Fr. Boniface Tiguila, OSB,
Leiter des internationalen benediktinischen Studienzentrums Longata
in Nairobi, Kenya

Die AIM, ein Baobab in der afrikanischen Landschaft

Tiguila1Einführung

Ein großer Baum, ein Fetisch, ein Totem, Jahrhunderte alt, der seit Generationen mit seinen Blättern Schutz bietet und an seinen Zweigen Frucht bringt,  ist ein Thema, das in Afrika Reflexion verdient. Zudem strahlt dieser Baum so viel Weisheit aus, dass man sich gern in seinem Schatten zum Gespräch niederlässt, das heißt zum Geben und zum Nehmen. Die Aim lädt uns ebenfalls ein, inne zu halten, um uns von ihrer Geschichte ansprechen zu lassen und sie zu ihrem Einfluss in der Klosterwelt zu befragen. Aus dem Zentrum des Togo (Agbang) stammend möchte ich mit Ihnen zu den Geheimnissen der AIM vordringen.

Zu Anfang möchte ich gleich feststellen, dass meine Gedanken im Wesentlichen auf meine Erfahrungen mit der AIM aus afrikanischer Sicht gegründet sind. Ich weiß nicht, wie die Dinge in anderen Ländern verlaufen. Man möge es mir daher nachsehen, wenn meine Ausführungen nicht mit denen aus anderen Gegenden übereinstimmen. Ich möchte hier lediglich meine persönliche Sicht der Dinge zum Ausdruck bringen. Bei uns in Afrika sagt man, die Weisheit gleiche dem Stamm eines Baobab, den ein Einzelner nicht umfassen könne.

1. Geben heißt nicht nehmen, nehmen heißt nicht geben

Dies ist offensichtlich und bedarf keines Beweises. Man könnte diesen Satz auch eine Binsenweisheit nennen. Bei uns in Afrika sagt man: Man kann nicht laufen und sich zur gleichen Zeit die Füße kratzen.

Wenn man beide Begriffe näher betrachtet, erkennt man sogleich, dass es dabei einen gibt, der besitzt und gibt, und einen anderen, der nichts besitzt und empfängt. Diese Analyse ist völlig klar und logisch. Wenn immer es um Hilfeleistung geht,  verfällt man leicht in dieses Denkmuster des Gebens und Nehmens. Und genau dieses ist eingetreten nach der Gründung der AIM, die zugegebenermaßen aus Hochherzigkeit, Altruismus und selbstlosem Eifer erfolgte.

„Wir gehen, um zu helfen, etwas zu bringen und zu gründen.  Wir wollen geben und helfen, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten. Dies ist reiner Altruismus. Es wäre unsererseits ungehörig und unvorstellbar, die Krümel derer aufzulesen, die nichts haben.“ Dies war in etwa die Sichtweise der Gründungsväter der AIM. Ein einziges Beispiel möge diese Haltung illustrieren. Wenn man bedenkt, dass viele Missionsklöster lange Zeit gezögert haben, ihre Tore afrikanischen Berufungen zu öffnen, versteht man, dass viele Missionare nach Afrika gingen, um das Evangelium zu verkünden, nicht aber, um schwarze Berufungen aufzunehmen. Man ging, um zu geben, nicht aber, um zu empfangen. Das flagranteste Beispiel ist das unserer Kommunitäten in Peramiho und Ndanda in Tanzania (Kongragation St. Ottilien). Die dortigen Klöster gehören zu den ersten Gründungen in der Subsahara-Zone Afrikas. Dort hat man ca. 80 Jahre gewartet, bis man sich entschließen konnte, Afrikaner bei sich  aufzunehmen. Auf Grund der starken Nachfrage hat man in Peramiho das Gleiche etwas früher und etwas besser gemacht, indem man Hanga als afrikanisches Mönchszentrum für Afrikaner eröffnet hat: „The African Benedictines of Hanga“.

