar 1995 heimging. Die Frage nach der spirituellen Funktion des Friedhofs stellte sich P. Thaddäus jedoch aus konkreten Gründen sehr rasch: Die ersten, die dort beigesetzt wurden, waren die Mitglieder einer armen Familie, die einer Bombenexplosion in den 1970er Jahren zum Opfer fielen. Diese Situation konnte P. Thaddäus, der immer sehr bemüht war, die Bedürfnisse der Ärmsten zu befriedigen, nicht unberührt lassen. Später waren es die Schwestern einer vietnamesischen Kongregation – die Schwestern von der Kreuzesliebe – die ihn fragten, ob sie dort ihre verstorbenen Schwestern beisetzen dürften. Und noch viele andere religiöse Gemeinschaften taten das gleiche. Auch die Aufnahme von katholischen Laien wurde fortgesetzt.

Es gibt einen sehr praktischen Grund für diese auswärtigen Anfragen, nämlich der Platzmangel in der Metropole Hô-Chi-Minh-Stadt. Der Bevölkerungsdruck ist derart groß, dass es unmöglich ist, Friedhöfe zu vergrößern oder auch nur zu erhalten. Außerdem spielt ein solches Anliegen keine Rolle für das kommunistische Regime. Die in den Ländern weit verbreitete Einäscherung stellt die einzige Lösung für diesen Platzmangel dar. Jedoch ist sie für einige Katholiken nach wie vor schwer vorstellbar; daher die Suche nach Friedhöfen.

Der Wunsch, in der Nähe eines Gebetsortes in Frieden ruhen zu können, ist für fromme Katholiken ein großes Anliegen, auch wenn sie keine Ordensleute sind. Das gibt dem Friedhof von Thiên Binh ein in der benediktinischen Welt einzigartiges Gesicht, zumal der Friedhof außerhalb der Klausurmauer gelegen ist: ein übergemeinschaftlicher Friedhof für Männer und Frauen, der auch Laien offensteht. Diese Tatsachen bewegten die Gemeinschaft dazu, die spirituelle Funktion ihres Friedhofs schrittweise zu klären. Diese im Licht des Heiligen Geistes über mehrere Jahre durchgeführte Reflexion hat uns dazu gebracht, dass wir in dieser besonderen Situation eine Weiterführung unseres vielfältigen Austauschs mit der Außenwelt sehen. Eine Weiterführung, die sowohl die liturgische Gemeinschaft der Heiligen, als auch die Ahnenverehrung, die Vietnamesen am Herzen liegt, berücksichtigt. In der vietnamesischen Kultur ist es sehr wichtig für die Lebenden, die Dankesschuld gegenüber den Vorfahren zu respektieren und ihnen Ehre zu erweisen.

Die Vielfalt der „Bewohner“ des Friedhofs spiegelt auch die Vielfalt der Kirche wider und es ist eine schöne Vorstellung, dass der Austausch der Mönche mit der Außenwelt sich gewissermaßen im Jenseits fortzusetzt. Eine schöne Kontinuität zeigt sich auch darin, dass diese missionarische Tätigkeit, die dem Klostergründer so am Herzen lag, von seinen Nachfolgern fortgesetzt wird. Und wer weiß: Diese neuen „Vorfahren“, die auf dem Klosterfriedhof ruhen und nun in das Licht Gottes eingetreten sind, setzen sich möglicherweise nun aus dem Jenseits für das Kloster ein. Wie viele Gnaden hat vielleicht schon die Fürsprache dieser Heiligen bewirkt und das im Austausch für ein kleines Stück Land?

 

Klosterfriedhof von Thiên Binh
Klosterfriedhof von Thiên Binh

Die Feier des Kreislaufes Leben – Tod – Leben

Zum Dank für diese Gemeinschaft zwischen Lebenden und Verstorbenen wird alljährlich am frühen Morgen des 2. Novembers auf dem Friedhof eine Messe gefeiert, bei welcher der verstorbenen Gläubigen gedacht wird. Bei dieser Gelegenheit schließen sich die Ordensgemeinschaften und Familien der auf dem Friedhof Bestatteten der Mönchsgemeinschaft an, um im Gebet und bei der Feier der Eucharistie an ihre Vorfahren zu gedenken. Der aufsteigende Weihrauch begleitet die Gebete und die Räucherstäbchen glühen nach der Feier auf den Gräbern weiter. Es ist ein sehr wichtiger Moment der Gemeinschaft und einer Meditation, die das Geheimnis des Lebens und des Todes, das im selben Kreislauf eingebunden ist, greifbar macht.

Dieser Kreislauf von Leben und Tod materialisiert sich auf diesem Friedhof noch auf andere Weise. Besucher von außen werden überrascht sein, wie viele Pflanzen dort wachsen: Blumen oder Zierpflanzen auf Gräbern in irdenen Gefäßen, aber auch Sträucher, kleine Palmen und sogar Kurkumapflanzen auf einem Teil des Friedhofs. Die Wurzeln der Kurkuma werden von den Mönchen zur Herstellung von Medikamenten verwendet. Diese Vegetation macht den Friedhof auch zu einem Zufluchtsort für viele Vögel. Dieses Naturgeschehen bringt zum Ausdruck, dass das Leben weitergeht und stärker ist als der Tod; dies ist das Herzstück unseres Glaubens.

Dieser Friedhof hat sich unter den Umständen (unter denen wir vielleicht die Hand Gottes sehen können) als eine Art Erweiterung der Missionstätigkeit und der Gastfreundschaft im Herzen der Berufung des Benediktinerklosters etabliert. Durch seine besondere Offenheit sowohl der Kirche als auch dem Kreislauf von Leben und Tod verschrieben, ist es auch zu einem Ort geworden, der die Gemeinschaft der Heiligen widerspiegelt. Lasst uns Gott für all die Früchte danken, die dieser besondere Ort in den Herzen hervorbringt!

Der Friedhof der sieben Mönche von Tibhirine

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Zeugnisse

Monique Hébrard

Journalistin (Frankreich)


 

Der Friedhof der sieben Mönche

von Tibhirine

 


Die Umrisse der sieben Trappisten erloschen in der nächtlichen Dunkelheit vom 26. auf den 27. März 1996. Dies war das letzte Bild des großartigen Films von Xavier Beauvois, das die Zuschauer im Ungewissen ließ: Waren die Mönche Geiseln an einem unbekannten Ort? Wurden sie ermordet? Wenn ja, wo sind die Körper? Es ist bekannt, wie Trauer erschwert wird, wenn die Leichname eines Flugzeugunfalls oder eines Verbrechens nicht auffindbar sind.

Der Schleier der Ungewissheit wurde in schrecklicher Weise erst am 30. Mai beseite gezogen, als man ihre Leichen schließlich fand, oder vielmehr nur die sieben abgetrennten Köpfe.

Diese Reste der sieben Mönche ruhen nun auf dem Friedhof des Klosters Unserer Lieben Frau vom Atlas, wo sie gelebt haben. Tausende von Menschen aus dem ganzen Land kommen an diesen Ort, um hier Kraft zu holen. Das gilt nicht nur für Christen, sondern zunehmend auch für junge Muslime, die nach Sinn suchen.

 

Dieser Ort hat mich innerlich lange sehr beschäftigt, so dass ich sofort die Chance ergriff, anlässlich der Seligsprechung am 8. Dezember 2018 dorthin zu reisen. Damals wurden 19 Märtyrer der „schwarzen Jahre“ des algerischen Bürgerkriegs selig gesprochen, der Tausende von Toten verursacht hat.

Wenn man im Kloster von Tibhirine anlangt, verlässt man das Gebäude über eine Schwelle und geht einen baumbewachsenen Hang hinab. Dabei kommt man an den Brunnen vorbei, welche immer noch die Landwirtschaft versorgen. Schließlich gelangt man auf eine Lichtung, welche von Lavendel- und Rosensträuchern gesäumt ist. Die Betreuung der vorbildlich gepflegten Grabanlage liegt in den Händen von Jussef und Samir, welche weiterhin in der Landwirtschaft arbeiten. Auf den sieben Gräbern sind jeweils Tafeln mit den jeweiligen Vornamen der Mönche angebracht und diese sind in der Reihenfolge des Klostereintritts geordnet. Auf der ersten Tafel steht der Name von Bruder Lukas, des Arztes, der in seinem Leben konsequent den Glauben an eine universale Menschheitsfamilie verwirklicht hat, indem er alle medizinisch versorgte, die zu ihm kamen: die Leute vom Dorf ebenso wie die aufständischen Kämpfer.

Die Gärtner begleiten uns. Ihr Blick auf die frisch geharkten Gräber spricht Bände, wie ernst sie ihren Dienst nehmen und diesem Ort mit Ehrfurcht begegnen. Um uns herum herrscht tiefes Schweigen. Wir sind erfüllt mit Emotionen, aber auch von einem tiefen und geheimnisvollen Frieden.

Das Wort „Tibhirine“ bedeutet übersetzt „Garten“. Man kann es auf den Paradiesgarten beziehen, der liebevoll gepflegt wird und mit Fruchtbäumen bepflanzt ist. Oder auf den Ölgarten, den Ort des Leidens und des Todes. Als Gebet lesen die hier ankommenden Gruppen oft das geistliche Testament von Christian de Chergé. Man ist dabei tief berührt von seiner Botschaft der Brüderlichkeit und der Gemeinschaft, die davon spricht, dass das Leben und die Liebe stärker sind als zerstörerischer Hass.

Wenn man dann wieder den gleichen Weg zurückgeht, fällt es schwer, sich von dieser Atmosphäre des Schweigens und erfüllter Spiritualität zu trennen.

Zur Zeit unseres Besuches in Tibhirine war es gerade Advent. In der Kapelle, die im ehemaligen Lager des Weinbaus untergebracht ist, stand bereits eine Krippe und sieben Krippenfiguren erwarteten die Ankunft des Herrn.

Koningsakker – Naturfriedhof einer Klostergemeinschaft

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Zeugnisse

Pascale Fourmentin OCSO

Äbtissin von Koningsoord, Arnhem (Niederlande)


 

Natur zwischen Himmel und Erde

Koningsakker – Naturfriedhof einer Klostergemeinschaft

 


„Koningsakker“ eines naturbelassenen oder ökologischen Friedhofes, der mit der Zisterzienserinnenabtei Koningsoord in den Niederlanden verbunden ist. Der Name des Friedhofs und der Abtei beginnen mit dem gleichen Wort „Koning“, was „König“ auf Holländisch bedeutet. Für uns ist aber nicht so sehr dieser Begriff wichtig, sondern der Umstand, dass es dasselbe Wort ist. Es drückt eine Verbindung zwischen Friedhof und Kloster aus.

Abtei Koningsoord, Arnhem.
Abtei Koningsoord, Arnhem.

Was bedeutet das – „Naturfriedhof“? Und warum befasst sich eine Zisterzienserabtei mit der Betreuung einer solchen Einrichtung? Ist das mit dem Klosterleben überhaupt vereinbar? Das sind einige spontane Fragen, welche bei diesem Thema aufsteigen. Meine Ausführungen möchten darauf antworten, indem ich die dahinter stehende Idee und die Entwicklung des Projektes erläutere. Die Initiative hat viele innerklösterliche Diskussionen über die klösterlichen, kulturellen und kirchlichen Aspekte eines solches Projektes ausgelöst.


1. Natur als letzte Ruhestätte auf Erden

Vielleicht ist es uns bereits aus dem Bewusstsein entschwunden: Die Natur ist zweifellos der nächstliegende Ort für eine Beerdigung, welche von Menschen seit undenklichen Zeiten benutzt wird. Später hat dann wohl der Wunsch nach Riten, Symbolen und ausgewiesenen Orten die Entwicklung eigener Beerdigungsorte ausgelöst, in denen sich der Mensch mit seinem jeweiligen Glauben und seiner Kultur ausdrücken kann. Zur Zeit gibt es viele Überlegungen, wie wir unsere Toten heute begraben sollten. Diese wurden unter anderem ausgelöst durch die Überbelegung städtischer Friedhöfe, egal ob kirchlich oder staatlich, die Schließung vieler Pfarrkirchen, die Notwendigkeit, zeitlich begrenzte Liegeplätze auf Friedhöfen regelmäßig verlängern zu lassen, der Wegzug von Familien ins Ausland oder in andere Landesteile und natürlich die ständige Zunahme von Feuerbestattungen.  In diesen Zusammenhang müssen auch die Naturfriedhöfe eingeordnet werden. Sie traten zuerst in England auf und wurden schon kurz darauf in den Niederlanden übernommen. Diese Bewegung hat in den letzten zehn Jahren beachtlich zugenommen.

Das Prinzip solcher Friedhöfe ist recht einfach. Man will einen Verstorbenen in der Natur beerdigen, also den Leichnam der Natur zurückgeben. Dafür gibt es keinen besonders hervorgehobenen Platz, keinen Gedenkstein, kein Kreuz, keine Einfriedung. Grundgedanke ist, dass die Natur selbst als Grab dient. Die lebendige Natur wird den Toten aufnehmen und sich weiter entwickeln. Man erahnt schon den Zusammenhang, der damit auf einer natürlichen Ebene zwischen Leben und Tod hergestellt wird. In Weiterführung dieser Verbindung zwischen Leben und Tod hat dieses Friedhofskonzept auch als Anliegen, dass die Natur geschützt wird. Daher wird auch auf manchen dieser Friedhöfe Natur wiederhergestellt. Das gilt auch für Koningsakker, wo 17 Hektar an Maisfeldern renaturiert wurden und somit eine natürliche Umgebung erneuert wurde. Dieses neu geschaffene Biotop nimmt nun wieder am Kreislauf von Flora und Fauna in Holland teil. Hier in Holland ist Umweltschutz ein großes Anliegen und jede Grundstücksnutzung muss sich an diesem Anliegen messen lassen.

Wenn also ganz konkret eine Person nach ihrem Ableben auf unserem Friedhof beerdigt werden will, so sucht sie sich einen Platz aus. Dieser Ort wird mit GPS-Daten festgelegt. Mit diesen Angaben könnte man also auch den Bestattungsort jederzeit wieder ausfindig machen, selbst wenn er in einem Heidefeld liegt. Die Person, welche das Beerdigungsrecht erworben hat, liegt dort für eine unbegrenzte Zeit und seine Ruhestätte wird nicht gestört. Selbst wenn alle möglichen Grabstätten belegt sein sollten, bleibt der Ort ein Naturschutzgebiet. Nach der Beerdigung können die Angehörigen am Grab eine Holzplakette mit dem Namen des Verstorbenen anbringen. Diese Plakette ist biologisch abbaubar ebenso wie alles andere, was mit dem Toten beerdigt wird.

Neben ökologischen Überlegungen spielt das Menschliche eine entscheidende Rolle bei dem Projekt. Die menschliche Begleitung ist wesentlich bei allen Vorgängen. Neben einer ständigen Betreuung von Friedhofsbesuchern findet eine intensive Begleitung statt, die mit der Wahl des Begräbnisortes beginnt und sich fortsetzt mit dem Empfang von Angehörigen, welche das Grab besuchen wollen. Diese Aufgabe wird von einer kompetenten und dafür ausgebildeten Person übernommen, die zuhören, begleiten und Rat geben können soll. Zu unserem Projekt gehört also nicht nur die Pflege des Naturfriedhofs, sondern auch die Auswahl geeigneter Kontaktpersonen.

 

2. Geburt eines Friedhofes

Der Naturfriedhof von Koningsakker.
Der Naturfriedhof von Koningsakker.

Wie kam es zu diesem Projekt? Es entstand aus einem langwierigen Gemeinschaftsprozess. Zwei voneinander unabhängige Umstände brachten uns auf diesen Weg. Der erste ist unser Anliegen, um das Kloster herum eine Zone der Stille und der Natur zu schaffen. Die Gemeinschaft flüchtete vor ungefähr zehn Jahren von ihrem bisherigen Standort, weil das Umfeld immer mehr verstädterte. Wir wollen diese Erfahrung nicht wiederholen, vor allem weil ja dieses Land dicht bevölkert ist. Die uns umgebenden Maisfelder stellten für die Zukunft ein Risiko dar. So nutzten wir die sich plötzlich ergebende Gelegenheit, diese Felder zu erwerben, was uns wie ein Ruf Gottes erschien. Gleichzeitig suchten wir nach einer Lösung für unsere einbrechenden Klosterfinanzen. Aus diesen Faktoren entwickelte sich unser Projekt. Zunächst schien uns der Friedhofsplan seltsam, vor allem, da wir nicht recht wussten, was damit zusammenhängt. Doch dann haben wir uns informiert, solche Naturfriedhöfe besucht und uns intern zu dem Thema ausgetauscht. In ersten Reaktionen wurde die Idee rundum verworfen, dass das Kloster neben einem Friedhof liegen könnte. Dann kamen aber andere Gedanken auf wie die Enzyklika Laudato si’, ökologische Überlegungen, zeitgemäßige Einstellungen zu Tod und Beerdigung, die Überlegung, das Grundstück gemeinnützig zu verwenden, der Gedanke der Regel im vierten Kapitel, dass man „den Tod täglich vor Augen haben soll“, die Möglichkeit, unserem Glauben an die Auferstehung Ausdruck zu verleihen und schließlich als unser zisterziensisches Erbe, eine heutige Form der Bodennutzung. Ein Thema war auch unsere katholische Identität in einem protestantischen Umfeld. Unser Friedhof ist auf Katholiken eingeschränkt, denn wir wollten ebenso wie im Gästebereich offen für alle sein. Dennoch bringen wir unsere katholisch-christliche Identität klar zum Ausdruck. Das wissen und respektieren auch die Menschen, die hier bestattet werden wollen, ebenso wie unsere Klostergäste. Denn auch wenn unser kulturelles Umfeld extrem säkularisiert ist, herrscht Verständnis für das religiöse Zeugnis, das wir mit diesem Projekt ablegen. Für sie und ihre Familien ist es eine Gelegenheit, mit uns in Kontakt zu treten.

Der Friedhof Koningsakker wurde am 1. September 2019 eröffnet. Wir haben viel Zustimmung für dieses Projekt erfahren, was wir als Bestätigung unserer Entscheidung werten. Nun obliegt uns die weitere Begleitung des Friedhofs, wobei wir sensibel für die Bedürfnisse der Menschen und veränderungsbereit sein müssen. Die Gemeinschaft hat die Entwicklung des Projektes als aufbauende Zeit erlebt. Wir erfahren, wie sich unser Auferstehungsglaube mit heutigen ökologischen Ideen verbindet. Dazu arbeiten wir mit Menschen aus dem Umland zusammen, die auf dem Friedhof mit uns zusammenarbeiten. Wir beten auch für die Menschen, die hier beigesetzt werden. So hat dieses anfangs recht umstrittene Projekt unsere Gemeinschaft neu belebt und uns erneut zusammengeschmiedet dank eines ungewöhnlichen und mit Risiken verbunden Projektes, das bereits jetzt schon gute Früchte trägt.

Die Sargproduktion von New Melleray

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Zeugnisse

Jean-Pierre Longeat OSB

Präsident der AIM

 

Die Sargproduktion

von New Melleray[1]

 


Ausgesprochen reizvoll, aber auch mit viel Arbeit verbunden ist für die Trappistenabtei New Melleray die Bewirtschaftung des umfangreichen Klostergrundes von 1376 Hektar, der aus Wald und Feldern besteht. Dieses amerikanische Kloster liegt im Bundesstaat Iowa in der Nähe von Dubuque. Die Zahl der Mönche hat über die Jahrzehnte stark abgenommen und zudem sind sie in die Jahre gekommen. Auch wenn sie gerne an diesem Ort leben, müssen sie nun neue Einnahmequellen, ohne unter der Last der Arbeit zusammenzubrechen.

Früher lebten gut 150 Mönche im Kloster, welche tatkräftig eine vielseitige Landwirtschaft mit Milchkühen und Schweinezucht betrieben. Doch seit gut einer Generation ist diese Epoche abgeschlossen. Seitdem lebt die Gemeinschaft von Spenden der Klostergäste, Einkehrkursen und dem Verkauf von Soja und Biomais, was aber auch zusammengenommen kaum ausreicht, um den Unterhalt zu bestreiten.

