Sr. Irene Dabalus, OSB
St. Scholastica`s Center of Sirituality
Philippinen

Fünfzig Jahre und mehr der Unterstützung und Ermutigung für die Klöster in Asien

DabalusGlückwünsche sind an diesem 50. Jahrestag der AIM mehr als angebracht. Diese Institution wurde zunächst „Aide à l’Implantation Monastique“ genannt, später zur „Aide Inter-Monastères umgetauft. Alles, was ich seit ihrer Gründun über die AIM wusste, war theoretisches Wissen ohne praktische Erfahrung.

Als ich im Jahr 2007 aus Europa kommend in mein Land zurückkam, hat man mich gebeten, in Tagaytay auf den Philippinen einen Theologiekurs einzurichten. Dabei hat mich die AIM mit großzügigen Zuschüssen unterstützt für eine Sitzungsperiode von drei Wochen, die für Benediktinerinnen aus dem pazifisch-asiatischen Raum bestimmt war. In dieser Zeit haben wir mit Schwester Aquinata Böckmann die Regel des hl. Benedikt studiert. Ich habe verzweifelt versucht, die Abkürzung AIM zu deuten und ihren Sinn zu finden. Dabei habe ich herausgefunden, dass die AIM eine hoffnungsvolle und zukunftsweisende Sicht vertritt und auf Kollaboration in Form von motivierter, harter Arbeit setzt. Seitdem ist die AIM für mich von vitaler Bedeutung geworden. Als man mich bat, einige Zeilen anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens zu schreiben, habe ich gern akzeptiert, denn es war an der Zeit, eine Gegenleistung zu erbringen. Wir sind alle mehr als dankbar!

Wer immer die Idee hatte, diese Institution „AIM“ zu nennen, muss gewusst haben, was er vor sich sah: eine solide Form des Klosterlebens, das sich in Europa entwickelt hatte und mehr und mehr auf die anderen Kontinente übergriff, ja sogar dabei war, den Rest unseres Globus zu umfassen. Diese Sicht des Klosterlebens bestand nicht nur in einer geographisch-numerischen Ausbreitung, sondern in einer echten „Einpflanzung“: das heißt Wurzeln fassen, aufwachsen, Blühten treiben, Früchte tragen. Dies alles in einer fremden Umgebung, inmitten fremder Kulturen, damit Gott im Sinn des hl. Benedikt präsent sein kann. Fünfzig Jahre lang hat sich die AIM bemüht „das Wachstum und die Entwicklung“ der auf der ganzen Welt verstreuten Kommunitäten zu fördern.

Den Elan zum Aufbau des Klosterlebens auf der ganzen Welt fördern:

- in Afrika, Lateinamerika, Asien und anderenorts –
- dank internationaler Zusammenarbeit

Die ist das Erscheinungsbild der AIM seit ihren Anfängen im Jahr 1959:

- sie hat an einem Wendepunkt ihrer Geschichte ihren Namen geändert;
- sie breitet sich von Afrika auch auf die anderen Kontinenten aus;
- sie setzt ihre Kräfte und Mittel für materielle und spirituelle Projekte ein;
- sie hat zwischenzeitlich ihre Leiter und Mitarbeiter überall zahlenmäßig verstärkt.

Allein in dem Jahrzehnt von 1997 bis 2007 hat es 103 blühende Klosterneugründungen unter der Schirmherrschaft der AIM gegeben: 12 von Trappisten, 7 von Zisterziensern, 84 von  Benediktinern. Welches Wachstum! Diese neuen, jungen Klostergemeinschaften sind, so bin ich sicher, in den Ländern, wo sie erblühen, eine stabile, dauerhafte Kraftquelle für unsere Kirche.

Zurzeit betreut die AIM mehr als 450 Klostergründungen auf allen Kontinenten bei durchschnittlich zehn Neugründungen in jedem Jahr. Der numerische Rückgang in vielen alten Klöstern Europas setzt sich leider unerbittlich fort.

Allein in Asien sind in der Zeit von 1997 bis 2007 neunzehn neue junge Klostergemeinschaften entstanden, zum Teil mit, zum Teil ohne Klausur. Sie sind die Zeugen der Frische eines Ideals, das seit dem 5. Jahrhundert fortbesteht. Davon entfielen 7 Gründungen auf Indien, 5 auf Korea und 4 auf die Philippinen. Präzisere Zahlen waren im Moment der Abfassung dieser Zeilen leider nicht erhältlich.

Der Elan zur Gründung

Es ist erstaunlich zu sehen, wie die AIM ursprünglich ins Leben gerufen wurde. Dies geschah anlässlich eines Äbtekongresses im Jahr 1959 in Rom. Mit dem Primas Benno Gut an ihrer Spitze entschieden die Äbte, „ein Zentrum zur Information und Koordination für Klostergründungen in den Missionsländern“ zu schaffen. Der Abt Benno Gut war also die treibende Kraft. Die Abte de Floris,  Tholens aus Schlangenburg und Guiesquiere de Zevenkerken aus Brügge widmeten sich gemeinsam dem Projekt. Das Sekretariat wurde in Vanves im Priorat Sainte Bathilde eingerichtet und die Schwester Maur Esquerre de Rosny, eine Benediktinerin aus Vanves, wurde die erste Generalsekretärin.

Die Gründungsväter hätten sich nie vorstellen können, dass der Elan und die Energie, die sie entfaltet hatten, von ihren Nachfolgern übernommen werden würde. Die Geschichte zeigt, dass ihre Anstrengungen auf Innovation gerichtet waren und ihre Bemühungen dahin gingen, unablässig zu sähen, zu pflanzen, wachsen zu lassen und die Früchte des Klosterlebens auf der ganzen Welt zu verteilen. Im Verlauf dieser 50 Jahre hat die AIM das Ideal und die Tradition des Ordenslebens an ungezählte Kommunitäten weitergegeben, zuerst in Afrika, später auch in Asien und Lateinamerika und heute in Europa und Nordamerika.