„Wir haben nichts, wir können nichts, wir sind auch nichts. Gottlob gibt es Gutwillige, die alles für uns tun. So brauchen wir nichts tun, als die Hand aufzuhalten, ohne dabei müde zu werden.“ Diese Haltung konnte sich seitens der Empfänger einstellen. Außerdem schienen die Wohltäter Gefallen an unserer Abhängigkeit von ihrer Großherzigkeit zu finden. Es war für unsere Gönner gelegentlich eine Gewissensberuhigung, selber zu etwas nützlich zu sein und Menschen zu retten, indem sie andere aus dem Staub aufnahmen und sogar zu ihren Brüdern machten.  Entschuldigen Sie bitte diese recht sarkastische Karikatur, aber so sehe ich die Dinge und befürchte ihre Wahrhaftigkeit.

Die AIM stand tatsächlich am Anfang der Aide à l’Implantation Monastique (Hilfe zu Klostergründungen). Diese Phase hat mehrere Jahrzehnte umfasst, genau 36 Jahre bis zum Jahr 1997, als Père Martin Neyt, OSB, Präsident der AIM und Père Jacques Côté, OSB,  Generalsekretär wurden.

In der bis dahin geltenden Geisteshaltung konnten unsere schwarzen Kommunitäten nicht aus ihrer Lethargie erwachen, die so typisch für verwöhnte Kinder ist, die wie junge Vögel nur fordern und verlangen können. Unsere europäischen Wohltäter hatten uns nicht gezeigt, wie man Helfer und Unterstützung aus afrikanischen Quellen bekommen kann. Sie selbst konnten uns verständlicherweise nicht die Wege zeigen, aber sie erlaubten uns auch nicht, sie selber zu finden. Man hatte dermaßen jeden Reichtum aus afrikanischen Quellen verteufelt, dass wir nicht einmal auf die Idee kamen, etwas von dem Reichtum jener Menschen mit ihren schmutzigen Händen zu nehmen. Sie wollen bitte meine direkte Sprechweise entschuldigen, aber es ist wahr, dass in jenen Tagen der Mobuta-Klan gewisse Kommunitäten in Europa finanziell unterstütze.

Tiguila2Trotz allem muss man anerkennen, dass die Aim in den 36 Jahren seit ihrer Gründung  ein kolossales Stück Arbeit geleistet hat. Ich will gar nicht erst versuchen, hier eine vollständige Bilanz aufzustellen. Es sei mir lediglich gestattet, einige Bereiche hervorzuheben, in denen die AIM Großartiges geleistet hat.

Mit klösterlicher Großherzigkeit und missionarischem Eifer hat sie viele Regionen der Missionsländer durchforstet, um dort Stätten für neue Klöster zu finden und diese Setzlinge liebevoll zu pflegen. Und die lange Reihe kleiner Setzlinge hat eine unerwartete Vitalität und Empfänglichkeit für den Samen des Evangeliums entwickelt, der jetzt in afrikanische, asiatische, lateinamerikanische  Erde fiel.

Wie man auf der Website der AIM erkennen kann, hat die diese Institution die Gründung und Entwicklung von mehr als 450 Niederlassungen benediktinischer und zisterziensischer Spiritualität, Männer und Frauen, auf neuem Boden begleitet.

Sie hat ein Netzwerk von intensiven Kontakten, Informationsaustausch und Begegnungen auf allen Ebenen geschaffen und dadurch der Regel des hl. Benedikt die Möglichkeit gegeben, wie ein nährender Saft alle Verästelungen des Baobab zu durchlaufen, um neue Blühten in einem alten Baum hervorzubringen. Um bei dem Bild des Baobab zu bleiben: Sie hat allen Teilen des Baumes neue Kraft verliehen.