Doch ist New Melleray nicht das einzige Kloster, das sich solchen wirtschaftlichen Zwänge stellen muss. Die benediktinische Tradition sieht zwar Arbeit als festen Bestandteil ihres Charismas. Aber mit der wachsenden Bedeutung von Technologie und Internet, einem hohen Standard von Sicherheitsvorschriften und überhaupt rechtlicher Auflagen hat sich das Gesicht der Arbeit sehr gewandelt und die Mönche mussten sich anpassen.

Die Gemeinschaft von New Melleray hat nach einer Form gesucht, welche den Erwerb des Lebensunterhaltes mit der monastischen Tradition vereint. Dafür haben sie zunächst einmal ihre Landwirtschaft eingestellt, weil diese keine Freiräume mehr für das klösterliche Leben ließ. Eine Reihe von Mönchen äußerte nämlich zunehmend, dass sie nicht ins Kloster gegangen seien, um wie in einer Fabrik zu arbeiten.

Der Nachfolgeplan war zunächst eine Möbelfabrik, aber ein befreundeter Unternehmer brachte sie davon ab. Zur gleichen Zeit bat sie ein benachbarter Landwirt, der den wachsenden Markt für Särge entdeckt hatte, ob sie für ihn in der Klosterschreinerei Särge produzieren könnten. Daraus ergab sich nach und nach eine Zusammenarbeit, welche auch von der ganzen Klostergemeinschaft bejaht wurde. Diese Tätigkeit schien nämlich für Mönche durchaus geeignet zu sein: Nach der Benediktsregel soll man ja täglich den Tod vor Augen haben, denn jede Stunde könnte zur wichtigsten des Lebens werden, nämlich die Stunde des Heimgangs zum Vater.

Die Betriebsleitung liegt bei einem Angestellten. Die mitarbeitenden Mönche beginnen ihren Arbeitstag um 9.30 Uhr, unterbrechen ihn dann am Mittag für das Gebet und eine Mahlzeit, fangen dann gegen 14.00 Uhr erneut an und hören um 16.30 Uhr auf, um sich für die Vesper vorzubereiten.

Eine weitere Angestellte ist als Beraterin für anfragende Familien unterwegs. Sie trifft sich mit Menschen aus dem ganzen Land, die sich wegen einer Sargbestellung melden. Diese Kontakte sind äußerst wichtig und der Heilige Geist scheint bei diesem Austausch zwischen Kunden, Angestellten und Mönchen zu wirken, wenn viele Geschichten von letzten Stunden an das Kloster weitergegeben werden.

Die klösterliche Sargherstellung berücksichtigt das Anliegen, dass die anfragenden Familien auch Trost suchen. So werden die Särge auch in einer Atmosphäre des Gebetes angefertigt und werden am Schluss für die letzte Reise gesegnet.


Jeder, der im Kloster einen Sarg oder eine Urne bestellt hat, wird anschließend zu einem Gedenkgottesdienst eingeladen. Jeder Verstorbene wird in ein Gedenkbuch eingetragen und ein Baum wird für ihn im Klosterwald gepflanzt. Damit wird ein lebendiges Zeugnis für ihn geschaffen. Die Familie erhält auch einen Brief aus dem Kloster, der sie informiert, wie sie die Arbeit der Mönche unterstützen können, und eine Gedenkkarte am ersten Jahrestag des Todes. Die Mönche schließen in ihr Gebet nicht nur die Verstorbenen, sondern auch deren Angehörige ein. Nach der Gedenkmesse werden diese zu einem Rundgang durch die Klosteranlage und die Sargwerkstatt eingeladen. Sie können auch jederzeit wieder das Kloster besuchen, wenn sie es wünschen.

Mit den Särgen wird den Angehörigen auch immer ein kleines Kreuz mitgeschickt, das den Namen und die Lebensdaten des Verstorbenen trägt. Auf diese Weise kann man täglich an einen lieben Angehörigen denken, den man verloren hat.

Die aus massivem Holz gefertigten Särge entstammen der Natur und kehren zu ihr zurück. Damit wird Gott für seine Geschenke gedankt. Die Klostergemeinschaft möchte in ihrer Werkstatt nicht nur ein Produkt anfertigen, sondern betrachtet ihre Arbeit als Weitergabe der Liebe und der Barmherzigkeit des Herrn.

 

[1] Der Artikel wurde aus verschiedenen Quellen zusammengestellt.

Lebenslektionen von Paul zu Krankheit und Tod

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Öffnung zur Welt

Roger Gil

Neurologe und Leiter eines Ethikzentrums (Frankreich)


 

Lebenslektionen von Paul

zu Krankheit und Tod

 


Die Zeitschrift „New England Journal of Medicine“ (NEJM) veröffentlicht üblicherweise Fachartikel im medizinischen mainstream, bei denen es um neue Erkenntnisse im Bereich von Diagnose, Prävention und Therapie geht. Manchmal findet man in dieser Zeitschrift aber auch Artikel, welche sich mit der menschlichen und ethischen Seite der Medizin beschäftigen. Das berühmteste Beispiel dafür ist ein Artikel von Henry Beecher, der 1966[1] erschien und ein Umdenken der westlichen Medizin nach sich zog, nachdem dort eindrucksvoll wissenschaftliche Experimente dokumentiert worden waren, welche die menschliche Würde nicht mehr respektiert hatten. Die Zeitschrift hatte diesem mutigen Artikel 2016 nochmals gewürdigt[2] und dabei hervorgehoben, dass ethische Überlegungen die medizinische Forschung nicht bremsen, sondern zu ihrer Humanisierung beitragen.

Im August 2018 veröffentlichte NEJM einen weiteren Artikel, der die menschliche Seite der Medizin behandelt und eine Krankengeschichte dokumentiert, welche den Titel trägt: „Lebenslektionen von Paul angesichts des Todes“.[3]

Bei diesem Paul handelt es sich um einen Rabbi, der drei Jahre zuvor an einem Darmkrebs gestorben war. Er war 64 Jahre alt, als ihn auf einmal heftige Bauchschmerzen ins Krankenhaus führten, wo ein Darmkrebs im Stadium IV mit Metastasenbildung diagnostiziert wurde. Es wurde ein künstlicher Darmausgang (Colostomie) angebracht, dann folgten eine Reihe der aktuellsten Behandlungsformen, aber der Tod folgte trotzdem 34 Monate später. Beim Verfasser des Artikels handelt es sich um den behandelnden Arzt, der zudem noch sein leiblicher Bruder war. Er beschreibt in dem Artikel die drei Lebenslektionen, welche sein Bruder während der Behandlung, welche immerhin sein Leben verlängerte, den Hinterbliebenen geschenkt hatte.

 

Zurückschauen, um für zukünftiges Leben zu lernen

Vor der Diagnose wusste Paul nichts von seinem Darmkrebs. Das belastete ihn aber keineswegs. Er folgte vielmehr der Auffassung von Kierkegaard, wonach Leben immer auf die Zukunft ausgerichtet sein muss, auch wenn es nur aus der Vergangenheit lernen kann. Er bat auch seine Frau und seine Kinder, sich diese Einsicht zu Herzen zu nehmen. Ihm war bewusst, dass alle Maßnahmen seinen bevorstehenden Tod nicht abwenden konnten. Mit seiner Geschichte wollte er anderen helfen, dass sie eine ähnliche Situation besser bewältigen konnten. Sie sollten wie er verstehen können, dass der Schock über eine solche Entdeckung vorübergeht, aber wichtige Entdeckungen möglich waren.

 

Weitermachen mit den täglichen Aufgaben

Paul zählte als Rabbi zu einer konservativen jüdischen Richtung, welche eine Art Mittelweg zwischen orthodoxen und reformierten Strömungen ging. Dies beinhaltete für ihn Offenheit, Respekt für andere Glaubensrichtungen und Wertschätzung von Pluralität. Trotz seiner Krankheit und einer anstrengenden Chemotherapie setzte er seine Gemeindearbeit fort und leitete Feiern aller Art. Drei Monate vor seinem Tod begrub er ein Gemeindemitglied und sagte, dass ihm hoffentlich derselbe Dienst zuteil werden. Dies geschah auch.

 

Lebensziele weiterführen

Wegen seiner Krankheit war die Hochzeit seiner Tochter verschoben worden. 48 Stunden vor dem neuen Hochzeitstermin wurde er wegen inneren Blutungen ins Krankenhaus gebracht. Einige Stunden vor der Hochzeit sammelte er seine ganzen Kräfte, um an der Feier teilzunehmen. Seine Familie half ihm beim Ankleiden und brachte ihn im Rollstuhl zur Hochzeit. Dort hielt er eine Ansprache, in der er dem jungen Paar sagte, dass sein Wochenende ganz ihnen gehöre. Seine humorvolle Art lockerte die Atmosphäre auf, die sonst gedrückt gewesen wäre. Als er dann Abends zu Bett gebracht wurde, war allen klar, dass das Ende nahe war. Zehn Tage später wurde er zu Gott gerufen.

In dem Artikel legt sein Bruder Wert darauf, dass der Kranke die medizinische geschenkte Lebensverlängerung in bestmöglicher Weise genutzt habe. Er war den Wissenschaftlern, Ärzten und Patienten dankbar, welche riskante medizinische Versuche mitgetragen hatten und so die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden ermöglicht hatten. Daher konnte er zwei Jahre länger mit einer Krankheit leben, die noch vor zwanzig Jahren innerhalb weniger Monate zu einem schmerzhaften Tod geführt haben würde. In dieser Zeit führte er seine Umgebung zum Leben hin und seine Familie lernte auf eine neue Weise, den Wert des Lebens wahrzunehmen.

Die medizinischen Fortschritte finden letztlich darin ihr Ziel: Den Kranken wird ermöglicht, trotz ihres Zustandes ihrem Leben Sinn zu geben. Nur in dieser Weise wird eine hochgradig professionelle Medizin menschliche Züge gewinnen. Die Bioethik will eben diese Verbindung fördern.

 


[1] H. K. Beecher, « Ethics and Clinical Research », The New England Journal of Medicine 274, no 24 (16 juin 1966) : 1354‑60, https://doi.org/10.1056/NEJM196606162742405.

[2] David S. Jones, Christine Grady, et Susan E. Lederer, « “Ethics and Clinical Research” – The 50th Anniversary of Beecher’s Bombshell », New England Journal of Medicine 374, no 24 (16 juin 2016) : 2393-98, https://doi.org/10.1056/NEJMms1603756.

[3] Jeffrey M. Drazen, « Life Lessons from Paul in the Face of Death », The New England Journal of Medicine 379, no 9 (30 août 2018) : 808‑9, https://doi.org/10.1056/NEJMp1808695.

Totenliturgie – vietnamesische Traditionen und monastische Riten

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Liturgie

Marie-Pierre Như Ý OSB

Priorin von Lôc-Nam (Vietnam)

 

Totenliturgie –

vietnamesische Traditionen

und monastische Riten


 

Von tradionellen zu christlichen Sterberiten – Lehren der Geschichte

Das Zusammenspiel zwischen traditionellen vietnamesischen Beerdigungsriten und der kirchlichen Tradition hat eine lange Vorgeschichte. Es ist nicht nur die Frucht von Expertenkommissionen und gelehrter Forschungen, sondern erwuchs aus Anliegen des ganzen Gottesvolkes heraus, worin sich der eigentliche Sinn eines gereiften Glaubenslebens ausdrückt, das Frucht bringt. Um das richtig einschätzen zu können, müssen wir kurz auf die geschichtlichen Debatten in China und Vietnam zurückblicken, die letztlich zur Entscheidung führte, die Ahnenverehrung wieder aufzugreifen.

 

Ein geschichtlicher Rückblick auf China und Vietnam

Zur Zeit des Ritenstreits im 16. Jahrhundert, der zwischen Angehörigen verschiedener Missionsorden ausgetragen wurde, wurde im Zusammenhang mit Sterberiten auch die Ahnenverehrung zunehmend kritisch gesehen.[1] Was gab es an „Wahren und Heiligem“ in der Ahnenverehrung aus der Sicht der katholischen Kirche?

Der Ritenstreit wurde schließlich von Papst Clemens XI. durch ein Dekret vom 20. November 1704 entschieden, welches den Christen eine Ahnenverehrung in den Tempeln und in ihren Privathäusern verbot und ihnen untersagte, die Tafeln mit den Namen der Vorfahren aufzubewahren. In der Konstitution Ex illa vom 19. März 1715 erneuerte er diese Vorbote und befahl allen Missionaren, dass sie vor ihren jeweiligen Vorgesetzten die Einhaltung dieser Bestimmung unter Eid erklären sollten. Papst Clemens XII. wiederholte diese Bestimmungen seines Vorgängers ein weiteres Mal in der Bulle Ex quo singulari vom 11. Juli 1742.

Um innerhalb der Asienmission wieder zu einer gewissen Einheitlichkeit und Handlungsfähigkeit zu gelangen, hatte zuvor der Päpstliche Legat Messabarba durch eine in Macao erlassene Verordnung vom 4. November 1712 den chinesischen und vietnamesischen Christen erlaubt, dass sie vor den Ahnentafeln durchaus Opfer und Gesten des Ehrfurcht darbringen könnten. Nach dieser Verordnung können solche Gaben und Gesten im Tempel, vor dem Sarg oder dem Grab des Verstorbenen dargebracht werden, weil sie Respekt und Pietät ausdrücken sollen.[2] Doch auch diese Bestimmungen konnten die Streitigkeiten innerhalb der christlichen Gemeinschaften nicht besänftigen. Der Apostolische Vikar Saraceni verbot nämlich für sein Gebiet in Chan-Si und Chen-Si jede Ehrfurchtsbezeugung vor den Ahnentafeln. Dagegen wurde diese vom Bischof von Peking erlaubt.

Altar für Ahnenverehrung in einem buddhistischen Tempel. © AIM.
Altar für Ahnenverehrung in einem buddhistischen Tempel. © AIM.

Unter den Päpsten Clemens XII. (1730-1740) und Benedikt XIV. (1740-1758) wurde somit die Frage des Ahnenkultes in Bezug auf die Beerdigungsriten nicht ganz eindeutig entschieden. Um jedes weitere Missverständnis zu vermeiden, entschieden sich damals jedoch die vietnamesischen Katholiken für einen vollständigen Verzicht auf Hausaltäre für Ahnenverehrung. Stattdessen wurde von nun an die traditionelle Pietät gegenüber den Vorfahren durch Teilnahme und Bestellung von Totenmessen ausgedrückt.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts[3] vertraten die Jesuiten die Auffassung, dass die Ahnenverehrung eine rein gesellschaftliche Praxis sei, keine religiöse, welche Ehrfurcht von den Eltern und Dankbarkeit gegenüber den Vorfahren ausdrücken solle. Diese Ansicht wurde von den chinesischen Gelehrten geteilt.[4]

Zwei Jahrhunderte später bestimmte die Kongregation Propaganda Fide in der Instruktion Plane compertum vom 8. Dezember 1939, die von Papst Pius XII. genehmigt wurde:

„Katholiken ist es gestattet, dass sie Verneigungen und andere Respektbezeugungen vor den Toten ausführen, was auch deren Bilder und Tafeln mit ihren Namen einschließt.“[5]

Dank dieser Anordnung ist heute die Ahnenverehrung, wenn sie sich mit dem Totenkult verbindet, genehmigt. Sie besteht dabei in Handlungen, welche ausschließlich Ehrfurcht gegenüber den Vorfahren und verstorbenen Eltern ausdrücken sollen. Dieser Ritus ist daher auch von jeder Form des Aberglaubens zu trennen.

Auch wenn also heute die Ahnenverehrung erlaubt ist, so bleibt die Frage, wie man sich dabei vor Aberglauben schützen kann?

 

Die Kontroverse zur Ahnenverehrung – die Gegenposition

Nach seiner Ankunft in Vietnam im Jahr 1628 stufte Bischof Alexander de Rhodes einige Beerdigungsriten als abergläubisch und lächerlich ein, zum Beispiel das Verbrennen von Andachtszetteln. Er verurteilte daher diese Praxis und ebenso das Fest Cung Giô, welches in Vietnam zur Erinnerung verstorbener Eltern gefeiert wird.

Bei seiner Verurteilung des Festes Cung Giô führte Bischof Alexander drei Irrtümer der Vietnamesen an: der erste Irrtum bestand im Glauben, dass die Seelen der verstorbenen Vorfahren in das Haus ihrer Kinder zurückkehren, wenn es ihnen so gefällt oder die Kinder sie darum bitten. Der zweite Irrtum bezog sich darauf, dass die Verstorbenen sich mit den Gaben sättigen, welche ihnen auf dem Ahnenaltar dargebracht werden, und der dritte und lächerlichste im Glauben, dass Leben und Wohlstand von den verstorbenen Vorfahren abhängen sollten. Sie würden ihre Unterstützung entziehen, falls die Kinder ihrer Pflicht nicht nachkommen, zu ihrer Ehre das Fest Cung Giô zu begehen.[6]

Man muss das so verstehen, dass nach einer chinesisch-vietnamesischen Tradition die Grundtugend der Ahnenverehrung die kindliche Ehrfurcht ist, die „Hiêu“ genannt wird. Dagegen wird der Mangel an solcher Ehrfurcht („Bât Hiêu“) als ein schweres Vergehen angesehen. Pater Lou Tseng Tsiang[7] hat mit großer Klarheit diese Haltung wie folgt charakterisiert:

„Die kindliche Ehrfurcht ist die Grundlage jeder moralischen Vervollkommnung, der Ursprung jedes Fortschritts und kein moralisches Handeln bleibt von ihren Folgen unberührt. Jeder Mensch ist in allen seinen Handlungen dazu aufgerufen, sich von ihr leiten zu lassen und nach ihr zu handeln.“[8]

 

Die Wiederentdeckung des Ahnenkultes

Hat die Ahnenverehrung einen religiösen Charakter? Und wenn eine religiöse Seite vorliegt, warum ist sie in den Augen der Mission nicht akzeptabel?

Tran Van Chuong, der von einem Weiterleben der Toten inmitten der Lebenden ausgeht und Riten zu ihrer Ehre bejaht, schreibt:

„Der Ahnenkult möchte die Lebenden an die Verstorbenen erinnern. Er entspringt einer moralischen Grundhaltung, welche Treue gegenüber der Erinnerung fordert.“[9]

Hô Dac Diêm schließt sich dieser Auffassung an:

„Der Ahnenkult entspringt der kindlichen Ehrfurcht. Ein ehrfürchtiger Sohn muss immer das unauslöschliche Gedenken seiner Eltern vor Augen haben.“[10]

Dazu findet sich bei Pater Cadière folgende Überlegung:

„Man muss hier klug unterscheiden. Die Riten der Ahnenverehrung an sich haben zwar keinen religiösen Charakter. Aber das wird von der großen Mehrheit der Vietnamesen nicht so gesehen. Für sie bleiben die Vorfahren auch nach ihrem Tod ein fester Bestandteil der Familie.“[11]

Schließlich kamen diese Überlegungen im Missionsbetrieb zu folgenden Ergebnis[12]:

„Die Gaben für die Toten bei den Beerdigungsriten sollen in einer Haltung vollkommener Liebe und mit tiefer Ehrfurcht übergeben werden.“

„Man soll die Eltern auch nach ihrem Tod ebenso wie zu Lebzeiten lieben und ehren“.

Im Jahr 1675 heißt es in der zweiten Festlegung einer Anweisung der Pariser Missionsgesellschaft:

„In keiner Weise soll mit Eifer oder Argumenten versucht werden, die Menschen von ihren Riten, Traditionen und Sitten abzubringen, wenn diese nicht offensichtlich gegen Religion und Moral verstoßen... Nicht unsere Kultur soll eingeführt werden, sondern der christliche Glaube, der weder die Riten noch die Gebräuche anderer Völker unterdrücken oder verletzen will.“[13]

Die Lehre, die wir daraus ziehen, besteht darin, dass die Kirche uns zu Geduld, Klugheit und genauer Unterscheidung einlädt. Dennoch brauchte es noch das Zweite Vatikanische Konzil, bis die Frage der Ahnenverehrung endgültig geklärt wurde.

 

Anpassung des klösterlichen Totengedenkens an die vietnamesische Kultur – ein Vorschlag

Gebete und Opfer auf einer Straße in Shanghai. © AIM.
Gebete und Opfer auf einer Straße in Shanghai. © AIM.

Für die meisten Vietnamesen bleiben die Vorfahren auch nach ihrem Tod Teil der Familie. Daher verstehen viele den Ahnenkult im Sinne einer religiösen Verehrung der Vorfahren. Dazu gehört unter anderem, dass am Tag der Ahnenverehrung alle Gräber geschmückt werden und sich die Familienmitglieder im Elternhaus versammeln müssen, um ihre Dankbarkeit zu bezeugen und die familiären Bande durch eine gemeinsame Mahlzeit zu stärken. Um Mitternacht zu Beginn des chinesischen Neujahrs findet die wichtigste Zeremonie der Ahnenverehrung statt und weiteres mehr.

Heute haben die vietnamesischen Christen kein besonderes Bedürfnis, sich in den Augen ihrer Mitbürger unterschiedlich zu verhalten. Warum auch? Früher wurden Christen als Menschen betrachtet, die sich bewusst von ihren Wurzeln abschneiden, denn so wird der Verzicht auf Ahnenverehrung gesehen. Diese Einschätzung ist auch heute noch spürbar, auch wenn die vietnamesische Kirche sich bemüht, ihre Beerdigungsriten kulturell anzupassen.

Wie lässt sich die monastische Beerdigungsfeier an die vietnamesische Kultur anpassen? Welche Möglichkeiten gibt es, um eine Annäherung zwischen dem monastischen Ritus und den Gebräuchen Vietnams vorzunehmen, vor allem im Rahmen des kontemplativen Mönchtums?

Nach meiner Einschätzung muss man vor allen Adaption folgende Punkte berücksichtigen:

– die kirchliche und vor allem die monastische Totenliturgie will nicht nur ein symbolgeladenes Spektakel aufführen, sondern ist Kult. Das bedeutet, dass der Heilsplan Gottes gefeiert und der Glaube an das Kerygma verkündet wird: Christ ist tot, Christ ist auferstanden und mit ihm alle, die an seinen Namen glauben.

– Der Schwerpunkt liegt auf dem Verstorbenen, der ein letztes Mal Teil einer liturgischen Feier ist und für den man betet ebenso wie für die Lebenden, welche den Trost der Hoffnung brauchen.

– Der Körper ist ein wesentlicher Teil der Person. Auch wenn das Leben aus ihm gewichen ist, wird er nicht einfach nur ein Ding. Er bleibt der Körper einer bestimmten Person, der früher Zuwendung, Zärtlichkeit, Freundschaft ausgedrückt hat, der von Krankheiten heimgesucht wurde und die ganze Geschichte einer Person geteilt hat. Die Wunden dieses Körpers sind dazu bestimmt, bei der Auferstehung verwandelt zu werden. Der Körper eines getauften Verstorbenen ist Tempel des Heiligen Geistes, berührt von den kirchlichen Sakramenten und gestärkt durch die Eucharistie. Allein schon die Art, wie dieser Körper bei einer Beerdigung geehrt wird, spricht eine klare Sprache von seiner gewaltigen Würde und seiner Berufung zu ewigem Leben.[14]

Nicht zuletzt drückt jeder Ritus auch eine bestimmte Theologie aus. Die hier zutreffende Theologie spricht von dem engen Band zwischen dem Ostern des Christus und des Verstorbenen. Die Teilnahme am Ostergeheimnis Christi führt zur Taufe zurück, durch welche wir Teil des Leibes Christi geworden sind. Der österliche Charakter des Todes ist dadurch gekennzeichnet, dass er ein wahrhafter „transitus“ ist, der zu ewigem Leben führt und zur Gemeinschaft der Heiligen. Die Seele erfährt dabei Reinigung und erwartet in ihrem Körper die Auferstehung des Fleisches.

Die Theologie der Totenliturgie erinnert auch daran, dass die Kirche fest daran glaubt, dass die Gemeinschaft aller Glieder Christi „den einen geistlichen Beistand schenkt und den anderen den Trost der Hoffnung.“

Schließlich unterstreicht der Ritus, dass der Leichnam eines Verstorbenen seine eigene Würde hat, weil er Tempel des Heiligen Geistes war.

Unser Vorschlag zu einer monastischen Totenliturgie besteht also darin, dass wir uns der heidnischen und inakzeptablen Elemente der Volksfrömmigkeit bewusst werden, wie zum Beispiel die Totenbeschwörung im Rahmen von Wahrsagepraktiken. Als Christen können wir uns auch mit dem Gedanken an den Tod durchaus aussöhnen und diese Wirklichkeit in aller Seelenruhe[15] annehmen, denn Christus ist gestorben und auferstanden.

Es wird allerdings nicht ganz einfach sein, eine solche Form der Unterscheidung konsequent durchzuführen, da sie auch Traditionen berührt, welche tief in der vietnamesischen Kultur verankert sind.

Altar für Ahnenverehrung im Kloster Thu-Duc.
Altar für Ahnenverehrung im Kloster Thu-Duc.

[1] Die äußeren Zeichen wie Verbeugungen, Niederwerfen oder Opfergaben sind bei der Ahnenverehrung und in christlichen Beerdigungsriten kaum zu unterscheiden. Aber wie steht es mit der jeweiligen Sinngebung?

[2] Vgl. dazu die Dissertation von Antonius Duong Quynh, « Un aperçu historique de la controverse en Chine » dans l’adaptation des rites funérailles chrétiens en vue de l’inculturation

[3] Vgl. Wieger, Histoire des Croyances religieuses en Chine, 1ère leçon – Cadière, Croyances et pratiques religieuses des Vietnamiens, S. 266-273 – Houang, Âme chinoise et Christianisme, Kap. 1 – Tran van Hien Minh, La conception confucéenne de l’homme, Saïgon, 1962, S. 57.

[4] Eine Analyse der chinesischen Philosophie und Klassiker, auf denen die Riten beruhen, führt zum Schluss, dass die Riten lediglich Dankbarkeit und Respekt ausdrücken, aber keinen religiösen Hintergrund haben.

[5] Vgl. Propagandakongregation, Instructio circa quasdam caeremonias et juramentum super Ritibus Sinensibus, in: AAS, 32, 1940, S. 24-26.

[6] Vgl. Cf. Alexandrande de Rhodes, Histoire du royaume du Tonkin, Paris,1999, S. 70-77.

[7] Pater Pierre Célestin Lou Tseng Tsiang war Mönch von St. André/Zevenkerken in Brügge und 81. Titularabt von St. Pierre/Gent.

[8] Lou Tseng Tsiang, La rencontre des humanités et la découverte de l’Évangile, S. 51.

[9] Tran Van Chuong, Essai sur l’esprit du Droit sino-vietnamien, S. 17.

[10] Hô Dac Diêm, La puissance paternelle dans le droit vietnamien, Paris, 1928, S. 30.

[11] Cadière, a.a.O., S. 41.

[12] Dokumentiert in der Stellungnahme der Jesuiten gegenüber Anfragen der Propagandakongregation (Archiv der Missions Étrangères).

[13] G. Goyau, Les prêtres des Missions Étrangères, Éditions Ouvrières, Paris, 1956, S. 24.

[14] Pierre Jounel, La célébration des Sacrements, Desclée, Paris 1983, S. 905.

[15] Bei einem Todesfall ist es in Vietnam Sitte, mit lauter Stimme zu weinen. Der traditionelle Grabritus schwankt zwischen den Vorstellungen, dass der Tote anwesend und abwesend ist.

Dem Schlaf des Todes widerstehen

10

Meditation

Irénée Jonnart OSB,

Abtei Chevetogne (Belgien)

 

Dem Schlaf des Todes widerstehen

 


„Denn wie es in den Tagen des Noach war, so wird die Ankunft des Menschensohns sein“ (Mt 24,37). Diese Botschaft scheint uns nicht annehmbar, weil hierbei die frohe Botschaft mit der Gewalt einer Sintflut gleichgesetzt wird, die alle Lebewesen verschlingt. Können wir hinter diesem apokalyptischen Bild das Kommen einer neuen Welt entdecken, neu geboren und reich an Verheißung? Das würde zunächst mit der Zusage Gottes beginnen, dass sich eine solche Zerstörung nie mehr wiederholen solle (Gen 8,21).

In der Tat lädt uns das Evangelium in seinem Gesamtzusammenhang dazu ein, den Hinweis auf Noach als Aufruf zur Wachsamkeit zu verstehen und als ein vertrauensvolles Warten auf ein frohes Ereignis, das schon in der Gegenwart beginnt. Dafür heißt es: Aufwachen! Denn die Welt liegt im Schlaf! Dies scheint auf den ersten Blick nicht offensichtlich zu sein, denn gestern wie heute „isst man, trinkt man, heiratet man...“. Aber dennoch liegt eine ganze Welt zwischen einer bloß biologischen Existenz, die sicher unabdingbar ist mit ihren Funktionen von Ernährung und Nachkommen hervorbringen, und einem Leben in Fülle. Letzteres ist von einer Begeisterung erfüllt, die von oben kommt und den Menschen unwiderstehlich mitreißt, wie es nur Liebe vollbringen kann.

Dieses Leben in Fülle erreicht Noach, wenn er die Arche betritt. Sie wird zum Symbol menschlicher Innerlichkeit in ihrer ganzen Tiefe. In diesem Heiligtum befindet sich die Quelle des Lichtes und des Lebens, eine Stromversorgung, an die man sich anschließen kann. Dort findet man auch den Menschensohn. Auf diese Weise kann man das Leben finden, das in jedem von uns schlummert und sich auf dessen besondere Bedingungen einstellen. Ein solches Vorgehen verlangt eine innere Reinigung. Und hier gewinnt das Bild von der Sintflut seine ganze Bedeutung! Ein Bad im Urwasser, durch das der hineinsteigende Mensch zu neuem Leben erwacht – sei es das urzeitliche Wasser der Evolution oder das Fruchtwasser im Leib der Mutter. Eine solche Taufe erneuert das Leben und die Erinnerung an seinen Ursprung und seine Entfaltung.

Doch wie steht es mit den anderen Menschen, die sich nicht in der rettenden Arche befinden? „Wenn sich zwei Männer auf dem Feld befinden, so wird einer weggenommen und der andere überlebt.“ Jedes Mal, wenn das Evangelium uns mit solchen Gegenüberstellung von zwei Personen konfrontiert, muss man sich bewusst sein, dass es im Grunde nur um einen und denselben Menschen geht, um zwei Seiten eines Charakters und zwar von uns selbst.

Es geht darum, den alten Menschen zu reinigen, der in jedem von uns lebt und ihn zum neuen Menschen umzugestalten, der zum Leben in Fülle erwacht und somit zum „Wächter“ geworden ist. Solche Wachsamkeit heißt nicht ständige Alarmbereitschaft, denn Wachen bedeutet nicht Überwachen, sondern Kampf gegen die eigene Herzensträgheit und die festen Ideen, wie das Kommen des Menschensohns geschehen sollte. Dieser kommt nämlich zu einer Stunde, in der „man ihn nicht erwartet“. Damit wird ausgesagt, dass man nicht bei eingespielten Gedankengängen bleiben kann, sondern sich auf das Ungeplante einlässt. Dies bezieht sich auch auf den Umgang mit dem Mitmenschen, da man auch für die anderen Wache steht.

Daraus ergibt sich die Botschaft dieses Bildes von den Tagen des Noach: Wir sind in gewisser Weise verantwortlich für die Ankunft einer neuen Schöpfung. Jeder Mensch ist auf seine Weise dazu eingeladen, an der Neugeburt der Welt mitzuwirken. Das Aufbrechen des Lebens zu seiner Fülle geschieht durch die Entfaltung seiner eigenen Innerlichkeit und seiner Wachsamkeit.

Anglikaner und Benediktiner

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Geschichte

Nicolas Stebbing OSB angl.

Gemeinschaft der Auferstehung (Simbabwe)

 

Anglikaner und Benediktiner

 


Wer die Geschichte Englands kennt, verbindet mit König Heinrich VIII. seine vielen Frauen, den Bruch mit Rom und seine Entscheidung, die Klöster aufzulösen. Alle protestantischen Reformatoren haben das klösterliche Leben aus verschiedenen theologischen oder moralischen Gründen abgelehnt. Doch König Heinrichs Haltung hatte weder theologische noch moralische Gründe.

Er hatte schlichtweg erkannt, dass die Klöster und die religiösen Orden das größte Bollwerk seiner Gegner gegen den geplanten Bruch mit Rom darstellten. Und er brauchte Geld, das er durch den Verkauf klösterlicher Güter zu erhalten hoffte. Zudem ging er davon aus, dass er sich die Unterstützung des Adels sichern könnte, indem er ihnen Klostergüter günstig verkaufte.[1] Unter Zuhilfenahme von Thomas Cromwell gelang es ihm tatsächlich innerhalb weniger Jahren – nämlich zwischen 1532 und 1540 – das gesamte blühende klösterliche Leben auszuradieren.

Drei Jahrhunderte mussten verstreichen, bis sich das Ordensleben wieder in England ansiedeln konnte. Und selbst heute gibt es viele Anglikaner, denen das anglikanische Ordensleben unbekannt ist. Im 19. Jahrhundert kam es zu einem Wiedererblühen des katholischen Geistes innerhalb der anglikanischen Kirche, der gemeinhin als „Oxfordbewegung“ bezeichnet wird und der sich zur „anglokatholischen Bewegung“ entwickelt hat. Die Anglikaner haben dabei das sakramentale Leben in seiner Ganzheit wiederentdeckt und zu einer erneuerten Theologie und Gebetstradition gefunden, welche zu den Ursprüngen der Kirche zurückgehen. In diesem Zusammenhang wurde auch das Ordensleben neu entdeckt. Es sollte eine Gebetstradition begründen, die zu einem barmherzigeren und umfassenderen Gottesbild als dem Staatskirche führte. Und es wurden Männer und Frauen gesucht, die sich in den Elendsvierteln der Großstädte einsetzen wollten.

Die ersten anglikanischen Kommunitäten entstanden in den 1840er Jahren als Schwesterngemeinschaften. Diese mussten erst einmal der Staatskirche beweisen, dass sie weder Schmarotzer noch lebensfremde Romantiker waren. Darum brachten sie sich in Pfarreien, im Schulunterricht, in der Krankenpflege und in sozialen Einrichtungen ein. Zugleich wollten sie eine Art klösterlichen Lebens führen, trugen traditionelle Ordenstrachten, beteten das vollständige heilige Offizium und bemühten sich um ein intensives Gebetsleben. So ahmten sie weitgehend ihre römisch-katholischen Schwestern nach. Am Ende des 19. Jahrhunderts gab es Tausende solcher anglikanischer Ordensfrauen.

Auf männlicher Seite wurde das religiöse Leben durch die „Bruderschaft des heiligen Evangelisten Johannes“ im Jahr 1865 wiederbelebt. 1890 erblickten die „Bruderschaft der Auferstehung“ und die „Bruderschaft der heiligen Sendung“ das Licht der Welt. Diese Männergemeinschaften wurden im Wesentlichen durch Priester begründet; sie führten viele Volksmissionen und Exerzitien durch und übernahmen Missionsarbeit in Südafrika und in Indien. Im 20. Jahrhundert schlossen sich mehrere franziskanische Gemeinschaften zur „Franziskusbruderschaft“ zusammen. Ebenso im 20. Jahrhundert wurde, nach einigen vergeblichen Versuchen, mit der Abtei Nashdom die erste benediktinische Gemeinschaft gegründet.[2] Wie bei den katholischen Orden ging die Zahl der Mönche in den Jahren nach dem II. Vatikanischen Konzil, also ca. ab 1962, stetig zurück, wobei die Ordensleute darum kämpften, ihr Leben an eine sich verändernde Welt anzupassen. Heute sind viele dieser Gemeinschaften verschwunden. Es lässt sich kaum vorhersagen, wie sich vor allem im Westen die Zukunft in diesem Bereich gestalten wird.

Als die ökumenische Bewegung die Mauern zwischen Anglikanern und Katholiken niederriss, begannen katholische Mönche anglikanische Klostergemeinschaften zu besuchen und brachten die Botschaft: „Ihr seid Benediktiner wie wir“ (das sagten sie natürlich nicht zu den anglikanischen Franziskanern). Wir antworteten darauf: „Nein, sind wir nicht!“ „Doch, das seid ihr“. Und sie hatten recht! Wie es scheint, gehört benediktinisches Leben ganz selbstverständlich zur anglikanischen Kirchentradition, so dass es von selbst neu erstand. Woran liegt das?

Ein Grund liegt sicherlich an der Kirchenreform von Erzbischof Thomas Cranmer (1489-1556). Er verkürzte das römische Offizium auf die anglikanische Version des Morgen- und Abendgebetes und erklärte sie für verbindlich für alle Priester. Damit begründete er eine Form anglikanischer Frömmigkeit, die dem monastischen Stundengebet ähnelt und sich aus Psalmen und Schriftlesungen zusammensetzt. Auch wenn diese Gebetszeiten gegenüber dem monastischen Officium kürzer ausfallen, enthalten sie grundsätzlich dieselbe Struktur und werden ebenfalls regelmäßig gebetet.

Ein anderer Grund für das anglikanische Wiederaufleben der benediktinischen Lebensform ist der Umstand, dass im Mittelalter die meisten Kathedralkirchen von benediktinischen Klostergemeinschaften getragen wurden. Der Aufbau eines Kathedralkapitels mit Dekan und Kanonikern ähnelte daher einer Klostergemeinschaft. Ein Chor war für den Gesang des täglichen Stundengebets zuständig. Auch nach der Reform setzte sich diese Struktur fort und wurde von der Bevölkerung weiter gut angenommen. Bis heute ist das festliche liturgische Gotteslob eine der großen Errungenschaften der englischen Kirche.

Das Wiederaufleben wurde schließlich dadurch begünstigt, dass die zwei Universitäten von Cambridge und Oxford überwiegend geistliche Gründungen waren. Nach der Vertreibung der Ordensleute führte ein Großteil des Personals und der Professoren ein klerikales und zölibatäres Leben weiter. Klösterliche Strukturen bewahrten sich auch im gemeinsamen Leben von Studenten und Professoren, den gemeinsamen Mahlzeiten in großen Speisesälen, dem obligatorischen gemeinsamen Gebet in der Kapelle und in der bewährten nüchternen Form des Wissenserwerbs in benediktinischer Tradition. Man soll diese Kontinuität nicht verklären, gab es doch auch viele Missbräuche und Missstände. Dennoch blieben diese Strukturen über Jahrhunderte bestehen. Als im 19. Jahrhundert die Neubegründer des anglikanischen Ordenslebens nach Vorbildern suchten, übernahmen sie ganz selbstverständlich das Vorbild der von ihnen einst besuchten Hochschulgemeinschaften. So wurde Gemeinschaftsleben, Gemeinschaftsgebet und eine solide akademische Grundlage zum Ausgangspunkt des anglikanischen Mönchtums.

Dieses alles geschah gewissermaßen von selbst, so dass nicht tiefer darüber nachgedacht wurde. Erst mit der Reform des katholischen Benediktertums im 20. Jahrhundert und der Intensivierung ökumenischer Kontakte wurde uns bewusst, dass auch auf anglikanischer Seite benediktinisches Mönchtum in verborgener Form existiert und eigentlich immer schon vorhanden war.

 

Was waren die Folgen?

Unser eigenes Kloster – die Gemeinschaft der Auferstehung – und unser Mutterhaus in Mirfield in Yorkshire gingen nach dem II. Vatikanischen Konzil eine Partnerschaft mit der Benediktinerabtei St. Matthias in Trier ein. Unsere Klosterfreundschaft ist über die Jahre weiter gewachsen und für beide Seiten ausgesprochen anregend. Regelmäßig besuchen wir uns gegenseitig und lernen voneinander. Die Mönche aus Trier entwickelten in dieser Zeit einen neuen klösterlichen Lebensstil, welcher der benediktinischen Tradition folgt und sich zugleich für Stadtseelsorge geöffnet hat.