Die AIM bietet sich als bevorzugter Ansprechpartner für die Alltagsprobleme und die  Sorgen der Klostergemeinschaften an. Sie unterstützt und begleitet die Kommunitäten  bei ihrer Gründung, ihrer Entwicklung und auch bei Rückschlägen. Sie ist zugleich ein Forum der Reflexion über die Aufgaben der Ordensleute angesichts neuer Herausforderungen wie Armut, Erziehung, Umwelt, Frieden, Gerechtigkeit. Sie fördert und pflegt die Kooperation und die Solidarität zwischen den Klöstern auf der ganzen Welt. Sie trägt zur menschlichen, kulturellen und spirituellen Bildung der Kommunitäten bei, indem sie Stipendien gewährt, Tagungen veranstaltet, Bildungsstoffe bereit stellt und Projekte fördert. Die AIM unterhält ein Netzwerk von Austauschmöglichkeiten zwischen den Klöstern auf nationaler und internationaler Ebene. Sie unterstützt die Finanzierung bedürftiger Kommunitäten und stellt Kontakte zu Organisationen her, die sich der Missionierung und der Förderung von Klöstern widmen. Das Bulletin der AIM ist eine Plattform des Austausches und der Reflexion über das Mönchstum, die in englischer, französischer, spanischer, italienischer, deutscher und portugiesischer Sprache erscheint.

Durch ihre sprichwörtliche Gastfreundlichkeit und Zurückhaltung – beide Früchte der Regel des hl. Benedikt – erweisen die Mönche sich schnell als sachkundige Gesprächspartner beim interreligiösen Dialog, den sie seit 1974 pflegen. Im Jahr 1994 hat sich der DIM (Dialogue Interreligieux Monastique) als selbständiges Organ konstituiert. Der Père Pierre de Béthune, OSB, war der Generalsekretär bis 2007; der Père William Skudlarek, OSB, wird ihm nachfolgen. Es besteht auch eine Verbindung zwischen der AIM und dem DIM durch verschiedene Publikationen und gegenseitige Einladungen zu ihren jährlichen Zusammenkünften.

Im Hintergrund jedoch bleibt so etwas wie ein fader Beigeschmack bestehen. Es ist so, als wenn die Freude, geschenkt und alles hingegeben zu haben, bei den Europäern begleitet wäre von dem Gefühl, nichts im Gegenzug empfangen zu haben, so dass das Endergebnis für sie mager bleibt. Diejenigen, denen sie geholfen haben, haben es nicht wahrhaft verstanden, hoch zukommen und selbstverantwortlich zu handeln. Sie sind für immer Hilfsbedürftige geblieben.

Weil ich hier offen reden darf, will ich einige Beispiele zitieren, die uns herausfordern, Fragen zu stellen, um die Zukunft besser meistern zu können. Ist es nicht sozusagen ein Misserfolg, wenn man heute, nach fünfzig Jahren AIM, sich noch an einen im Ruhestand lebenden europäischen Geistlichen wenden muss, um ihn zu bitten, Prior in Bouaké zu werden? Das gleiche Szenario findet in Masina Maria à Mahitsy auf der Insel Madagaskar statt. Und das, was sich in La Bouenza in Kongo-Brazzaville ereignet hat, ist das nicht noch schlimmer, ja, ein wahrer Schlamassel? Glücklicherweise gab es dort eine Gruppe von Pionieren, die Lehren aus der Vergangenheit zogen haben und Anlass zu neuer Hoffnung geben.

Auf der Seite er Empfänger hat sich ebenfalls ein Gefühl des Unwohlseins gezeigt. Wir empfinden es als Frustration, so viel empfangen zu haben und doch immer Hilfsbedürftige zu bleiben, unfähig, für uns selbst zu sorgen und das fortzuführen, was uns hinterlassen wurde. Das bringt uns oftmals dazu, an uns selbst und / oder an dem guten Willen derer zu zweifeln, die alles aufgegeben haben, um zu uns zu kommen und uns das Klosterleben schenken. Leider wird dieses dumpfe Gefühl von uns nicht immer deutlich empfunden und klar artikuliert, so dass ein Gefühl des Unwohlseins entsteht, das wir nicht verbergen, nicht hinnehmen und nicht so deutlich in den Gesprächen zum Ausdruck bringen können, dass im offenen Gespräch eine Lösung gefunden werden könnte.