Die Trierer Mönche haben uns dabei gezeigt, dass das benediktinische Leben nicht einem einheitlichen Stil folgen muss. Es bietet Raum für viele unterschiedliche Charismen, die allesamt in einem inneren Gespräch mit der Benediktsregel stehen. Es muss hier auch ehrlich gesagt werden, dass es für viele Mönche unserer anglikanischen Gemeinschaft nicht einfach war, ihre benediktinische Identität anzunehmen und sich als Teil der benediktinischen Weltgemeinschaft zu verstehen. Sie sahen einfach keine Notwendigkeit für einen solchen Schritt und befürchteten drastische Änderungen unseres Lebensstils und unserer Aufgabenbereiche. Nach ungefähr zwanzig Jahren sind diese Befürchtungen jedoch gewichen und im Jahr 2018 wurden wir auf unseren Antrag hin der Benediktinerkongregation der Verkündigung affiliert. Wir sind noch dabei zu entdecken, was das an Veränderungen für das Gemeinschaftsleben mit sich bringt, aber jetzt schon haben sich einige Punkte geklärt:

– Wir gehören zu einer großen Familie und stehen im Dialog mit einer großen Tradition. Wir sind nicht mehr auf die kleine Welt des anglikanischen Ordenslebens mit einer kurzen Geschichte von 200 Jahren beschränkt, sondern können auf eine gewaltige Tradition zurückgreifen, die 1500 Jahrhunderte Mönchtum umspannt.

– Eine Kernfrage ist Ausbildung von Novizen und die Weiterbildung von Professmönchen. Unsere früheren Neuzugänge waren überwiegend Priester mit Ausbildung in Seminaren, die ähnlich wie Klöster funktionieren. Wenn Laien eintraten, waren sie innerhalb der Frömmigkeit der Hochkirche aufgewachsen. Bei solchen Vorprägungen reichte es, wenn man sich auf die Vermittlung einiger klösterlicher Besonderheiten beschränkte. Heute sind viele Traditionen der anglikanischen Kirche verschwunden. Neuere Kandidaten haben kaum Kenntnisse im Bereich von Gebet und Sakramenten. Ausbildungsmäßig muss daher hier Grundlagenarbeit geleistet werden, wozu dann auch noch eine solide monastische Einstellung vermittelt werden soll. Wir sind uns auch bewusst, dass wir teilweise keine sonderlich guten Vorbilder sind und selbst Weiterbildung bräuchten. Diese Einschätzung teilen wir mit vielen weiteren Ordensgemeinschaften.

– Nach unserer Erfahrung führt die Auseinandersetzung mit der Benediktusregel keineswegs zu weltfremder Vergangheitsbetrachtung, wie manche befürchteten, sondern bewirkt gerade das Gegenteil. Wir haben erstmals richtig verstanden, dass das eigentliche Anliegen die geschwisterliche Gemeinschaft ist, das tagtägliche Zusammenleben mit den Brüdern und Schwestern, die Gott uns geschenkt hat. Es ist eben dieser Prozess, der uns hilft, zu einer reifen und gottgewollten Menschlichkeit zu gelangen. Wir setzen damit auf unsere Weise die Bergpredigt um, die für alle Christen richtungsweisend ist.

Die Auseinandersetzung mit der Benediktusregel hat uns geholfen, unsere unterschiedlichen Aufgaben klarer mit einem monastischen Profil zu versehen. Das schließt auch ein, dass wir Theologie lehren, in Pfarreien im Einsatz sind, Exerzitien geben, ökumenische Kongresse besuchen oder hier in Simbabwe, in Südafrika oder in den USA wirken. Für eine alternde Gemeinschaft ist es im Grunde ein enormes Pensum, das aber von uns mit Freude angenommen wird. Das Interesse junger Menschen an unserer Lebensform ist für uns ein Zeichen, das wir nicht ganz falsch liegen.

 

Ökumenische Anliegen

Kann unsere anglikanische Klostertradition etwas an die benediktinische Weltgemeinschaft weitergeben? Nun, da gibt es den Umstand, dass wir Anglikaner sind. Benedikt schrieb seine Regel vor den späteren Kirchenspaltungen, und benediktinisches Klosterleben blühte in Europa und England tausend Jahre, bis dann die Reformation die tragische Spaltung der Christen auslöste. Als Nachfolger der Benediktusregel finden wir mehr Punkte, die uns vereinen, als uns trennen. Wenn wir dadurch einige Wunden der getrennten Christenheit heilen, können wir der Weltkirche viel bieten. „Dass alle eins seien“, sollten wir nicht nur beten, sondern verwirklichen. Durch unser gemeinsames benediktisches Erbe verwirklichen wir unser Gebet. In diesem Sinn möchte ich euch, meine benediktinischen Schwestern und Brüder, um euer Gebet bitten.

 

[1] Eine ähnliche Situation spielte sich in der Zeit nach 2000 in Simbabwe ab. Präsident Mugabe suchte nach Wegen, um die wachsende Opposition zu brechen und seine Anhänger fester an sich zu binden. Daher ließ er seine Kriegsveteranen das Land der weißen Farmer ersatzlos beschlagnahmen. Offiziell wurde das Land an die „Armen“ verteilt, aber faktisch landete es bei seinen Anhängern, was für Simbabwe katastrophale Folgen hatte. Ähnliche Vorgänge fanden auch im kommunistischen Osten oder im römischen Imperium unter Pompeius und Cäsar statt.

[2] In den 1980er Jahren zog die Gemeinschaft von Nashdom nach Elmore um. 2010 zogen die letzten vier Mönche an das Sarum College, einem anglikanischen Studienzentrum.

Mit den Händen beten

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Arbeit und Klosterleben

Bernard Guékam OSB

Abtei Keur Moussa (Senegal)

 

Mit den Händen beten

 

In Keur Moussa steht die klösterliche Arbeit seit der Gründungszeit im Dienst: In einem Umkreis von ungefähr 30 Kilometern um das Kloster werden landwirtschaftliche Kenntnisse und Techniken vermittelt, die Alphabetisierung wird vorangetrieben, wir beteiligen uns an der medizinischen Grundversorgung, vor allem an der Prävention ansteckender Krankheiten und bei der gesundheitlichen Betreuung von Müttern und Kleinkindern. Diese Tätigkeiten werden von der Bevölkerung als Ausdruck eines menschlichen und spirituellen Charismas angesehen. Ein kürzlicher Besucher sagte uns dazu: „Wie ich sehe, betet ihr ebensoviel wie ihr arbeitet.“ Damit wollte er uns mitteilen, dass er keinen Unterschied bei uns sieht, ob wir nun im Chor beten, in Werkstätten arbeiten, in den Plantagen oder im Geflügelhof. Es handelt sich immer um diesselbe Person. Damit entfällt die Spannung, die oft zwischen den Bestandteilen des Mottos ora et labora gesehen wird. Die Frage, die sich für uns gleichwohl stellt, ist die nach unserer speziellen monastischen Identität im Senegal.

Unsere Schweinezucht scheint mir ein halbwegs passendes Bild für einen Teil unseres Alltags hier in Keur Moussa zu sein, nicht allein wegen der dort betriebenen Tätigkeit, sondern auch weil sie auf das Leben hin ausgerichtet ist und zum Dialog einlädt. Wie man weiß, spielt ja das Schwein in den drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam eine bedeutende Rolle, weil es bei der Abgrenzung und der Bildung von Identität einen Beitrag leistet. Da der Islam hier im Senegal weit verbreitet ist, legt der Anblick eines Schweines, das in Abfallhaufen oder in den Straßen wühlt, Zeugnis für den hiesigen religiösen und kulturellen Pluralismus ab.

Im Kloster sind die jeweiligen Novizen für die Schweinezucht zuständig. Darin liegt bereits die erste Herausforderung für einen klösterlichen Neuzugang. Denn bei der Schweinezucht gibt es ebensowenig wie bei Kühen oder Ziegen einen Sonntag oder freie Tage. Es braucht ständige Betreuung, vor allem morgens. So zeigt sich am Einsatz eines Kandidaten im Schweinestall, ob er Kraft und Durchhaltevermögen zumindest für den Beginn des klösterlichen Lebens besitzt. Aus unserer Sicht ist also dieser Tätigkeitsbereich eine gute Prüfung, ob man für das Risiko des klösterlichen Lebenswegs bereit ist.

 

Geistliche Kunst

Hinsichtlich der Handarbeit sagt Benedikt sehr richtig in seiner Regel: „Sie sind nur dann wahrhaft Mönche, wenn sie von der Arbeit ihrer Hände leben, wie es bereits unsere Väter und die Apostel getan haben“ (RB 48,8). Offensichtlich sieht er in der täglichen Handarbeit eine Hilfe, seine Identität als Mönch zu finden. Das mag Erstaunen erregen, weil an einer anderen Stelle der Regel Benedikt sagt, dass die Mönche nachlässig ihren versprochenen Dienst verrichten (nimis iners devotionis suae servitium, RB 18,24), wenn sie nicht innerhalb einer Woche den ganzen Psalter beten. Doch geht es hierbei um ein Seinsmerkmal des Mönches, während bei der Handarbeit die Mönchswerdung angesprochen wird. Im Kapitel über die Handarbeit spricht Benedikt auch den Zeitpunkt der lectio divina an, um so klarzustellen, dass die Handarbeit in einer Atmosphäre des Gebets stattfindet. Für die Arbeit bedeutet dies, dass sie einerseits „ein gesundes Gleichgewicht zwischen Geist und Leib herstellen und uns bei der Entfaltung unserer gottgeschenkten Talente helfen soll“ (Deklarationen der Kongregation von Solesmes, Nr. 63), und andererseits auch für die Gegenwart Gottes und seinen Heilswillen geöffnet wird. Da nach Benedikt auch die lectio divina eine Art der Arbeit zu sein scheint, muss man davon ausgehend das ora et labora genauer definieren. Die Handarbeit, wenn sie als Gebet gesehen wird, spielt im Rahmen des Betens eine Rolle, die man mit der Nuss der Ölpalme vergleichen kann, die zerhackt, gemahlen und in einer Presse ausgequetscht wird. Wenn man dagegen das Gebet unter dem Aspekt der Arbeit betrachtet, lässt es mit dem Amboss vergleichen, auf dem das glühende Eisen seine Form findet. Die Form folgt dabei der Idee, welche sich der Schmied gemacht hat. Vor diesem Hintergrund versteht man auch, warum die klösterliche Arbeit üblicherweise im Schweigen verrichtet wird, wenn nicht Mitteilung unbedingt erforderlich ist. Damit wird ausgedrückt, dass die Arbeit nicht nur ein notwendiges Übel ist, das man möglichst schnell hinter sich bringt, um Zeit für das Gebet zu finden. Die Arbeit ist vielmehr Vorbereitung und Weiterführung des Gebets.

Damit kommt der Arbeit im klösterlichen Leben eine durchaus kosmische Rolle zu, welche Selbstentdeckung, inneres Wachstum und Entfaltung der monastischen Existenz ermöglicht. Um einen Satz von Michel Foucault abzuwandeln, kann man sagen, dass Arbeit sich als eine vollkommene Übung der Selbstsorge erweist. Diese ist zwar selbstbezogen, da unser Handeln auf unser Sein einwirken will, aber nicht egoistisch von ihrer Zielrichtung her, da sie uns verwandeln, reinigen und transzendieren möchte. Diese Selbstsorge ist sogar unerlässlich, denn sie bewahrt uns vor Abhängigkeit finanzieller Art, die dem Ideal eines selbstgenügsamen Lebens (monos) abträglich wäre. Man kann das Ideal der Selbstsorge durch Handarbeit auch mit dem Wahlspruch unseres Klosters in Verbindung bringen: Die Wüste wird blühen. Darin steckt die Idee, dass unsere emotionalen Wüsten, unser Bedürfnis nach Anerkennung durch Barmherzigkeit, Frieden und Anteilnahme umgestaltet werden müssen. Auf diese Weise wachsen wir innerlich, können behüten und Leben schenken.

Wenn muslimische Gäste kommen, die oft ohne Voranmeldung eintreffen, bezeugen wir ihm unser Wohlwollen und Einfühlungsvermögen, indem wir ihm nicht das schon erwähnte Tier auftischen, sondern schnell ein anderes Mahl zubereiten. Damit geben wir ihm zu verstehen, dass er sich im Kloster wohl fühlen soll. Und so kommt ein interreligiöser Dialog über unsere Speisekarte zustande. Die Wüste beginnt in dem Augenblick zu blühen, in dem wir nicht versuchen, den Gast noch unseren Wünschen umzugestalten.

Um nochmals auf die Schweinezucht zurückzukommen, sei in diesem Zusammenhang erwähnt, dass wir öfters einen muslimischen Nachbarn um Hilfe bei Nahrungsmitteltransporten bitten. Das lässt er sich zwar bezahlen, führt aber diesen Dienst mit großer Freundlichkeit aus und nimmt am Schluss noch Lebensmittelreste für seine Schafzucht mit, die er ebenso liebt wie wir unseren Schweinestall. Diese gelegentlichen Zusatzeinkünfte erlauben ihm eine Aufbesserung seines bescheidenen Einkommens, mit dem er nicht nur mehrere Frauen, sondern auch zahlreiche Kinder ernähren muss.

 

Enthüllung

In der Benediktsregel wird in Kapitel 48 nicht nur die Handarbeit behandelt, welche uns erlaubt, unsere verborgene monastische Identität zu enthüllen. Es fällt auch die Bemerkung, dass die Werkzeuge des Klosters wie heiliges Altargerät zu behandeln seien. Gott ist also in der Arbeit gegenwärtig. Er ist dabei ebenso nahe wie in den Momenten, in denen sich die Gemeinschaft zum Chorgebet versammelt. Aus diesem Gedanken heraus kann man auch einen anderen Satz Benedikts besser begreifen: „Nichts soll dem Gottesdienst vorgezogen werden“, indem ihn mit dem schon genannten Ausspruch in Verbindung setzt: „Sie sind nur dann wahrhaft Mönche, wenn sie von der Arbeit ihrer Hände leben, wie es bereits unsere Väter und die Apostel getan haben“. Der Sinn beider Sätze ist letztlich, dass man nicht das eigene Selbst dem Selbst Christi vorzieht. Denn für den Mönch ist Christus selbst das Leben, so wie es der Apostel Paulus formuliert: „Für mich ist Christus das Leben“ (Phil 1,21).

Unsere hauptsächlichen Tätigkeiten – Obstplantagen und die Ausbildungswerkstätten, darunter auch eine Koraschule – waren und sind seit der Gründung verschiedene Formen, um im hiesigen Dorf Keur Moussa die benediktinische Präsenz deutlich zu machen. Als wir hier anfingen, hat die Bevölkerung uns erst einmal über die genannten Tätigkeiten wahrgenommen, also nachdem sie uns arbeiten gesehen hatte. Dies besagt auch ein Sprichwort in der Stammessprache Wolof: „Liguèye jamou Yalla la“, was übersetzt bedeutet: „Arbeiten heißt Beten.“ Inzwischen hat sich die Gesellschaft beträchtlich verändert, die Savanne hat sich um das Kloster herum durch Baumanpflanzung in einen Wald verwandelt und wir sind mittlerweile eine kleine Gemeinschaft geworden. Unsere Besucher können miterleben, wie wir uns den immer neuen klimatischen Herausforderungen stellen: So die Versalzung des Grundwassers, die durch den Mangel an Niederschlägen verursacht wird, das zunehmende Verschwinden der Vegetation und der Einfall unzähliger Vögel in unsere Obstplantage mit teilweise zerstörerischen Auswirkungen.


Mut zur Neuorientierung

Unsere Gemeinschaft musste seine Identität immer wieder neu finden, ausgelöst teilweise durch die eigenen Aktivitäten und die gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Veränderungen. Schon ganz am Anfang hatten unsere Gründer den Mut, neue Wege zu gehen. Dabei richteten sie sich nicht nach autoritären Definitionen, was Klosterleben sein soll, sondern nach den Erfordernissen und Herausforderungen des Gründungsortes, die nach einem ganz eigenen klösterlichen Weg verlangten. Unsere ersten Ansätze, die als missionarisch galten, waren nicht sonderlich weiterführend, denn sie verlangten, dass eine Pflanze, die 5000 Kilometer entfernt von hier gewachsen war, in diesen Boden versetzt werden sollte und wir darauf wartens sollten, dass daraus nun diesselben Blätter und Früchte herauswuchsen wie im Ursprungsland.

Der Klosterwahlspruch in seinem doppelten Sinn bezieht sich dabei weniger auf den wörtlichen Sinn, nämlich die Wüste, die wir hier bei unserem Einzug antrafen, sondern auf die „Wüste“ als Sinnbild klösterlichen Lebens. Ein weiterer Gesichtspunkt war für die Gründergeneration wohl auch ein politischer Aspekt, nämlich eine Anspielung auf das Kommen des Messias als Befreiung von der im Land herrschenden Unterdrückung und auf die Achtung menschlicher Würde. So schien die Utopie der Prophetenworte des Jesaja durchaus angebracht: „Die Wüste wird blühen.“

 

Das Suchen wählen

Die prophetische Dimension im Wahlspruch der Abtei hat eine Spur vorgezeichnet, auf welcher die Verwandlung dieses Ortes in fruchtbares Land erreicht wurde. Unsere Nachbarn, damals Landwirte und heute beinahe alle städtisch geprägt, sehen uns infolgedessen als wirtschaftliche und technische Experten. Wir sehen dagegen ganz im Gegenteil die Grenzen unseres Wissens und dass wir noch nicht einmal uns selbst recht verstehen. Es liegt ein gewisses Risiko darin, dass man sich auf dem Erreichten ausruht und nicht weiter suchen und die Utopie weiterführen will. Man gerät in die Gefahr zu versteinern und an einer Identität festzuhalten, die gar nicht mehr recht passt.

Wenn wir uns dagegen als kontemplative Mönche verstehen, also die Kategorie, in die wir üblicherweise eingeordnet werden, so hat das zwei ganz unterschiedliche Auswirkungen: Zunächst einmal werden wir durch diese Einordnung als Personen gesehen, die von allen aktiven Tätigkeiten Abschied genommen haben, und auf der anderen Seite weist diese Kategorie darauf hin, dass wir nicht mit den üblichen Formen wirtschaftlicher Produktion identifiziert werden können oder sogar wirtschaftliche Verantwortung ganz ablehnen. Dies führt zum seltsamen Gedanken, dass vielleicht die beste Sicherung unserer monastischen Utopie darin liegt, dass wir die Arbeit nicht so ernst zu nehmen, ja abzulehnen scheinen.

Der Begriff „Gottsucher“ fasst treffend das Mönchsbild Benedikts und des frühen Mönchtums zusammen. Dieser Ausdruck scheint mir auch gut das Streben des Mönchslebens nach Einheit (monos) zu erfassen. Daher drückt das „labora“ auch keine Spaltung der Lebensform aus, sondern vielmehr ein Beten mit den Händen. Es gehört wesentlich zum klösterlichen Leben und hat daher auch den Charakter einer spirituellen Einübung, die uns zu Christus führen will.


Chorgebet in Keur Moussa. © AIM.
Chorgebet in Keur Moussa. © AIM.

Abt Ambrose Southey OCSO

13

Mönche und Nonnen als Zeugen für unsere Zeit

Armand Veilleux OCSO

Abtei Scourmont (Belgien)

 

Abt Ambrose Southey OCSO

(1923-2013)

 

Kevin Southey wurde am 22. Januar 1923 in Whitley Bay geboren, das zur Diözese Hexham und Newcastle gehört. Einige Monate vor seinem 18. Geburtstag, nämlich am 25. September 1940, trat er in die Trappistenabtei Mount Saint Bernard in Leicestershire ein. Eine Jahrzehnte früher hatte der Orden bereits die Schließung dieses Klosters geplant gehabt, aber unter Abt Malachy Brasil, der aus der Abtei Roscrea 1933 nach Mount Saint Bernard gewechselt war, erfuhr die Gemeinschaft einen beeindruckenden Aufschwung.

Bei der Noviziatsaufnahme erhielt der junge Mann den Ordensnamen Ambrose. Es folgte im Jahr 1945 die Feierlichen Gelübde und 1948 die Priesterweihe. Einige Jahre später wurde er nach Rom für ein Studium des Kirchenrechts geschickt (1951-1953). Nach seiner Rückkehr zum Mount Saint Bernard wurde er zunächst zum Subprior und im folgenden Jahr zum Prior ernannt. Nachdem Abt Malachy aufgrund einer schweren Krankheit nach 25 Amtsjahren resignieren musste, wurde Pater Ambrose im Jahr 1959 zum Abt gewählt. Vier Jahre später, also 1963, konnte die weiterhin blühende Gemeinschaft eine Neugründung in Bamenda (Kamerun) vornehmen, während der junge Abt zunehmend weitere wichtige Aufgaben innerhalb des Ordens übernahm. So wurde er 1964 zum Generalvikar und 1974 zum Generalabt gewählt. Sein weiteres Schicksal war von nun an eng mit der Entwicklung des Ordens verbunden, der eine besonders wichtige Epoche seiner Geschichte durchlebte. Man muss daher in der folgenden Darstellung beides verbinden.