Auf dem Generalkapitel unserer Kongregation im Oktober des Jahres 2004 habe ich mich nicht zurückhalten können und laut geschrien: „Jetzt genügt es aber!“ Dies konnte und wollte ich nicht unterdrücken. Wenn ich immer wieder die Bemerkung unserer Mitbrüder höre: „Verstehen Sie, unsere afrikanischen Mitbrüder sind noch nicht in der Lage, uns an dieser oder jener Stelle abzulösen“, sage ich zu mir selbst: Entweder sind wir Afrikaner, die wir in einer gemischten Kommunität leben, die Dümmsten unseres Jahrgangs, oder man verbirgt uns irgendetwas. Denn wie kann ich es verstehen, dass man mir, der ich dieselben Studien wie meine  weißen Mitbrüder absolviert habe, heute sagt, ich könne diese oder jene Aufgabe nicht übernehmen, während meine Altersgenossen unsere Länder als Minister oder Generaldirektoren leiten? Ist es mein Klostereintritt, der mich so dumm gemacht hat, oder gibt es gewisse Geheimnisse, die man mir noch nicht enthüllt hat oder hat enthüllen wollen? In beiden Fällen ist es höchste Zeit zu handeln.

Sagen wir es gleich in aller Deutlichkeit: Es ist nicht allein die AIM, die eine solche Situation in Afrika geschaffen hat. Denn der Schock, den die Begegnungen mit der Außenwelt bei uns ausgelöst hat, wie auch der Kolonialismus, der Schulunterricht, die Missionsarbeit, die Entwicklungshilfe, die internationalen Austausche auf allen Ebenen haben stets zu einem zweideutigen Ergebnis geführt.

2. Empfangend geben – gebend empfangen

Im Jahr 1997 wurde aus der Aide à l’Implantation Monastique (Hilfe zur Klostergründung) die Alliance Inter-Monastères (Zwischenklösterliche Allianz). Das war ein entscheidender und richtungsweisender Wendepunkt in unserer Institution. An diesem goldenen Jubiläum der AIM  muss unsere Danksagung darin bestehen, dass wir den prophetischen Glauben derer loben, die Initiativen ergriffen haben, und auch derer, die den Initiatoren gefolgt sind und die große Kette klösterlicher und missionarischer Solidarität gebildet haben, auch wenn nicht alles sofort perfekt war. Bei uns in Afrika sagt man: ‚Nur wer nicht zum Wasser geht, zerbricht auch keinen Krug.‘

Der zweite Grund zu einer Danksagung an diesem Jubiläumstag besteht in der Weise, wie die AIM es verstanden hat, sich zu erneuern, ohne sich zu verleugnen und sich nur darauf zu versteifen,  zu sagen, was eindeutig falsch und veränderungsbedürftig ist. Das Kürzel AIM ist das gleiche geblieben, ein Zeichen dafür, dass man sich seiner langen Tradition nicht zu schämen braucht. Ganz im Gegenteil! Die AIM von vor 50 Jahren war unser ganzer Stolz! Das aggiornamento, das im Jahr 1997 vorgenommen wurde, ist in gewissem Sinn mit den durch das Zweite Vatikanische Konzil herbeigeführten Veränderungen zu vergleichen.

Der Namenswechsel verdeutlicht, dass man von der Haltung des Gebens und Nehmens zu einer neuen Haltung geschritten war: Partner reichen sich nun die Hände, um sich gegenseitig dem anderen zu schenken und den anderen als Bruder anzunehmen. Dies ist die neue gegenseitige Entdeckung. Die neue Aufgabe der AIM besteht nun darin, Beziehungen zwischen gleichberechtigten Partnern herzustellen, die beide ungeahnte Werte im anderen entdecken. Dies aber erfordert von beiden Seiten eine Neuorientierung.

Das, was ich hier anregen möchte, ist eine Reflexion darüber, wie wir Afrikaner uns in diese neue Lage des Gebens und Empfangens einfinden können.

3. Afrika und die AIM

Der gute Wille reicht in den zwischenmenschlichen Beziehungen jedoch nicht aus. Es ist natürlich gut, mit viel gutem Willen im Herzen ins Werk zu gehen; es ist aber ebenso gut, jede Aktion  zu durchdenken, um sie einem guten Ende zuzuführen. In einem Lied von Céline Dion heißt es: „Wenn es nur genügte zu lieben…“. Man kann ergänzen: ‚dann gäbe es keinen Liebeskummer, keine Enttäuschung, keine Scheidung …‘. Leider genügt es aber nicht, nur zu lieben. Der gute Wille allein reicht nicht aus. Großherzigkeit allein ist unzureichend. Auch wenn man will, dass etwas gut werde, wird es darum nicht immer gut. Es genügt nicht, den Rahmen einer Zusammenarbeit neu zu definieren, um bereits am Ende seiner Mühen zu sein. Es ist ebenso notwendig, dass sich jeder Partner mutig an die Arbeit macht.