Als Generalabt Ambrose Southey schließlich beim Generalkapitel des Jahres 1990 von seinem Amt zurücktrat, waren unsere neuen Ordenskonstitutionen gerade vom HeiligenStuhl genehmigt worden. Diese Genehmigung waren der Schlusspunkt eines langen aggiornamento-Prozesses, der mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil begonnen hatte. Bei diesem Erneuerungsprozess ging der Generalabt mit einer derartigen Demut und discretio vor, dass seine prägende Rolle kaum bekannt ist, die im Folgenden etwas näher beleuchtet werden soll.

Als beim Generalkapitel des Januars 1964 Abt Ignace Gillet zum Generalabt gewählt wurde, fiel die Wahl seines Stellvertreters auf Abt Ambrose Southey. Dieses Amt war damals nach den früheren Konstitutionen weit bedeutender als es heute ist. Als Generalvikar war Abt Ambrose der Promoter des Generalkapitels, d.h. musste dieses umfassend vorbereiten. In dieser Funktion bewährte sich Abt Ambrose durch seine Gabe des Zuhören-Könnens, seinen Respekt vor jedem Menschen und seiner Achtung für vorgeschriebene Entscheidungsprozesse.

Das Generalkapitel von 1964 war nur recht kurz, weil es ein reines Wahlkapitel war: Generalabt Gabriel Sortais war im vorhergehenden Herbst verstorben, gerade zu Beginn der zweiten Sitzung des Konzils. Neben der Wahl standen auf der Tagesordnung nur noch einige wenige andere Punkte, welche als dringlich eingestuft wurden. Dazu zählte vor allem die Frage nach dem Status der Laienbrüder, die unter Generalabt Gabriel lange geprüft worden war. Abt Edward Wellens von Westmalle verlangte, dass man kein weiteres Generalkapitel abwarte, „da die Dringlichkeit und Wichtigkeit der aktuellen Fragen die jungen und stürmischen Elemente unserer Gemeinschaften tief beunruhigt“ (Protokoll, S. 11). Generalabt Ignace fühlte sich von diesem Antrag ein wenig unter Druck gesetzt und wollte zur Frage nicht selbst Stellung nehmen. Er entschied sich daher für die Einsetzung einer Kommission, zu deren Leiter Abt Ambrose berufen wurde.

Bei der ersten Kommissionssitzung fasste Abt Ambrose die Aufgabe wie folgt zusammen: „Wir sollen den Fragenkomplex und die Ursprünge der Schwierigkeiten überprüfen, den junge Mitbrüder in einigen Ländern hinsichtlich der äußeren Formen unseres Ordenslebens verspüren. Anschließend sollen wir dem Generalabt unsere Schlussfolgerungen oder vota mitteilen, die dann eventuell dem Generalkapitel zur Entscheidung vorgelegt werden“ (Protokoll, S. 1, Archiv des Generalats). Abt Ambrose leitete diese Kommission mit Meisterhand, welche in ihrem dem Generalabt übersandten Schlussbericht ein weiteres Treffen zur Vorbereitung des Generalkapitels vorschlug.

Dieses zweite Treffen fand im Dezember 1964 in Monte Cistello statt und wurde erneut von Abt Ambrose geleitet. Noch nie war ein Generalkapitel so sorgfältig vorbereitet worden. Dieses beschloss daher bei seiner Tagung im Jahr 1965, dass eine solche „Vorbereitungskommission“ auch für das folgende Generalkapitel einberufen werden sollte. Inzwischen ist diese Kommission ein wichtiges Organ des Ordens geworden.

Bei diesem Generalkapitel von 1965, das noch vor dem Ende Konzils stattfand, wirkte Abt Ambrose auch als Promoter. Dabei und ebenso auf den drei folgenden Generalkapiteln zeigten sich deutlich seine Klugheit und sein organisatorisches Geschick.

Das Generalkapitel von 1967 fand vom 20. Mai bis 5. Juni in Cîteaux statt. Im vorhergehenden Jahr hatte Papst Paul VI. am 6. August das Motuproprio Ecclesia sanctae erlassen, dass eine Reihe von Ausführungsvorschriften für das Konzilsdokument Perfectae caritatis enthielt. Dieses Dokument legte bereits nahe, dass während der Erneuerungszeit ein Sonderkapitel einberufen werden sollte, das über mehrere Sitzungsperioden einige Jahre dauern konnte. Es räumte dem Sonderkapitel auch das Recht ein, Konstitutionsänderungen ad experimentum einzuführen. Beim Generalkapitel von 1967 wurde den einzelnen Gemeinschaften die Befugnis eingeräumt, in eigener Regie Experimente durchzuführen, vor allem im liturgischen Bereich.

Generalabt Ignace Gillet war allerdings überzeugt, dass manche der Gemeinschaftsentscheidungen, vor allem der Gebrauch der Landessprache und einzelne Veränderungen im Officium divinum den Konzilsbeschlüssen widersprechen würden. Als er daraufhin mehrfach bei der Religiosenkongregation dagegen Protest einlegte, kam es im Orden zu einer erheblichen Missstimmung. Bei der Eröffnung des Generalkapitels von 1969 war daher ein erheblicher Teil der Teilnehmer der Auffassung, dass der Generalabt resignieren solle. Erst ein persönliches Gespräch zwischen Abt Ambrose und Generalabt Ignace führte schließlich zu einem Kompromiss, welcher ein einvernehmliches Weiterarbeiten ermöglichte. Dieses Generalkapitel stellte einen Wendepunkt in der Geschichte unseres Ordens dar. Beinahe einstimmig wurden folgende Dokumente beschlossen: Deklaration zum zisterziensischen Leben und das Statut über Einheit und Pluralismus. Man einigte sich auf einen Antrag beim Heiligen Stuhl auf Erlass eines Rahmengesetzes, das eine liturgische Erneuerung ermöglichen sollte, bei welche alle Gemeinschaften ihre jeweiligen spirituellen Erfahrungen einbringen konnten. Es begann auch die Überarbeitung unserer Konstitutionen, die sich bis 1990 hinzog.

Als dann Generalabt Ignace beim Generalkapitel von 1974 seinen Rücktritt einreichte, was seiner Absichtserklärung gegenüber Abt Ambrose bei ihrem Schlichtungsgespräch im Jahr 1969 entsprach, wurde letzterer schon beim ersten Wahlgang mit großer Mehrheit zum neuen Generalabt gewählt. Nach seiner Wahl teilte er entsprechend seinem Grundprinzip des fair play mit, dass er bereits beim kommenden Generalkapitel erneut über sein Amt abstimmen lassen wolle, da eine Mehrheit sich für eine begrenzte Amtszeit des Generalabts ausgesprochen hatten.

Sein Generalat war von einem ausgesprochenen Friedenswillen und großer Versöhnungsbereitschaft gekennzeichnet, so dass der Orden schwierige Grundsatzfragen lösen konnte, was die Endredaktion der Konstitutionen erst ermöglichte. Dazu zählte die langwierige Debatte über das Prinzip der „Kollegialität“, wobei in den intensiven Diskussionen eigentlich mehr die unterschiedlichen kulturellen Sensibilitäten verschiedener Weltteile zum Ausdruck kamen als grundsätzliche Differenzen hinsichtlich des zisterziensischen Lebensstils. Von größerer Bedeutung war die Diskussion über das Verhältnis zwischen weiblichem und männlichem Ordenszweig. Sie führte zur Vision eines geeinten Ordens von Mönchen und Nonnen, der von zwei voneinander unabhängigen Generalkapiteln regiert werden sollte. Spätere Entwicklungen führten dann zu einem gemeinsamen Generalkapitel.

In diesem Zeitraum leitete Generalabt Ambrose drei Generalkapitel von entscheidender Bedeutung für die neuere Ordensgeschichte. Es handelte sich zunächst um das Generalkapitel im amerikanischen Holyoke im Jahr 1984, bei dem die neuen Konstitutionen beschlossen wurden, dann im folgenden Jahr das Generalkapitel im Escorial, bei welchem die Nonnen ihre Konstitutionen billigten, und schließlich das gemeinsame Generalkapitel von Mönchen und Nonnen im Jahr 1987 in Rom. Bei dieser Versammlung nahmen die beiden Ordenszweige zusammen die Endredaktion vor, welche nach der Vorlage bei der Religiosenkongregation und einigen Rückfragen und Klärungen dann an Ostern 1990 vom Heiligen Stuhl genehmigt wurde.

Entsprechend seiner Ankündigung hatte Generalabt Ambrose schon nach sechs Jahren beim folgenden regulären Generalkapitel seinen Rücktritt angeboten. Man hatte ihn davon abgebracht, weil im Orden beinahe einstimmig die Überzeugung herrschte, er solle bis zum Abschluss der Konstitutionsarbeiten im Amt bleiben. So erklärte er dann beim Generalkapitel von 1990 seinen Rücktritt. Doch war es für alle Weggefährten eine Freude, dass er bis 2011 an allen Generalkapiteln als Ehrengast teilnahm.

Im Trappistenorden kommt dem Generalabt eine beachtliche moralische Autorität zu, weil er wenig juristische Rechte besitzt. Im Jahre 1951 hatte nach dem Rücktritt von Generalabt Dominique Nogues der damalige Generalvikar Gabriel Sortais eine Grundsatzrede gehalten, welche die Erwartungen an das Amt des Generalabtes zusammenfasste. Es handelte sich um eine Art Programm, das er dann selbst in seiner folgenden zwölfjährigen Amtszeit umsetzen sollte. Danach versteht sich der Generalabt als älterer Bruder der anderen Äbte, der ihnen in schwierigen Situationen hilft, die richtige Entscheidung zu finden. Generalabt Gabriel betrachtete seine beschränkte Amtsgewalt als positiven Zug, da auf diese Weise seine Autorität allein auf Vertrauen, Wohlwollen und Überzeugung beruhte (siehe Protokoll der Sitzung von 1951, S. 36-39).

In dieser Haltung übte auch Generalabt Ambrose über 16 Jahre sein Amt aus. Auf dem Hintergrund seiner kirchenrechtlichen Ausbildung war ihm sehr bewusst, dass das Generalkapitel ein kollegiales Gremium ist, bei dem Entscheidungen mit Stimmenmehrheit fallen. Niemand steht über dem Generalkapitel, auch wenn es natürlich einen Leiter gibt, der dieses einberuft, die Tagesordnung festlegt und darauf achtet, dass die Rechte jedes Teilnehmers beachtet werden. In seiner Amtszeit intervenierte Generalabt Ambrose auch nur in wenigen Fällen, wenn Grundwerte des Ordens auf dem Spiel standen oder wichtige Entscheidungen zu treffen waren. Dabei zeigte er jeweils eine starke moralische Autorität.

Generalabt Gabriel Sortais hatte die Tradition eines Rundbriefs eingeführt, der vom Generalabt jeweils zu Jahresbeginn an alle Gemeinschaften geschickt wurde. Unter Generalabt Ambrose wurde dieser Rundbrief weitergeführt, allerdings mit einem deutlichen Stilwechsel. Bei Generalabt Gabriel wuchsen die Rundbriefe zu langen geistlichen Traktaten an, während die Rundbriefe seines Nachfolgers sehr geschätzt wurden aufgrund ihrer ansprechenden Mitteilung konkreter Erfahrungen vor dem Hintergrund einer Theologie des Wüstenmönchtums.

Von seiner Wesensart blieb Abt Ambrose immer derselbe und identifizierte sich nicht mit seinen jeweiligen Ämtern. Daher reihte er sich nach seinem Rücktritt ganz selbstverständlich wieder in die Schar der Mitbrüder ein sub regula vel abate. Kurz nach seiner Resignation wurde ihm ein wichtiger Posten in der römischen Religiosenkongregation angeboten. Dem Beauftragten, der ihm dieses Angebot machte, antwortete er einfach: „Ich muss dies erst mit meinem Abt besprechen.“ Nach dem Gespräch mit dem Abt teilte er dem Beauftragten am nächsten Tag mit, dass er nicht vom Amt des Generalabtes zurückgetreten sei, weil er erschöpft gewesen sei, sondern weil er nach vielen Reisen über Jahre hinweg zur Auffassung gekommen sei, er müsse wieder ins normale Mönchsleben zurückkehren. Daher wäre es unlogisch für ihn, wenn er wieder ein Amt annehmen würde, das von ihm erneut das Verlassen des Klosters verlangte. Doch blieb Altabt Ambrose weiterhin bereit zum Dienst für den Orden, auch wenn er von nun an vergleichsweise bescheidene Aufgaben ausübte.

Beispielsweise zählte zu den Mönchen seiner Anfangszeit als Abt von Mount Saint Bernard der später seliggesprochene Cyprian Tansi. Altabt Ambrose fuhr daher nach Nigeria zur Seligsprechungsfeier, die Johannes Paul II. am 22. März 1998 in Onitsha durchführte. Schließlich passiert es einem Abt nicht oft, dass einer seiner Mönche selig gesprochen wird. Bei den Festlichkeiten mischte sich Altabt ganz bescheiden unter die Gäste ohne jeden Versuch, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Die Neugründung in Nigeria, für welche Cyprian Tansi in der Abtei Mount Saint Bernard vorbereitet worden war, zerschlug sich letztlich und wurde 1964 von Abt Ambrose stattdessen im Kamerun verwirklicht. Als kurz nach seiner Resignation vom Amt des Generalabtes die Gemeinschaft in Kamerun einen neuen Oberen ad nutum suchte, also auf begrenzte Zeit, erklärte er sich dazu bereit. Einige Jahre später übernahm er auch in meiner Abtei Scourmont für ein Jahr die Klosterleitung. Er konnte überzeugt werden, noch ein weiteres Jahr zu bleiben. Doch suchte er während dieser Verlängerung intensiv nach einem jüngeren Mönch, der über mehrere Jahre bereit war, die Gemeinschaft zu leiten. Nach Ablauf seiner Amtszeit blieb er noch einige weitere Jahre in Scourmont als Novizenmeister. In einer ähnlichen Haltung der Dienstbereitschaft übernahm er anschließend für einige Jahre im italienischen Frauenkloster Vitorchiano das Amt des Hausgeistlichen, bevor er dann endgültig in sein Heimatkloster zurückkehrte, wo er seine letzten Lebensjahre friedlich verbrachte.

Am Morgen des 24. August 2013 entschlief er dann sanft, nachdem er noch an der Konventmesse teilgenommen hatte. Sein Alter betrug 90 Jahre, er befand sich 71sten Jahr seiner Profess und konnte auf 64 Jahre als Priester zurückblicken. 15 Jahre hatte er seiner Gemeinschaft als Abt und 16 Jahre dem Orden als Generalabt gedient.

Ein langes Leben im Dienst für Gott und für den Trappistenorden, getragen von einer Haltung der Schlichtheit und der Bescheidenheit, war zu Ende gegangen.


Beerdigung von Abt Ambrose.
Beerdigung von Abt Ambrose.

Äbtissin Anna Maria Cànopi OSB

14

Mönche und Nonnen als Zeugen für unsere Zeit

Maria Maddalena Magni OSB

Abtei Mater Ecclesiae/Insel San Giulio (Italien)

 

Äbtissin Anna Maria Cànopi OSB

(1931-2019)

 


Die Insel San Giulio besteht aus einer Felsspitze, die aus einem der schönsten Alpenseen im nördlichen Italien emporragt. Auf dem höchsten Punkt dieser Insel befindet sich eine uralte Basilika, die dem ersten Missionar dieses Landstrichs geweiht ist: einem griechischen Priester namens Julius. Nach der Tradition soll er gegen Ende des 4. Jahrhunderts verstorben und hier begraben worden sein, nachdem er hundert Kirchen errichtet hatte.

Insel San Giulio.
Insel San Giulio.

Über die Jahrhunderte hinweg hat die Geschichte an diesem Ort ihre Spuren hinterlassen, ohne dass dadurch die Anmut und Zauber ausgelöscht wurden, welche diesem Ort dank seiner einsamen Schönheit zu eigen sind. Das glasklare und tiefe Wasser des Sees haben eine natürliche Klausur um die Insel geschaffen, welche von hierher berufenen Nonnen genutzt wird. Nach dem Willen des Gründerbischofs sollen die Nonnen das Evangelisationswerk des hl. Julius weiterführen und zugleich ein Apostolat des Gebets verrichten, das durch die äußere Umgebung begünstigt wird. Vor diesem Hintergrund begann am 11. Oktober 1973 das klösterliche Leben in der benediktinischen Neugründung „Mater Ecclesiae“.

Am 21. März 2019, dem Tag des Heimgangs unseres Vaters Benedikt, umringten die Schwestern ein letztes Mal das Bett der Klostergründerin und ersten Äbtissin Anna Maria Cànopi, welche über 41 Jahre es verstanden hatte, ihre Gemeinschaft klug zu leiten. Über die Jahre hinweg war sie zu einer weithin bekannten Persönlichkeit geworden, die von Tausenden von Menschen verschiedenster sozialer und kultureller Hintergründe hoch geschätzt wurde. Dies wurde uns in den Tagen vor der Beerdigung bewusst, als zum in der Kirche aufgestellten Sarg zahlreiche und sehr verschiedene Menschen strömten, um mit sichtlicher Rührung Abschied zu nehmen.

Mutter Anna Maria wurde am 24. April 1931 in einem Dorf in der Nähe von Pavia geboren. Ihre große Familie bewirtschaftete einen Bauernhof und lebte ein einfaches, aber tiefgläubiges Christentum, das sich unter anderem in herzlichen gegenseitigen Beziehungen äußerte. Der Familie wurde schon früh bewusst, dass Anna Maria mit ihrer zarten Gestalt und Veranlagung für ihren Lebensstil nicht geeignet war und schickten sie zum Studium. Die grausamen Kriegsjahre gingen auch an ihrer Familie nicht vorbei und ließen Maria Anna viel leiden. Das Studium in der Stadt konfrontierte sie mit einer bisher unbekannten Einsamkeit und einem heftigen Heimweh nach ihrem heimatlichen Dorf und ihrer Familie, so dass sie sich verstärkt dem Herrn anvertraute, der so gut zu trösten weiß. Neben ihren Universitätsstudien engagierte sie sich als Sozialarbeiterin und kam dabei mit zahlreichen Elendssituationen in Berührung. Dazu schrieb sie: „Ich verspürte eine tiefe Anteilnahme mit all diesen verhärmten Menschen. Mir wurde klar, dass ihnen vor allem der Zugang zum Heil fehlt. Immer mehr fühlte ich mich getrieben, ihnen etwas zu schenken, was nicht materiell war, sondern mich selbst ganz und gar, im Gebet, in der inneren Vereinigung mit dem erlösenden Opfer Jesu Christi, der allein die Herzen der Menschen erneuern kann“ (aus: Una vita per amare, Novara 2012, S. 27).

Nachdem ihr bewusst geworden war, dass sie sich Jesus vollständig im Schweigen und ständigen Gebet anvertrauen musste, um ihn auf ihre Weise der ganzen Welt zu schenken, trat ihre monastische Berufung immer deutlicher hervor. Am 9. Juli 1960 trat sie daher in die Abtei Viboldone ein, die im Außenbereich von Mailand liegt. Am schwersten fiel ihr bei diesem Klostereintritt der Verzicht auf ihre literarische Tätigkeit, die verheißungsvoll begonnen hatte. Manche ihrer Gedichte waren bereits recht positiv wahrgenommen worden. Doch für diesen Verzicht wurde sie schnell entschädigt, da sie bald erneut mit literarischen Arbeiten betraut wurde, so dass seit dieser Zeit die Feder für sie zu einem Hauptmittel ihrer Glaubensverkündigung wurde. Dazu zählten unter anderem die sprachliche Bearbeitung der italienischen Bibelübersetzung bis hin zur Erstellung der Kreuzwegandacht, die Papst Johannes Paul II. 1993 im Kolosseum abhielt. Dies war übrigens das erste Mal, dass einer Frau eine solche Aufgabe vom Heiligen Stuhl anvertraut wurde. Mutter Cànopi besaß die Gabe, dass sie die Dinge einfach und klar vermitteln konnte und ihnen auch noch einen poetischen Geist einhauchen konnte. Sie gelangte dadurch zu einer Bekanntheit, die sie selbst niemals angestrebt hatte. Ihr literarisches Erbe ist auf jeden Fall immens und umfasst mehr als hundert Bücher, die oft in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Diese Werke gingen überwiegend aus ihrer persönlichen lectio divina hervor, ihrem Lauschen auf das Gotteswort, oder ihrer Weitergabe klösterlicher Lebenskunst wie beispielsweise das Werk „Sanftmut als Weg des Friedens“. Gerade dieses Buch erlebte einen ungeahnten Erfolg, auch außerhalb der monastischen Freundeskreise. Ihre beachtliche schriftstellerische Produktion entsprang offensichtlich ihren Gebetszeiten, den Einkehrtagen mit Schwestern über viele Jahrzehnte hinweg und vor allem ihrem Herzenswunsch, das Gotteswort an alle weiterzugeben, die es aufnehmen wollen.