Ich weiß, dass dieses aggiornamento zum größten Teil von unseren westeuropäischen Partnern initiiert worden ist, und wir, die Nutznießer, zuerst die Reichweite der Veränderungen ermessen müssen.

Daher muss der Beitrag der Afrikaner darin bestehen, eine Antwort auf diese fundamentale Frage zu finden: Was haben wir Afrikaner zu geben, wenn wir empfangen, und in welcher Weise müssen wir es tun?

Tiguila3Einige afrikanische Klöster haben bereits ihr fünfzigjähriges Bestehen gefeiert: Keur-Moussa, Hanga und Dzogbégan, um nur einige wenige Namen zu zitieren. Und viele afrikanische Mitbrüder und Mitschwestern haben bereits den 40. Jahrestag ihres Klostereintritts begangen. Dies bedeutet, dass das Klosterleben, das die AIM bei uns begründet und gefördert hat, nicht mehr in den Kinderschuhen steckt. Ganz im Gegenteil befindet es sich im Erwachsenenalter und hat seinerseits bereits mehrere Klosterneugründungen zu verantworten. So hat die Abtei Hanga Mvimwa gegründet, ein Kloster, das seinerseits bereits eine Abtei ist, sowie mehrere Kommunitäten außerhalb Tanzanias. Keur-Moussa hat in Guinea Conakry gegründet, und die Schwestern von Dzogbégan haben im Norden Togos Sadori gegründet. Agban unterstützt unsere Kongregation bei einer Gründung auf der Insel Kuba. Diese Beispiele sind Beweis für den Reifegrad derer, die viel bekommen haben. Aber es bleiben einige Fragen offen…

Das Kind, das lange Zeit mit der Flasche ernährt wurde, ist inzwischen zum Erwachsenen herangereift und selber Vater geworden…

Welche Haltung ist einzunehmen angesichts einiger verbleibender Reflexe von  Unterlegenheit, die leider im afrikanischen Mönchstum fortbestehen? Seit ca. zwei oder drei Jahren haben mehrere Länder Afrikas angefangen, ein halbes Jahrhundert politischer Unabhängigkeit zu feiern. Hier zeigt sich im politischen Bereich die gleiche Gefühlslage, die sich  unseren schwarzen Mitbrüdern im spirituellen Bereich aufdrängt.

Ich bin fest überzeugt, dass das Klosterleben eine Stätte der Lebensentfaltung an allen Orten und in allen Bereichen sein sollte, wie es dies in Europa gewesen ist. In dieser Hinsicht obliegt uns die schwere Aufgabe, in unseren Klöstern zu arbeiten, um die Lösungen zu finden, derer unser ganzer afrikanischer Kontinent zu dringend bedarf.

Unsere Kommunitäten müssen eine Antwort auf die Frage finden, welche Haltung einzunehmen ist angesichts der Hilfe, die wir von außen erwarten und empfangen können. Wenn wir eine richtige Antwort zu unserer Vorgehensweise gefunden haben, werden wir damit allen unseren Völkern helfen, die Frage der internationalen Hilfe neu zu bedenken.

Es ist unerlässlich, dass sich unsere afrikanischen Kommunitäten der Frage nach ihrer Identität als afrikanische Mönche und Schwestern stellen, die sich als solche wohl fühlen können. Auf diese Weise werden sie sich ihrer eigenen Berufung bewusst werden und können ihrerseits andere Menschen zu dem Abenteuer afrikanischen Klosterlebens ermutigen.