Die landschaftliche Umgebung der abenteuerlichen Klostergründung auf der Insel San Giulio schien zunächst auf ein halberemitisches Leben nahezulegen. Doch die Samen, die dort auf felsigen Boden fielen, entwickelten sich über alle Erwartung. Unser schlichter Lebensstil wurde freudig angenommen und ließ uns all unsere Hoffnung allein auf den Herrn setzen. Unsere Hauptbetätigung war das Chorgebet, das von Arbeit und Gastfreundschaft begleitet war. Von Anfang an kamen zahlreiche Anfragen von Menschen, die unsere Liturgie mit uns teilen, sich hier für Gottes Anruf öffnen oder die liebevolle geistliche Führung von Mutter Anna Maria erfahren wollten. Bald fanden sich erste Kandidatinnen ein und wir mussten und überlegen, wie wir die uralten Gebäude irgendwie wieder renovieren könnten. Die Neuzugänge hielten weiter an, so dass wir aus Raummangel schließlich das Angebot annahmen, ein neues Kloster in Saint-Oyen im Aosta-Tal und dann noch ein weiteres in Fossano im Piemont zu gründen. Zugleich konnten wir Schwestern in Klöster schicken, die vom Aussterben bedroht waren. Heute besteht die Klostergemeinschaft aus siebzig Schwestern, darunter eine Reihe von Schwestern aus anderen europäischen Ländern oder sogar aus Afrika, Nord- und Südamerika. Uns alle eint der Wunsch, dem Evangelium im Rahmen einer geschwisterlichen Gemeinschaft zu folgen und durch unser Gebet missionarisch in die Welt zu wirken.

Da nach der Benediktusregel das Kloster ein „Gotteshaus“ sein soll, nehmen wir während der römischen Semesterferien die dort weilenden studierenden Ordensfrauen auf, die nicht genügend Geld besitzen, um in ihre Heimatgemeinschaften zurückzufahren. Wir können dadurch die enorme Vielfalt des Klosterlebens in unterschiedlichen Kulturen kennenlernen, die uns begeistert. Und viele dauerhafte Freundschaften sind entstanden! Sogar eine buddhistische Nonne befand sich darunter, woraus eine enge Freundschaft mit unserer verstorbenen Äbtissin entstand. Diese große Offenheit gegenüber unseren Klostergästen und die Verbindung mit vielen Menschen, gerade Missionaren, im Ausland hat dazu geführt, dass wir uns in der ganzen Welt zu Hause fühlen und im Gebet überall zugegen sind, gerade dort, wo menschliche Hilfe nichts mehr erreichen kann. Als am 11. Oktober 1980 Mutter Teresa von Kalkutta unsere Diözese Novara besuchte, oblag Mutter Anna Maria die Aufgabe, im Namen aller Ordensfrauen ihr eine Briefbotschaft zukommen zu lassen. In diesem Brief heißt es in prophetisch anmutenden Worten: „Die Sehnsucht, die dich erfüllt, der brennende Wunsch nach weltweitem Wirken, der dich alle Grenzen überwinden lässt, lässt uns unverrückbar unter dem Kreuz verharren. Hier suchen wir die einzige Quelle, die allen Hass überwinden und das Gespaltene wieder versöhnen kann.“

Dieser sehnsüchtige Blick, der allen alles sein will, um den Menschen wieder Hoffnung zu schenken, lässt uns schmerzlich wahrnehmen, dass unsere Gesellschaft im Herzen an Selbstsucht, Traurigkeit und bedrückender Einsamkeit leidet. Mutter Anna Maria hat mit viel Feingefühl die Last an Leiden und Schmerz angenommen, welche tagtäglich Besucher ihrem mütterlichen Herzen anvertrauten. Sogar Gefangene waren von ihrem Mitleid umfasst: Wie sie uns erzählte, dachte sie ihrer jeden Morgen besonders an Menschen im Gefängnis, bevor sie sich zum Chorgebet begab, wo sie dann alle Menschen dem Herrn anvertraute. Über viele Jahre hinweg pflegte sie Briefkontakte mit einer Reihe von Gefängnisinsassen.

Dieses unablässige und kompromisslose Sich-Verschwenden demütiger Liebe war die Quelle für Mutter Maria Annas Treue zum Klosterleben, die wir alle bezeugen können. Natürlich liebte sie das Leben als kostbarstes Geschenk Gottes, so dass sie sich im Gebet besonders für kinderlose Ehepaare einsetzte, die sich nach Nachwuchs sehnten. Niemals sah sie sich selbst als herausragende Persönlichkeit oder versuchte, die Menschen zu belehren, sondern wirkte lediglich, aber sehr wirkungsvoll durch ihre Umgangsformen. Ein starker Wille verlieh ihr bis in die letzten Lebenstage eine starke Geistesgegenwart. Wer sie aufsuchte, empfing jedes Mal ein aufbauendes Wort, und sie dankte von Herzen allen Schwestern, die mit ihr zusammen diese Gemeinschaft über Jahrzehnte aufgebaut haben. Die Natur hatte ihr eine außergewöhnliche Intelligenz geschenkt, womit sich beträchtliches Einfühlungsvermögen verband, was beides noch zusätzlich durch den ständigen Kontakt mit dem Herrn und dem Lauschen auf sein Wort verstärkt wurde. Daher ging sie mit jeder Person ganz natürlich um, konnte die vorgelegten Probleme in ihrem Kern erfassen und vereinfachen, zeigte eine enorme Anteilnahme, litt mit denen, die litten, und freute sich mit denen, die sich freuten. Doch vor allem war sie ein Mensch des Friedens, vergaß darüber sich selbst, konnte von ganzem Herzen verzeihen oder vielmehr war es ihr kaum möglich, sich verletzt zu fühlen. Ihre Lebenshaltung wird gut von ihrem Wahlspruch ausgedrückt: „Humiliter amantes“ – in Demut lieben! Sie hat unserer Gemeinschaft auch eine spirituelle Erbschaft geschenkt, die sich mit dem Satz des Marienhymnus zusammenfassen lässt: „Funda nos in pace“ – gründe uns im Frieden, der Christus Jesus ist, dem unsere Sehnsucht gilt.

Als ihre körperlichen Kräfte nachließen, nahm sie den Verfall wach wahr und mit Demut an, so dass sie nach und nach ganz Gebet wurde. In ihren Händen befand sich immer der Rosenkranz und sie verfolgte von ihrem Krankenbett aus intensiv das Chorgebet.

Sie nahm auch noch in aller Bescheidenheit und Weisheit an der Suche nach ihrer Nachfolgerin teil, die als Äbtissin ihr Amt weitertragen sollte. Auf diese Weise ergab sich ein bruchloser Übergang von der Gründungszeit in die Gegenwart, und wir können die Zukunft ohne Bedauern über verpasste Chancen annehmen.

Mutter Anna Maria war und ist ein großes Geschenk des Herrn für seine Kirche, vor allem an die monastische Welt. Sie hat uns versprochen, dass sie auch in Zukunft bei uns sein wird. Wir wollen ihr unseren Dank erweisen, indem wir ihr Erbe weiterführen. So weit es in unseren Kräften steht, wollen wir in dieser Haltung ihre geistlichen Töchter bleiben.

Äbtissin Teresita D’Silva OSB

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Mönche und Nonnen als Zeugen für unsere Zeit

Nirmala Narikunnel OSB

Äbtissin von Shanti Nilayam (Indien)

 

Äbtissin Teresita D’Silva OSB

(1933-2019)

 

 

„Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue bewahrt. Schon jetzt liegt für mich der Kranz der Gerechtigkeit bereit, den mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird“ (2 Tim 4,7-8). Dieser Tag kam für Mutter Teresita am 12. November 2019. Ich bin sicher, dass der Herr sie mit den Worten empfangen hat: „Komm her, du Gesegnete meines Vaters, empfange das Königtum, das dir von Anbeginn der Welt bereitet ist“ (Mt 25,33).

Audrey D’Silva wurde als Tochter von Doktor Oswald D’Silva und von Blanche D’Silva am 7. November 1933 geboren. Bei der Taufe in der Kirche Unserer Lieben Frau vom Heil in Bombay erhielt sie den Namen Florentia Luisa, wurde aber immer nur „Audrey“ genannt. Ihre Familie war recht groß mit sieben Töchtern und drei Söhnen.

Ihre schulische Abschlussprüfung legte Audrey mit ausgezeichneten Noten im Jahr 1951 ab und begann kurz darauf als Lehrerin in der Klosterschule von Dadar zu unterrichten. Zugleich besuchte sie ab 1952 das Kolleg Sophia und erhielt 1953 ein Lehrerinnendiplom und 1963 ein Diplom als Religionslehrerin, was ihr beides vom Jesuitenkolleg St. Xaver ausgestellt wurde.

Sie leitete auch als Präsidentin eine katholische Jugendlichenorganisation in Bombay. Dort hielt 1960 der Benediktinermönch Benedict Alapatt einen Vortrag über seinen Orden und beschrieb begeistert die Schönheit des gesungenen Chorgebets. Bei einem anschließenden Gespräch schlug er Audrey vor, sie solle sich in Sri Lanka dem Benediktinerinnenkloster St. Helena in Wennappua anschließen. So fuhr sie in den Schulferien dorthin und las dort zum ersten Mal die Benediktusregel. Anschließend schlug ihr Pater Benedict als Kloster die englische Abtei Ryde auf der Insel Wight vor. Audrey schrieb also ein Bewerbungsschreiben nach England und es entspann sich ein Briefwechsel mit Äbtissin Bernadette Symers. Schließlich kündigte Audrey ihre Stelle und verließ am 13. Oktober 1963 Indien in Richtung England. Unterwegs nahm sie in Rom noch an einer Generalaudienz mit Papst Paul VI. ein und traf dann in der Abtei Ryde ein. Das Postulat begann am 21. Oktober und bei der Noviziatseinkleidung erhielt sie den Namen Teresita. Die Zeitlichen Gelübde legte sie am 2. Juli 1965 ab. 1968 verließ sie England wieder in Begleitung von Äbtissin Bernadette und beide reisten zum Monastischen Kongress in Bangkok. Anschließend fuhren sie weiter nach Indien, wo sie die Neugründung Shani Nilayam am 16. Dezember erreichten.

Am 26. Juli 1969 fand dort ihre Feierliche Profess statt, am gleichen Tag wie die Einweihung des Klosters und der Klosterkapelle durch Erzbischof Lourduswamy. Die beiden englischen Gründungsschwestern Clare und Mary Joseph kehrten anschließend in die Heimatabtei Ryde zurück und Sr. Teresita wurde zur neuen Klosteroberin bestimmt. Dieses Amt übte sie bis zu ihrer Resignation im Jahr 2013 aus, als ihr Gesundheitszustand sich stark verschlechterte.

Mutter Teresita war tief im Gebet verwurzelt und liebte die Stille. Das klösterliche Leben und das Gleichgewicht zwischen Gebet und Arbeit bereiteten ihr große Freude. Aufgrund ihres tiefen Glaubens erwies sie sich als inspiriert und inspirierend. Ihre Liebe zum Gemeinschaftsgebet konnte sie auch ihren Mitschwestern vermitteln. Von Natur aus sprach sie eher wenig, betete aber viel und war eine gute Lehrerin und Seelenführerin. Sie war zunächst als Novizenmeisterin im Einsatz und übernahm ab 1970 auch Unterrichtsstunden für Schwestern mit Zeitlichen Gelübden, geistliche Begleitung und gab Exerzitien, bis schließlich ihr Gesundheitszustand jede weitere Betätigung unmöglich machte.

Bei der Gemeinschaft von Shanti Nilayam. © AIM.
Bei der Gemeinschaft von Shanti Nilayam. © AIM.

Als 1982 Shanti Nilayam Priorat wurde, fiel die Priorinnenwahl auf sie, und bei der Abteierhebung 1993 wurde sie einstimmig zur ersten Äbtissin gewählt. In den folgenden Jahren diente sie unter anderen als Präsidentin der „Benediktinerföderation von Indien und Sri Lanka“ und besuchte für Ordenstreffen oft Rom und andere Länder. Ein besonderes Anliegen war ihr die Weitergabe des monastischen Charismas in Indien. Dafür fuhr sie zu vielen Berufungstreffen, um dort Vorträge zu halten. Aufgrund der Vielzahl an Neueintritten waren vier Neugründungen möglich, nämlich in Gujarat, Shillong, Dindugal und Myanmar, und eine fünfte in Jamshedpur war zur Zeit ihrer Resignation in Vorbereitung. Auch nach ihrem gesundheitlichen Einbruch nahm sie treu am Chorgebet teil. Erst im Juni 2019 verschlechterte sich ihr Zustand so, dass sie das Bett nicht mehr verlassen konnte. Schließlich musste sie in das Krankenhaus St. John gebracht werden, wo die Ärzte noch die letzten zwei Monate um ihr Leben kämpften. Am Nachmittag des 12. Novembers 2019 gab sie dann ihr Leben dem Schöpfer zurück. Möge sie ruhen in Frieden!

Allen, die an der Beerdigung teilnehmen konnten und allen, die für Mutter Teresita gebetet haben, sei an dieser Stelle ein herzlicher Dank gesagt. Besonders danken möchte ich Äbtissin Ninian Eaglesham und den Schwestern vom Mutterhaus Ryde, die in dieser Zeit des Abschieds viel für uns gebetet haben. Danken möchte ich auch allen, die zum Begräbnis angereist kamen wie Prior Jerome Naduvathaniyil von Asirvanam, dem Präsidenten der Benediktinerföderation von Indien und Sri Lanka, Priorin Metilda von den Benediktinerinnen der Gnade und Barmherzigkeit und Priorin Vandana von den Liobaschwestern sowie den Vertretern vieler anderen indischen Klöster. Auf diese Weise war bei der Beerdigung die ganze benediktinische Familie Indiens vertreten. Am Schluss sei auch der AIM für ihr Beileidsschreiben gedankt und allen anderen Klöstern, die uns Abschiedschreiben geschickt und unsere Verstorbene in ihr Gebet aufgenommen haben.

Zum Jubiläum der Carta Caritatis

16

Nachrichten

Mauro Giuseppe Lepori OCist

Generalabt des Zisterzienserordens


„Sich allen nützlich erweisen.“

Zum Jubiläum der Carta Caritatis[1]

 

 

Der 23. Dezember, ein Tag kurz vor Weihnachten, bringt uns das 900-Jahr-Jubiläum der Annahme der Carta caritatis. Im Verlauf dieses Jahres 2019 haben wir dieses Dokument eingehend studiert und meditiert, das als Gründungsurkunde unseres Ordens gelten kann. Mit einer gewissen Überraschung und sogar Beschämung haben wir festgestellt, wie bedeutsam dieses Dokument für unsere Gewissensbildung und die Vitalität unserer Identität ist, für die Entfaltung unseres zisterziensischen Charismas, das fest in der Benediktusregel verwurzelt ist.

Schließlich hilft es wenig, Jubiläen zu feiern, Dokumente zu studieren und Tagungen zu organisieren, wenn die Eingebungen des Heiligen Geistes, die in diesen Gründungstexten zu finden sind, uns nicht mehr zum Leben führen und unsere Berufung intensiv in der Gegenwart und in der heutigen Situation unseres Ordens innerhalb von Kirche und Welt zu leben.

 

Allen wohlwollend gegenüberstehen

Wir sollten vielleicht uns wieder bewusst werden, dass „katholisch“ wörtlich übersetzt „universal“ bedeutet. In eben dieser Haltung haben nämlich unsere Gründungsväter ihre Treue zur monastischen Berufung verstanden.

Dies alles scheint mir in einem Satz des ersten Kapitels der Carta caritatis zusammengefasst: „Prodesse enim illis omnibusque sanctae Ecclesiae filiis cupientes“ – Sie wollen sich jenen (d.h. allen Mönchen) und allen Kindern der Kirche nützlich erweisen. Anschließend erläutert die Carta, in welchen Bereichen und mit welchen Mitteln jenes Bedürfnis, sich dem Orden und der Kirche nützlich zu erweisen, umgesetzt werden kann. Nach meiner Auffassung sollten wir dieses grundsätzliche Wohlwollen, einen universalen Nutzen herbeizuführen, wieder neu entdecken. Es ist ein weiter Atem, der unserer Lebensform Sinn und Vitalität einhaucht und einhauchen kann und uns wieder entdecken lässt, wie unsere Berufung uns zum Leben hinführen will.

 

Das Zentrum eint und strahlt aus

Die Kirche entstand aus der geöffneten Seitenwunde Christi ähnlich wie Eva aus der geöffneten Brust des Adams. Über dieses Geheimnis haben die Kirchenväter viel nachgedacht. Auch die frühen Zisterzienser scheinen bei der Abfassung der Carta caritatis dieses Geheimnis im Sinn gehabt zu haben, als sie Nächstenliebe, Kirche und das Heil der Welt in Zusammenhang brachten. Die nachdrückliche Hervorhebung der carta auf Nächstenliebe und Seelenheil konzentriert sich im brennenden Wunsch (cupientes), allen Kindern der heiligen Kirchen nützlich (utiles) zu sein. Denn so wird auch die Liebe Christi in der letzten Stunde beschrieben, als er sich für das Heil der Welt hingibt und am Kreuz die Kirche hervorbringt als Braut des Heilands und Mutter der Erlösten.

Wenn wir uns bewusst sind, dass unsere christliche Berufung und Mission und unserer Weg als Mönche und Nonnen immer und ausschließlich von diesem Geheimnis ausgeht, werden wir unser Leben nicht vergeuden, dann bekommen unsere Gedanken, Wort, Handlungen und Bemühungen einen Sinn. Wenn in den Klöstern oft mit großem Aufwand Zeiten und Aktivitäten geordnet werden, menschliche Beziehungen in die Bahnen von Frieden und Barmherzigkeit gelenkt werden und vor allem für unsere Schwächen, in denen wir uns manchmal zu gefallen scheinen, Lösungen gefunden werden müssen, dann liegt der Grund vor allem in mangelnder Aufmerksamkeit für das Heilsmysterium, das uns und alle Menschen betrifft. Wenn dagegen dieses Zentrum bewusst ist und wir es allem anderen vorziehen, dann wird unser Sein und unser Leben ausstrahlen.

 

Prodesse (Nützen)

Das Wort, das wir in der Carta caritatis unterstreichen müssen, das Wort, bei dem vom drängenden Wunsch die Rede ist, den Kindern der Kirche zu dienen – und mit diesen Kindern sind alle Menschen gemeint, da die Kirche als Mutter berufen ist, der gesamten Menschheit das Leben Christi zu schenken –, das Wort, das die Fruchtbarkeit unseres Lebens und unserer Berufung beschreibt, lautet auf Lateinisch „prodesse“. Wörtlich übersetzt heißt das „für sein“, also für andere da sein, ihnen nützlich sein, ihnen dienen, ihnen Gutes erweisen.

Der drängende Wunsch, anderen nützlich zu sein, ist ein Bedürfnis, das Gott vor allem dem Menschen eingepflanzt hat, der nach seinem Ebenbild geschaffen ist. Er segnete ihn, dass er Frucht und Nachkommenschaft hervorbringe: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch“ (Gen 1,27-28).

Wir finden erst dann zu unserer wahren Menschlichkeit, wenn wir Leben weitergeben möchten, wenn wir nicht den anderen mehr nützen wollen als uns selbst. In Christus reifen wir zu unserer vollendeten Menschlichkeit heran und werden fruchtbar durch die universale Mutterschaft der Kirche, unabhängig davon, ob wir in der Ehe oder jungfräulich leben. Diese Form der Fruchtbarkeit ist immer möglich, da sie der Gnade entspringt und durch den Heiligen Geist bewirkt wird. Er machte das Unmögliche möglich, indem er den jungfräulichen Schoß Mariens befruchtete, damit sie unserer Menschlichkeit den Gottessohn schenken konnte.

 

Wie das Weizenkorn

In der augenblicklichen Lage unserer Welt und der Kirche und unserer Gemeinschaften zweifeln viele, dass unser Leben und unsere Berufung noch Frucht bringen können. Wie sollen wir fruchtbar sein, wenn wir erleben, wie wir kleiner werden und sterben?

Die Kirche erinnert uns ständig daran, dass alles, was unsere Kräfte und Fähigkeiten übersteigt, dem Glauben und der Liebe möglich sind, die vereint mit der Hoffnung unsere Situation wie ein Samenkorn in die Erde einpflanzen. Durch die Liebe wird auch der Tod fruchtbar, durch die Liebe, mit der wir unser Leben als Brautgabe Christi in die Erde der Kirche senken, damit sie viele Gotteskinder in der ganzen Welt hervorbringen kann.

Darin liegt nicht nur das Geheimnis der Fruchtbarkeit, die im Tod noch zu finden ist – es ist vor allem die Fruchtbarkeit des Lebens. Wer Frucht bringen will, ohne sich selbst zu sterben, bringt nichts hervor, selbst wenn er in den Augen der Welt erfolgreich scheint.

Als die Carta caritatis approbiert wurde, hatte Cîteaux bereits zwölf weitere Klöster gegründet. Die Gesamtzahl betrug also 13 und war damit gleich mit der Zahl Jesu und der zwölf Apostel. Sie wussten, dass sie noch klein und schwach waren, verspürten aber gleichwohl eine Kraft, die sie wachsen ließ und vorantrieb. Vor allem war ihnen dank des Lichts des Evangeliums bewusst, dass ihr Erfolg nicht auf Macht und Größe beruhte, sondern ganz und gar auf ihrer Bereitschaft, ihr Leben für das Gottesreich hinzugeben. Damit hatten sie die Ermahnung Benedikts verinnerlicht, dass der Abt mehr nützen als herrschen solle – prodesse magis quam praeesse (RB 64,8). Sie wollten nicht neue Räume erobern, sondern der Kirche und in der Kirche Nutzen bringen, indem sie sich opferten und ihr Leben im Dienst des Herrn hingaben für das Leben der Welt. Und dieses liegt darin, dass alle Menschen Gotteskinder werden.

 

Unser Charisma

Prodesse ... Wir müssen dieses kleine Wort neu für uns entdecken, das unser Leben schön, froh und strahlend machen kann, ebenso unsere Gemeinschaften, wie immer ihr Zustand aussehen mag, und auch die Gesamtkirche samt ihren vielen Gnadenschätzen und einschließlich ihrer menschlichen Schwächen. Es würde uns gut tun, wenn wir einmal dieses Wort mit dem Leben und der Erfahrung unserer Gemeinschaften in Austausch bringen, gerade in der heutigen Zeit des Übergangs für die Kirche und die gesamte Gesellschaft. Da spielen sich politische und soziale Krisen ab, wie sie beispielsweise im Augenblick unsere Mitschwestern in Bolivien erleben. Es wird uns gut tun, wenn wir die ursprüngliche Frische uns vor Augen halten, mit der unsere Gründergeneration ihren Herzenswunsch äußerten, dass sie der gesamten Kirche und der ganzen Welt sich nützlich erweisen wollten.

Prodesse omnibus ... allen nützlich sein. Wie sieht gegenüber diesem Wunsch unsere oft selbstsüchtige Art aus, mit der wir unsere Probleme und Krisen wahrnehmen und nach Lösungen suchen? Lassen wir uns wirklich vom Bedürfnis leiten, das Wohl aller zu suchen, oder suchen wir nicht eher nach einer für uns selbst vorteilhaften Lösung? Besitzen wir das Vertrauen, dass auch Armut, Schwäche und Tod, wenn sie in Christus angenommen werden, der ganzen Welt Frucht bringen?

Wie gut wäre es und wie schön, wenn unsere Gemeinschaften und alle Menschen, die ihr Charisma teilen, in ihrem Leben dieses Gründungserbe des Nützen-Wollens neu entdecken können.

 

[1] Aus dem Rundbrief des Generalabtes an die Zisterziensergemeinschaften zum Jahr 2020.

Carta caritatis (Kolloquium)

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Nachrichten

Éric Delaissé,

CERCCIS, Cîteaux


Internationales Kolloquium im Bernhardinerkolleg,

Paris, 16.-17. Oktober[1]


Die Carta caritatis (1119-2019) –Dokument der Einheit zwischen Gemeinschaften



Die Vereinigung zur Verbreitung des zisterziensischen Kulturerbes (ARCCIS) hat gemeinsam mit dem Bernhardinerkolleg und der Stiftung Klöster in Paris ein Kolloquium organisiert, das vom 16. bis 17. Oktober 2019 das 900-Jahr-Jubiläum eines Grundsatztextes würdigte, eben der Carta caritatis.[2]

Cîteaux wurde 1098 gegründet und nahm 1113 seine erste Neugründung mit La Ferté vor. Nach dem Klostereintritt von Bernhard und seinen Gefährten kam es rasch zu weiteren Klostergründungen. Aus diesem Zusammenhang heraus muss man die Abfassung der Carta caritatis verstehen.1 Sie entsprang der Sorge von Abt Stephen Harding, wie man das Verhältnis zwischen dem Mutterhaus in Cîteaux und den Tochterklöstern gestalten solle. Er trägt den neuen Klöstern auf, dass sie den Geist von Cîteaux weiterführen und untereinander brüderlich verbunden bleiben sollen. Der Prolog hält fest, dass „dieses Dekret den Namen Carta caritatis tragen soll, weil es ihm nicht um den Last irdischen Gewinnes geht, sondern allein die Liebe und der Nutzen der Seelen in göttlichen und menschlichen Dingen gefördert werden soll“.

Bei diesem Jubiläum sollte auch darauf hingewiesen werden, dass die Carta mehrfach überarbeitet wurde. Die Erstredaktion fand zwar vermutlich schon 1114 statt, doch auch nach dem Tod von Abt Stephen Harding folgten weitere Redaktionsstufen während des 12. Jahrhunderts. Heute geht man von vier unterschiedlichen Fassungen aus: 1) Die heute verlorene Carta der Nächstenliebe und Einheit, 2) die ursprüngliche Carta caritatis, die vom Papst im Jahr 1119 approbiert wurde, 3) die Zusammenfassung der Carta caritatis, die wohl 1124 angefertigt wurde, 4) die spätere Carta caritatis, die von Papst Alexander III. im Jahr 1165 bestätigt wurde nach einer vorhergehenden Approbation durch Papst Eugen III. im Jahr 1152.

Der Text von 1119 enthält bereits alle wesentlichen Merkmale, wie die Organisation der Zisterzienserklöster zu gestalten ist. Im ersten Kapitel heißt es, dass die „Mutterkirche (d.h. das Mutterhaus) von keinem Tochterkloster irgendeine materielle Unterstützung verlangen wird.“ Ein weiterer Punkt ist das Verhältnis zur Benediktusregel. Dazu sagt das zweite Kapitel, dass die „von allen einheitlich verstanden und eingehalten werden soll“. Diese Einheitlichkeit zeigt sich auch im dritten Kapitel, nach dem „alle diesselben Bücher und Gebräuche haben sollen“. Bei den Kapiteln, die sich mit den Beziehungen zwischen den Klöstern befassen, spielen Regeln eines guten Zusammenspiels eine gewichtige Rolle: Das fünfte Kapitel legt einen jährlichen Besuch fest, den der Abt des Mutterhauses bei den jeweiligen Tochterklöstern durchführen soll. Im siebten Kapitel wird ein „Generalkapitel aller Äbte in Cîteaux“ eingerichtet, wonach alle Zisterzienseräbte einmal im Jahr zu einer Zusammenkunft nach Cîteaux reisen sollen.

Das Kolloquium im Pariser Bernhardinerkolloquium begann mit einer Einführung durch Abt Olivier Quenardel (Abtei Unserer Lieben Frau von Cîteaux). Anschließend äußerten sich im Rahmen von sieben Themenblöcken Historiker, Mönche und Nonnen, aber auch Unternehmer über die Geschichte und Aktualität eines nahezu tausendjährigen Textes. Bei den Themenblöcken befassten sich fünf mit geschichtlichen Fragestellungen. Zunächst ging es die verschiedenen Redaktionsstufen der Carta caritatis. Prof. Dr. Alexis Grélois von der Universität Rouen sprach über die Entstehung und Entwicklung des Dokuments, wozu noch weitere Forschungen nötig sein sollen. Dabei unterstrich er die bisher unterschätzte Bedeutung der Bischöfe bei der Textentstehung. Dr. Monika Dihsmaier von der Universität Heidelberg befasste sich mit einem speziellen Punkt, nämlich wie bei den Generalkapiteln die Entscheidungsfindung vorgesehen war.

Ein weiterer Themenblock arbeitete die Rollen der Äbte Stephen Harding und Bernhard von Clairvaux bei den Ordensentstehung auf.

Prof. Brian Patrick McGuire von der dänischen Roskilde-Universität zeigte, dass trotz der enormen historischen Bedeutung Bernhards von Clairvaux sich in der Carta caritatis keine Spuren seiner Theologie entdecken lassen. Er untersuchte die Beziehungen zwischen den Äbten Bernhard und Stephen Harding und unterstrich, dass letzterer die Ordensstruktur entscheidend geprägt habe. Pater Dr. Alkuin Schachenmayr von der Abtei Heiligenkreuz stellte sich der Frage, ob Stephen Harding tatsächlich als Autor der Carta caritatis gelten kann. Dabei ging er auch auf die Wahrnehmung dieses Abtes, besonders seine kultische Verehrung, im Laufe der Jahrhunderte ein. Prof. Martha G. Newman von University of Texas führte in den dritten Themenkreis ein, indem sie die Carta in das zisterziensische Schrifttum Ende des 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts einordnete. Dabei konnte sie nachweisen, dass nirgends in dieser frühen Zisterzienserliteratur die Carta als entscheidendes Regelungsinstrument für klösterliches Zusammenleben gesehen wird. Vielmehr werden einzelne Punkte hervorgehoben, die in der Carta enthalten sind, wie das Generalkapitel oder die Jahresbesuche der Äbte in der jeweiligen Tochtergründung. Beim vierten Themenblock ging es um die praktische Umsetzung der Carta im Klosteralltag. Prof. Constance Berman von der University of Iowa wies in diesem Zusammenhang nach, dass in den zisterziensischen Dokumenten in den Jahren nach 1170 die Bewahrung von Frieden und Nächstenliebe immer wieder als Anliegen genannt werden. Prof. Dr. Jörg Oberste von der Universität Regensburg fragte, wie es den Zisterziensern gelang, ihr Gründungscharisma weiterzuführen. Dabei hob er hervor, dass die Carta nicht als eine Verfassung im juristischen Sinn zu verstehen ist, sondern darauf abzielt, die Beobachtung der Benediktusregel und der asketischen Praxis so, wie sie in Cîteaux gelebt wurden, zu bewahren.

Im fünften Themenblock ging es darum, wie die Carta caritatis von anderen Ordensgemeinschaften rezipiert wurde. Prof. Guido Cariboni von der Mailänder Università Cattolica ging dabei auf die Regularkanoniker ein mit einem Schwerpunkt auf dem Netzwerk, das mit der Ordensgemeinschaft von Saint-Martin in Laon verbunden war. Er wies nach, dass die erhaltenen Dokumente von Saint-Martin und dessen Gründungen Elemente enthalten, welche der Zisterzienserverfassung nachempfunden sind. In manchen Fällen finden sich sogar überraschende Übereinstimmungen mit den ersten Fassung der Carta caritatis. 

Ein weiterer Teil des Kolloquiums fragte danach, wie die Carta heute noch von Relevanz ist oder sein kann. Daher befasste sich der sechste Themenblock mit heutigen Formen von management. Hubert de Boisredon, der Präsident des Unternehmens Armor, das Tinten und Druckerpatronen herstellt, untersuchte die Organisationsprinzipien der Carta von einem heutigen unternehmerischen Standpunkt aus. Schließlich ging es dann in einem siebten und letzten Themenblock darum, wie die Zisterzienserfamilie heute die Carta caritatis lebt. In einem Podiumsgespräch äußerten sich dazu der Zisterzienserabt Vladimir Gaudrat von der Abtei Lérins, der Trappistenabt Jean-Marc Chéné von Abtei Bellefontaine und Äbtissin Mary Helen Jackson von Bernhardinerinnenkloster Notre-Dame de La Plaine. Am Schluss stand ein Vortrag von Pater Gérard Joyau von der belgischen Abtei Scourmont. Er zeigte, welche Rolle der Benediktusregel bei den Bemühungen der Zisterzienserklöster um Einheit zukommt. Wie er hervorhob, spielt dabei weiter die Carta caritatis trotz ihres Alters von 900 Jahren eine erhebliche Rolle, da sie die grundlegenden Regeln festlegt, wie die besondere Tradition jedes einzelnen Hauses der Zisterzienserfamilie mit Respekt behandelt wird.

 

[1] Originaltext in den Collectanea Cisterciensia.

[2] Zum Hintergrund vgl. Origines cisterciennes, Cerf, Paris 2019.

EMLA

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Nachrichten

Enrique Contreras OSB

Präses der Kongregation von Cono Sur und von EMLA

 

Rückblick auf die zwölfte

Lateinamerikanische Begegnung der Klöster

(EMLA)

 

 

Sechs Jahre nach der letzten Lateinamerikanischen Klosterbegegnung (EMLA), die damals in Mexiko stattfand, konnte vom 30. September bis 6. Oktober 2019 ein weiteres Treffen unserer lateinamerikanischen Klöster in Argentinien stattfinden. Die Vorbereitung lag in den Händen der Konferenz der Klostergemeinschaften von Cono Sur (SURCO), da dieser Dienst immer zwischen den drei Zonen von EMLA wechselt. Die anderen zwei Zonen sind UBC (Benediktiner- und Zisterzienserunion von Mexiko) und CIMBRA (Konferenz für monastischen Austausch in Brasilien), die wiederum zur ABECCA zusammengeschlossen sind (Benediktinisch-Zisterziensische Vereinigung der Karibik und der Anden).

Monastische Begegnungen

Der Brauch von „Begegnungen“ reicht weit zurück in die Geschichte des christlichen Mönchtums. Schon ganz zu Beginn finden wir Zeugnisse dieser Praxis. So heißt es im Gründungstext des monastischen Lebens, der „Leben des hl. Antonius“, verfasst gegen Mitte des 4. Jahrhunderts von Athanasius von Alexandrien:

(Kapitel 54) Einmal wurde er von den Mönchen gebeten, zu ihnen nach Unterägypten zu kommen und eine Zeitlang sie und ihre Niederlassungen zu besuchen; da zog er mit den Mönchen, die zu ihm gekommen waren; ein Kamel trug ihnen Brot und Wasser. Denn diese ganze Wüste ist wasserlos, und es gibt dort überhaupt kein Trinkwasser außer bei jenem Berge, wo seine Einsiedelei war; hier schöpften sie es auch für sich. Als nun das Wasser auf dem Wege ausging und die brennendste Hitze herrschte, da gerieten sie alle in große Gefahr. Sie streiften in der Gegend umher und fanden kein Wasser; endlich konnten sie nicht mehr gehen, legten sich zu Boden, ließen das Kamel laufen und verzweifelten an ihrer Rettung. Als der greise Antonius alle in Gefahr sah, geriet er in große Betrübnis und seufzte; dann ging er ein wenig von ihnen abseits, beugte die Knie, breitete die Arme aus und betete; und sogleich ließ der Herr an dem Ort, wo er im Gebete stand, Wasser herausströmen. Alle tranken nun und erholten sich; sie füllten die Schläuche, suchten das Kamel und fanden es. Das Halfter hatte sich nämlich zufällig um einen Stein geschlagen, und das Tier war so festgehalten worden. Sie führten es nun herbei, tränkten es, beluden es mit den Schläuchen und setzten ihren Weg unversehrt fort. Als Antonius zu den Klöstern, die außerhalb der Wüste lagen, kam, da begrüßten ihn alle, wie wenn sie ihren Vater sähen. Er selbst beschenkte sie mit seinen Erzählungen, die er gleichsam wie eine Wegzehrung von seinem Berge mitbrachte und teilte ihnen von seinen nützlichen Erfahrungen mit. Und wieder war Freude auf den Bergen und Eifer zum Fortschritt und Trost wegen des Glaubens untereinander (Röm 1,12).

Der hier zitierte Text überliefert einige wichtige geistliche Lehren, darunter vor allem das Bedürfnis, mit einem großen Heiligen Lebenserfahrungen zu teilen und unterrichtet zu werden. Allerdings musste erst einmal eine lange Reise durchgeführt werden, bis sich dieser Wunsch erfüllen konnte, auf welcher es manche Gefahren und Hindernisse gab. Nach Überwindung dieser Schwierigkeiten konnte die Begegnung stattfinden und verlief in großer Freude über den geistlichen Austausch.

 

EMLA

Über die Jahre hinweg haben die lateinamerikanischen Begegnungen immer wieder gezeigt, wie wichtig und erwünscht es für Mönche und Nonnen ist, die Leiden und Freuden unserer gemeinsamen Berufung zu teilen. Darin liegt das Hauptanliegen der EMLA.

Dazu sei gleich gesagt, dass die Geschichte der EMLA auch manche Rückschläge kennt. Aber die Notwendigkeit gegenseitiger Ermutigung hat sich dabei doch als stärker erwiesen dank eines vielfältigen fruchtbaren Austauschs unserer jeweiligen Erfahrungen des monastischen Charismas.

Das „Leben des hl. Antonius“ zeigt uns, dass Reisen, selbst wenn sie heute weniger riskant als früher sind, nicht auf die leichte Schulter genommen werden dürfen und weite Entfernungen einschließen, viele Stunden in Flugzeug, Bus oder Auto und lange Warteschlangen. Die heutigen Gefahren bestehen mehr noch als früher in Geduldsproben, welche die monastische Ausdauer ziemlich strapazieren können. Dennoch werden solche Geduldsproben bei weitem vom geistigen Gewinn überwogen, den solche Begegnungen für uns mit sich bringen. Wir können sie mit den Psalmenworten zusammenfassen: „Wie gut ist es doch und wie schön, wenn Brüder in Eintracht zusammenleben.“

 

Früchte von EMLA

Das „Leben des hl. Antonius“ fasst bewundernswert die Ergebnisse einer geschwisterlichen Begegnung zusammen. Zunächst einmal wird uns geistige Nahrung geschenkt dank eines anspruchsvollen spirituellen Austausches. Hinzu treten die Freude und der Wunsch, im geistlichen Leben Fortschritte zu erzielen. Und schließlich werden wir durch das gegenseitige Vertrauen innerlich aufgebaut.

Auf diese Weise nähren wir uns bei den Begegnungen vom Brot und vom Wort der Eucharistie. Eben dies war auch das Thema unseres zwölften Treffens: „Eucharistie und monastisches Leben“. Zufällig begann dieses Treffen am Gedenktag des hl. Hieronymus, der in besonderer Weise das Gotteswort geliebt hat.

Wir teilten die geistige Nahrung zusätzlich in Vorträgen, Podiumsgesprächen, Kleingruppen, Vollversammlung und im persönlichen Gespräch. Wie in früheren Begegnungen durften wir wieder entdecken, dass wir gemeinsam Christus nachfolgen.

 

Besonderheiten

Im Antoniusleben hören wir auch vom Trost, der aus gegenseitigem Vertrauen hervorgeht. In unserem 12. EMLA-Treffen kam das vor allem in zwei gemeinsamen Grunderfahrungen zum Ausdruck: Schlichtheit und Harmonie. Unsere gemeinsamen Tage waren von solcher harmonischen Schlichtheit gekennzeichnet, sei es bei den Veranstaltungen, aber auch vor allem bei unserer gemeinsamen Wallfahrt zum Heiligtum Cura Brochero. Auch in diesem Exerzitienhaus, das der hl. José Gabriel de Rosario Brochero (1840-1914) gründete und das heute immer noch in Betrieb ist, war ein tiefer Frieden spürbar.