Es ist überaus bedeutsam, dass immer mehr afrikanische Mönche und Schwestern ihre persönliche Sicht der Regel, der Gelübde, der Klausur, der Lectio Divina u.a.m. bekunden. Nicht nur für unsere jungen Ordensleute, sondern auch für unsere Brüder und Schwestern in der Welt können gewisse Vorstellungen vom Klosterleben in dieser Weise bereichert werden.

Unerlässlich ist auch ein wahrhaft religiöser Dialog zwischen den afrikanischen Ordensleuten und den Vertretern der verschiedenartigen Religionen auf unserem Kontinent. Der Friede, dem wir Ordensleute zutiefst verpflichtet sind, hängt auch von einem solchen Dialog ab. Gott allein weiß, wie verzweifelt Afrika nach Wegen zum Frieden sucht!

Misserfolg, den es hier und da gibt, darf nicht als endgültige Niederlage betrachtet werden, sondern als Chance zu einem Neubeginn unter besseren Voraussetzungen. In dieser Hinsicht ist es bedeutsam, dass unsere afrikanischen Klostergemeinschaften den Mut haben, ihre Geschichte nachzulesen, um ihr Ab und Auf zu erkennen und zu sehen, wie man gleich dem Phönix aus der Asche der eigenen Irrtümer auferstehen kann, so wie die Aim heute einer verheißungsvolleren Zukunft entgegengeht.

Dies sind nur einige bedenkenswerte Wege, um anlässlich des 50. Jubiläums der Gründung unserer Institution eine Antwort auf die fundamentale Frage zu finden: Wie können wir afrikanische Ordensleute Gebende sein und was können wir als Gegenleistung geben?

4. Rückschlüsse

In Abwandlung des Liedes von Céline Dion könnte man sagen: ‚Wenn es doch nur genügte zu reden!‘ und man könnte antworten: ‚Dann hätte Afrika schon seit langem die Lösungen für alle seine Leiden gefunden, die es aus dem Mund der ungezählten politischen und religiösen Schönredner tagtäglich hört.

Ich dagegen bin nicht gekommen, um nur zu reden. Ich möchte für einen Traum plädieren.

Um uns zu helfen, unsere neue Rolle zu erfüllen, als Empfangende zu geben und als Gebende zu empfangen, möge man an diesem Jubiläumstag der AIM und an eben dem Ort ihrer Gründung eine neue AIM-Afrique entstehen lassen.

Es gibt bereits eine AIM-USA. Die AIM-Afrique wäre ein Zeichen der Dankbarkeit für das, was die AIM in der Vergangenheit für uns getan hat. Das hieße praktisch, dass unser alliierter Partner nicht mehr ein Fremder, sondern bei sich zu Hause ist, das heißt bei uns in Afrika.

Aber abgesehen von dem geschuldeten Dank sehe ich die AIM-Afrique als die Verpflichtung, die Afrika eingeht, nicht mehr am Rande der gemeinsamen Bemühungen stehen zu bleiben und ein vollberechtigter Partner dieser Allianz zu werden.

Ich sehe AIM-Afrique auch als einen Rahmen, der den Klöstern Afrikas erlauben würde, sich von innen neu zu strukturieren, sich einen Schatz eigener Vorstellungen aufzubauen, um beim nächsten Treffen des Gebens und des Nehmens nicht mehr mit leeren Händen dazustehen.

Ich stelle dies alles als einen Vorschlag in den Raum. Ich möchte nicht der Einzige sein, der neue Materialien anbietet. Sollte man bereit sein, diesem Vorschlag eine Chance einzuräumen, dann würde sich die Aim selber dadurch die Möglichkeit geben, wirklich zur Alliance Inter-Monastères zu werden.

Eine Einbahnstraße ist immer langweilig, ärgerlich, ermüdend, deprimierend. Schaffen wir die letzten Überbleibsel dieser geistigen Einbahnstraße aus dem Weg, um endlich einen Verkehr in beiden Richtungen und zum wechselseitigen Vorteil herzustellen.

Möge das Echo dieses goldenen Jubiläums der AIM diese gute Nachricht in alle Länder tragen, dass alle Klöster der Welt ihre Reichtümer zum Hochamt des Gebens und des Nehmens zusammentragen wollen. Herzlichen Dank!