Reliquien des hl. José Gabriel de Rosario Brochero.
Reliquien des hl. José Gabriel de Rosario Brochero.

Vergleiche sind immer gefährlich. Daher widerstehe ich der Versuchung, jetzt zu sagen: „Dieses Treffen war besser als...“ Nachdem ich bereits an mehreren EMLA-Treffen teilgenommen habe, konnte ich auch dieses Mal feststellen, dass der Heilige Geist uns auf einem spirituellen Weg weiterführt ungeachtet unserer menschlichen Schwächen.

 

Ein Wunsch und eine Unruhe

Im Rückblick scheint mir, dass unser Treffen ein allgemeines Bedürfnis spürbar werden ließ, unsere Erfahrung der lectio divina zu vertiefen. Dieses Thema kam öfters zur Sprache, bedürfte aber einer ausführlicheren Behandlung, die uns helfen würde, diese Grundübung des monastisch-christlichen Lebens zu vertiefen.

Was mich bei jedem EMLA-Treffen etwas beschäftigt, aber vielleicht auch nur eine ganz persönliche Unruhe ist: Wie steht es eigentlich mit unserem Zugang zu den Quellen und den Lehren des frühen Mönchtums? Natürlich gibt es auch für unsere Zeit viele Herausforderungen angesichts einer sehr komplexen Gegenwart. Aber dispensiert uns das davon, uns das spirituelle Erbe der monastischen Ursprungszeit tiefer anzueignen?

Auf alle Fälle hat das EMLA-Treffen wieder einmal bestätigt, dass wir uns regelmäßig treffen sollten, um weiter im freudigen Grundvertrauen zu wachsen, dass der himmlische Vater uns im Sohn bis zur Vollendung liebt (Johannes 13,1). Auf diese Weise bleiben wir in unserer gemeinsamen monastischen Berufung gefestigt. Dieses Vertrauen finden wir auch im „Leben des hl. Antonius“, wobei auf ein Wort des Apostels Paulus zurückgegriffen wird: „Wir wollen uns gegenseitig ermutigen durch den gemeinsamen Glauben, euren und meinen“ (Römer 1,12).

Reise nach Argentinien (I)

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Nachrichten

Jean-Pierre Longeat OSB

Präsident der AIM

 

Reise nach Argentinien

Oktober 2019

 


Montag, 23. September

Bei dieser Reise war mein Ziel das EMLA-Treffen in Argentinien, zu der alle Oberen der benediktinischen Familie im lateinamerikanischen Raum eingeladen sind.

In Argentinien selbst gibt es ungefähr 15 Klöster, die der Benediktusregel folgen. Davon sind drei aus der Abtei Santa Escolástica in Buenos Aires hervorgegangen, nämlich Córdoba, San Luis und Rafaela. Die Benediktinerinnen von Córdoba haben ihrerseits ein Gründung in Paraná vorgenommen. Bei den Männern sind zu nennen: Luján, Los Toldos und Niño Dios. Das letztgenannte Kloster hat in Argentinien die Gemeinschaft von El Siambón ins Leben gerufen. Im Land gibt es zudem zwei Trappistenklöster, nämlich ein Männerkloster mit Azul und ein Frauenkloster mit Hinojo. In Buenos Aires befindet sich eine Gemeinschaft der Tutzinger Schwestern und eine weitere in Los Toldos sowie ein Benediktinerinnenkloster in Santiago del Estero. Diese beachtliche Vielfalt hat erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts begonnen. Auf meiner Reise konnte ich sieben dieser Gemeinschaften besuchen.

Am Flughafen von Buenos Aires erwarteten mich zwei Schwestern von Santa Escolástica, die mich zum Kloster brachten, das ungefähr eine Stunde Autofahrt entfernt liegt. Nachdem ich im Gästeflügel ein Zimmer bezogen hatte, bat ich darum, die Eucharistie noch vor dem Mittagessen feiern zu dürfen. Mir wurde dafür die Krypta zugewiesen, wo mich zu meiner Überraschung einige Schwestern erwarteten, welche diese improvisierte Feier miterleben wollten. Ich benutzte für den Gottesdienst die französische Sprache, doch die Schwester Bibliothekarin hatte vorausschauend französische Messtexte organisiert, so dass die teilnehmenden Schwestern in dieser Sprache antworten konnten.

Nachmittags unternahm ich einen längeren Spaziergang, der mich zu einer Bucht des Atlantischen Ozeans führte, die nur eine Viertelstunde entfernt liegt. Nach meiner Rückkehr fand eine Begegnung mit der Gemeinschaft statt. Dafür versammelten wir in einem großen Raum, wo wir im Kreis saßen. Zunächst hörten wir uns das Tagesevangelium an und tauschten uns dann im Gespräch über alle möglichen Fragen unseres Klosteralltags aus. Die dabei spürbare freundlich-warme Atmosphäre sollte sich bei meinem ganzen Aufenthalt in Argentinien fortsetzen.

Äbtissin María Cristina Moroni von Santa Escolástica und Mitschwester. © AIM.
Äbtissin María Cristina Moroni von Santa Escolástica und Mitschwester. © AIM.

Dienstag, 24. September

Um 4.00 Uhr morgens bin ich bereits wach. Die Vigilien beginnen um 5.15 Uhr, die Laudes sind um 7.30 Uhr und die Konventmesse um 8.30 Uhr. Anschließend besichtige ich das Kloster.

Dieses liegt in einem Vorort von Buenos Aires, nicht weit weg vom Fluss Río de la Plata. Das Anliegen der Schwestern ist es, dass das Leben der Gemeinschaft durch seine Form des Gebets, der Meditation und der Arbeit in  die umliegende Metropole ausstrahlen möge. Nach der Klosterchronik hatte Pater Andrés Anzcárate, der Gründer des benediktinischen Männerklosters San Benito in Buenos Aires, welcher aus der spanischen Abtei Silos stammte, den Wunsch, dass es in Argentinien auch ein Nonnenkloster geben möge. Viele junge Argentinierinnen, die vom benediktinischen Lebensweg angezogen wurden, unterstützten ihn. So sandte Pater Andrés einige Kandidatinnen in das Kloster Estella im spanischen Navarra, um dort ihr Noviziat zu absolvieren. Dies scheiterte allerdings am spanischen Bürgerkrieg. Daher wandte sich Pater Andrés im Jahr 1937 an die brasilianische Abtei Santa Maria in São Paulo und bat um Gründungshilfe. Diese Abtei zählt zur brasilianischen Benediktinerkongregation. Doch die ersten Nonnen stammten aus Stanbrook in England, welche das brasilianische Kloster 1911 gegründet hatten. Damit folgte Santa Maria wie das Mutterhaus Stanbrook den Gebräuchen, die Dom Prosper Guéranger für die Nonnen von Sainte-Cécile in Solesmes festgelegt hatte.

Prior Andrés von San Benito fragte also offiziell am 15. Oktober 1938 bei dem brasilianischen Kloster an, ob sie die argentinischen Kandidatinnen ausbilden würden. Die Äbtissin sagte gerne zu und das Kloster nahm sieben Interessentinnen aus Argentinien auf. Bereits im gleichen Jahr wurde am Fest der Unbefleckten Empfängnis, dem 8. Dezember, der Grundstein für das neue Frauenkloster in Buenos Aires gelegt. Zu derselben Zeit also, als die Welt in einem schrecklichen Krieg versankt, entstand damit in Argentinien ein neues Kloster, das dem benediktinischen Motto „Pax“ folgte. In diesem Sinne wurde auch als Patronat „Maria Königin des Friedens“ gewählt. Am 17. September 1940 fand in der Abtei Santa Maria die erste Profess einer argentinischen Novizin statt, der am 21. November die anderen sechs Kandidatinnen folgten. Aus Argentinien trafen in der Zwischenzeit weitere Bewerberinnen ein.

Heute besteht die Gemeinschaft aus ungefähr 30 Nonnen. Ihre Arbeitsbereiche teilen sich auf zwischen Werkstätten für Stickerei, Kunstobjekte, Buchbinderei, einer kleinen Druckerei vor allem für Postkarten, einer Schokoladenherstellung und dem Gästebereich. Die Liturgie ist auf Spanisch mit Raum für lateinischen Choralgesang. Die Klosteranlage ist sehr geräumig angelegt und das Grundstück umfasst drei Hektar mitten in der Vorstadt Victoria.

Nachmittags begleiten mich zwei Schwestern bei einem Ausflug zum Fluss Luján bei der Stadt Tigre. Wir spazieren das Flussufer entlang und die Schwestern informieren mich ausführlich über die Situation des Landes und der Kirche. Eine schnell voranschreitende Säkularisation stellt mittlerweile die Grundlagen des Glaubens in Frage. Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine sehr lebendige Volksfrömmigkeit. Auf jeden Fall erweist sich die Glaubensweitergabe in Argentinien als ausgesprochen schwierig, was ja auch der Erfahrung anderer Länder entspricht. Dieser Wandel berührt offensichtlich auch das Ordensleben. Auch wenn man die Gemeinschaft von Santa Escolástica als lebendig und dynamisch bezeichnen kann, haben sich schon seit acht Jahren keine Novizinnen mehr eingefunden.

 

Mittwoch, 25. September

Abtei San Benito in Buenos Aires. © AIM.
Abtei San Benito in Buenos Aires. © AIM.

Am Morgen fahren wir zur früheren Abtei San Benito im Stadtzentrum von Buenos Aires. Wie schon früher erwähnt, handelt es sich um eine Gründung der Abtei Silos aus dem Jahr 1914. Sie befand sich an diesem Ort bis zum Jahr 1973, als sich die Mönche zu einem Umzug nach Luján entschieden.

Wir werden von Pater Pedro willkommen geheißen, der hier allein wohnt und die Mönche seiner Gemeinschaft vertritt. Das Kloster Luján ist weiterhin Eigentümerin des Grundstücks und der Gebäude, die vermietet werden. Seit den 1970er Jahren sind hier verschiedene Institutionen ein- und ausgezogen.

Was sofort ins Auge springt, ist die gewaltige Dimension der Anlage, die eine kühne Gründungsvision verrät. Pater Andrés als Gründer und erster Prior ließ nach und nach ein Abteigebäude errichten, das gut hundert Mönche aufnehmen konnte. Doch das Stadtkloster hat nie richtig Wurzeln schlagen können. In seiner Glanzzeit lebten hier ungefähr fünfzig Mönche, die jedoch ausnahmslos aus Spanien kamen und beinahe alle aus dem Oblatenkreis von Silos entstammten. Der Rundgang durch die Gebäude, die seit einigen Monaten ohne Mieter sind, spricht Bände. Überdies ist der Klosterbau nie abgeschlossen

worden – der Kreuzgang ist nur auf zwei Seiten vollendet mit Arkadengängen, die ins Leere gehen. Auch die Kirchtürme sind nur zum Teil fertiggestellt. Man kann sich gut vorstellen, mit welch unsäglichen Anstrengungen dieses Projekt vorangetrieben wurde, das dann am Ende doch eingestellt werden musste.

Zu Besuch bei den Tutzinger Missions-Benediktinerinnen in Buenos Aires.
Zu Besuch bei den Tutzinger Missions-Benediktinerinnen in Buenos Aires.

Zum Mittagessen fahren wir zu einer kleinen Benediktinerinnengemeinschaft ganz in der Nähe. Es handelt sich um Schwestern der Tutzinger Missionsschwestern, die dort zu fünft wohnen. Mich beeindruckt ihre Vitalität. Sie betreiben unter anderem eine Pension für junge Frauen, darunter viele Immigrantinnen aus Venezuela, kümmern sich um Jugendliche in Schwierigkeiten, betreuen Gäste in ihrem Gästebetrieb und dazu verrichten sie noch das Stundengebet. Wie immer bei den Tutzinger Niederlassungen ist die Gemeinschaft sehr international: Die Priorin ist Brasilianerin, daneben gibt es zwei Schwestern aus Argentinien, eine stammt aus Korea und eine weitere aus Namibia. Das Atmosphäre ist freundlich-entspannt. Neben dieser Gemeinschaft gibt es noch eine weitere Niederlassung der Tutzinger Schwestern in Argentinien.

Nachmittags fahren wir mit Pater Pedro weiter zum Kloster Luján, wo ich den ganzen folgenden Tag verbringen will. Vorher machen wir noch einen kleinen Umweg, um die Kathedrale von Buenos Aires zu besuchen. Hier beten wir im Gedenken an Papst Franziskus, der lange an diesem Ort als Erzbischof wirkte. Dann fahren wir weiter durch die Großstadt Buenos Aires, in der drei Millionen Einwohner leben, zu denen nochmals 14 Millionen im Umland kommen.

Nach einer Autofahrt von ungefähr 90 Minuten treffen wir in Luján ein, wo uns Abt Jorge Morán begrüßt, der erst vor kurzem, nämlich am 14. September 2019, zum Abt geweiht wurde. Davor war er längere Zeit als Prioradministrator des Klosters im Einsatz.

Nach dem Abendessen treffe ich mich mit den Mönchen in der Rekreation zum Austausch. Die Gemeinschaft besteht aus ungefähr 15 Mönchen, die alle Generationen mischt. Die jüngsten Mönche sind ungefähr in ihren dreißiger Jahren und die zwei ältesten Mönche zählen 92 bzw. 93 Jahre.

Gottesdienst in der Klosterkapelle von Luján. © AIM.
Gottesdienst in der Klosterkapelle von Luján. © AIM.

Donnerstag, 26. September

Nach Frühstück, Laudes und Eucharistiefeier fahren wir mit Abt Jorge zur Stadtbasilika von Luján, die sich einige Kilometer entfernt befindet. Die kleine Terracottafigur der Gottesmutter, die als Jungfrau von Luján bekannt ist, geht auf das Jahr 1630 zurück. Ein Landbesitzer wollte auf seinem Grund eine Kapelle zu Ehren der Jungfrau Maria errichten. So bat er einen Freund im brasilianischen Pernambuco, ihm eine Statue der Jungfrau zu schicken. Dieser ließ ihm gleich zwei Figuren zukommen, eine Figur Unserer Lieben Frau der Barmherzigkeit und eine weitere der Unbefleckten Empfängnis.

Zu dieser Zeit waren die Straßen einfache Erdpisten. Als der Wagen mit den Statuen mühsam vom Hafen aus in die Nähe der Stadt gelangt war, fiel bereits die Nacht herein und die Fahrer mussten mit dem Gefährt am Ufer des Luján übernachten. Als sie am nächsten Morgen aufbrechen wollten, weigerten sich die Ochsen weiterzugehen. Die Fahrer luden daraufhin eine Kiste mit einer der Statuen vom Wagen ab, aber die Ochsen weigerten sich immer noch. Sie stellten sie daher wieder auf den Wagen und nahmen die andere Kiste herunter. Daraufhin zogen die Ochsen den Wagen weiter. Die Treiber begriffen, dass die Figur der Unbefleckten Empfängnis die Ochsen an der Weiterfahrt gehindert hatte. Sie sahen es als Wunder an und als Zeichen, dass die Figur an diesem Ort bleiben sollte.

Einer der Zeugen dieses Wunders war der Mulatte Manuel. Er soll ein einfacher und warmherziger Mensch gewesen sein. Sein Herr trug ihm auf, dass er in Zukunft über die Figur wachen solle, denn es gebe in Zukunft niemand anderen mehr als sie, der er dienen solle. Über 41 Jahre war die Figur in einer Einsiedelei untergebracht, die ungefähr 25 Kilometer von der heutigen Basilika entfernt liegt. Im Jahr 1671 wurde sie dann in eine Kapelle verbracht, welche von Doña Ana de Matos gestiftet worden war. Etwas später begannen die Bauarbeiten für ein größeres Heiligtum, dessen Ruinen inzwischen wieder entdeckt wurden. Diese neue Kapelle wurde Ziel von Wallfahrten und ersten Wundern. Der Wächter der Figur, der auch die Pilger begrüßte, blieb bis an sein Lebensende der schon genannte Manuel. Er starb im Ruf der Heiligkeit und wurde hinter der Kapelle beerdigt, die bis 1740 bestand.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der kleinen Figur eine päpstliche Krone zuteil und sie wurde Ziel einer offiziellen Wallfahrt aus Buenos Aires, die zum Dank für die Rettung vor einer Gelbfieberepidemie eingerichtet worden war. Es begann der Bau der riesigen Basilika, die heute zu einer der bedeutendsten Wallfahrtszentren in Lateinamerika geworden ist. Die Initiative dazu ging von einem französischen Priester aus.

Nach der Basilika besuchten wir die Krypta, wo Nachbildungen der Figur aus vielen Ländern zu sehen sind. Ich war beeindruckt von der Vielfalt dieser Figuren. Mir war bisher nicht bewusst, wie sehr die Übernahme und Adaption der Marienfigur es jeder Kultur oder Region erleichtert, sich mit der ersten Jüngerin Jesu zu identifizieren, mit ihr, die zur Mutter aller wurde, die ihrem Sohn nachfolgen. Auf diese Weise wird Glaube konkret.

Nach unserer Rückkehr besuchten wir ein altes Haus innerhalb des Klostergeländes. Die Ländereien des Klosters umfassen 300 Hektar ähnlich wie die großen argentinischen Farmen. Dieses Gebäude dient heute als landwirtschaftliches Ausbildungszentrum für junge Frauen aus dem Umland. Dafür ist eine eigene Stiftung gegründet worden. Zur Zeit lernen dort 40 Schülerinnen, wobei die Ausbildungszeit zwei Jahre beträgt. Die Lehrer sind ausgesprochen engagiert. Spirituell wird das Haus vom Opus Dei betreut. Gerade wird eine Kapelle auf dem Gelände errichtet. Das Personal ist dazu verpflichtet, nichts zu unterrichten, was den staatlichen Lehrplänen widersprechen könnte, was sich vor allem auf Fragen im Bereich von Familie, Soziallehre und Bioethik bezieht.

Nachmittags besuche ich die Wirtschaftsbetriebe des Klosters. Ein Laden befindet sich ungefähr einen Kilometer vom Kloster entfernt und wird von einer angestellten Familie betreut. Auch die Farm mit 90 Milchkühen wird von Angestellten verwaltet. Die Mönche selbst arbeiten gemeinsam mit Angestellten hauptsächlich in der Marmeladenfabrik. Dann nehme ich mir Zeit für die Umgebung des Klosters, besonders für ein ehemaliges Spinnereiwerk, das ein belgischer Unternehmer im letzten Jahrhundert gegründet hatte. Dieses Werk folgte einer sozialen Vision, die sich an der kirchlichen Soziallehre orientierte. Neben der Fabrik rief der Unternehmer noch eine Vielzahl von Aktivitäten ins Leben, um der Bevölkerung zu helfen, aus der Armut zu entkommen. Dazu zählten eine Schule, Freizeitaktivitäten, ein Hallenbad und vieles mehr. Nach dem Tod des Unternehmers sahen sich die Kinder nicht mehr in der Lage, dieses Projekt weiterzuführen, das schließlich Konkurs anmelden musste. Überlebt hat heute nur noch die Schule, alles andere ist eingestellt. Nach der Schließung der Fabrik trug das Kloster viel dazu bei, dass die gekündigten Arbeiter aufgefangen wurden.

Gegen Ende des Nachmittags lasen wir gemeinsam das Tagesevangelium und tauschten uns darüber aus. Dazu begaben wir uns an das Ufer eines Baches, der zur ehemaligen Spinnerei gehörte und heute für Freizeitaktiväten genutzt wird.

Abt Jorge informierte mich den Tag über ausführlich über die Situation von Argentinien, das gerade eine tiefe politische Krise durchlebt. Immer mehr Menschen rutschen in die Armut hinein und die sozialen Spannungen nehmen zu. Die argentinische Kirche hat sich stark mit den Armen solidarisiert und die Bischöfe nehmen oft in Hirtenworten zu diesem Thema Stellung.

Abends gab es noch eine weitere Begegnung mit der Gemeinschaft. Wir tauschen Geschenke aus, denn morgen werde ich aufbrechen, um andere Klöster zu besuchen, bevor das EMLA-Treffen beginnt.

 

Fortsetzung folgt in Bulletin 119 (2020): https://www.aimintl.org/de/communication/report/119

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