Womit ist diese Idee, den Anstoß zu Klostergründungen zu geben und das Klosterleben weiterhin am Leben zu erhalten, zu vergleichen? In einem Buch von J. Smith und D. Church mit dem Titel Momentum in ministery heißt es, der Elan sei „eine Masse in Bewegung“. Wenn also in der Natur ein schwerer Gegenstand in Bewegung kommt, entwickelt er Elan. Die Autoren sagen: „Elan entsteht, wenn eine gegebene Kraft stärker ist als das, was den Gegenstand zurückhält“ (ibid. S. 25).

Die Aufrechterhaltung des Elans

„So wie es Elan in der Natur gibt, gibt es auch einen solchen bei der Aufgabenbewältigung und im geistlichen Leben. Ob es um eine Arbeit oder einen Dienst geht, wir müssen in jedem Fall anerkennen, dass die Durchführung dieser Arbeit beziehungsweise die Verrichtung dieses Dienstes eine Konzentration von Elan und Kraft erfordert“ (ibid., S. 25). Ich glaube, dass dies auch in der Geschichte der AIM so war. Unsere multikulturellen und interkulturellen Kommunitäten haben Zeit gebraucht, um sich der Vorstellung einer internationalen Zusammenarbeit unter der Leitung der AIM zu öffnen. Während dieser 50 Jahre hat die AIM ihren eigenen Willen zur Zusammenarbeit gestärkt, sowohl in materieller als auch in pastoraler Hinsicht, wenn man nach den Ergebnissen urteilt.

Ich möchte meinen, dass, wenn so viel erreicht worden ist, dies auf drei Faktoren zurückzuführen ist, die man aus den folgenden Gegebenheiten ableiten kann.

Die AIM hat großen Eifer gezeigt dadurch,

- dass sie, ständig auf Innovation bedacht, das Klosterleben zu einem internationalen Projekt gemacht hat. In den letzten 50 Jahren hat die AIM Initiativen entwickelt, um das Klosterleben in nahen und fernen Länder zu stärken wie in Tanzania, in der Ukraine, im Kongo, in der Dominikanischen Republik, in Rumänien, in Niger, in Nikaragua, in Ecuador, in Mexiko, in Tchechien, ohne von den europäischen Ländern zu reden. Der Einfluss der AIM hat die Neugründungen in diesen Ländern auf ihrem Weg zu einer klaren und festen Identität als Klostergründungen unterstützt. Sie hat dies in Form von finanzieller Unterstützung und Programmen zur Weiterbildung geleistet.

- Sie hat sich um die jungen Kommunitäten gekümmert und Mittel für ihre Bedürfnisse und ihre Weiterentwicklung bereit gestellt. In Asien, wo alte Kulturen und ein lebendiger Glaube zu Hause sind, beweist die Existenz dieser Klostergemeinschaften einerseits die große Nachfrage, andererseits aber auch die Schwierigkeit als Minderheiten in einer politisch konfliktgeladenen Umgebung zu überleben. Beispiele sind Vietnam und andere asiatische Länder. In meinem Land, das ein essentiell katholisches Land ist, scheint ihr Wachstum ungefährdet zu sein, denn immer mehr Berufungen gibt es zu den Klöstern, die meistens in der Einsamkeit liegen und im apostolischen Dienst der Ortskirchen stehen. Die Geißel der Armut hat jedoch  junge Leute, besonders Frauen, oft daran gehindert, ihrer Berufung zu folgen und das Klosterleben wenigstens unter ärmlichen und unsicheren Bedingungen am Leben zu erhalten. An dieser Stelle hat die AIM uns diskrete, aber wirksame Hilfe zukommen lassen. Das trifft ganz besonders auf die Ausbildung der jungen Schwestern, die Projekte zum Broterwerb in den armen Klöstern und die Fortbildung der jungen Oberinnen zu. Bei uns in Tagaytay hat unser gemeinsames Studium der Regel des hl. Benedikt unsere Mönche und Schwestern so beeindruckt, dass sie „in die Schule der Regel“ gegangen sind und sogar die Exegese und die Lektüre der ursprünglichen Quellen der Regel betrieben haben.

- Die AIM hat unseren Mönchen und Schwestern kollektive oder individuelle Hilfestellung gegeben, um neue Wege, zugleich phantasiereich und realistisch, für unsere aufblühende Kirche und unsere krisengeschüttelte Gesellschaft zu finden. Ich kann hier die zukunftsweisenden Bemühungen („Bewegungen“) der ostasiatischen und ozeanischen Benediktinerinnen (BEAO) zitieren oder das Institut Monastique Bénédictin-Cistercien oder die Benediktinerinnen von Asien auf den Philippinen (ABWP). Die AIM hat diesen Gruppen ihre Unterstützung gewährt, die ihnen erlaubt hat, die Notwendigkeit von Gemeinsamkeit und Frieden untereinander zu erkennen und ihre spirituellen Erfahrungen mit der Welt miteinander zu teilen.

Die Historiker haben hier ein weites Feld zu bearbeiten. Im Moment jedoch fühle ich mich – wie die Kassandra im Altertum – gedrängt, den Sinn und die Bedeutung dieses Jubiläums für die nächsten 50 Jahre darzulegen. Welcher Sinn und welche Verheißung liegen in diesem Jubiläum? Es gibt den Sinn eines kairos an diesem Punkt der Wegstrecke – eine einzigartige Gelegenheit, den Elan zum Wachstum und zur Entwicklung des Ordenslebens zu beflügeln, wo auch immer der Herr seinen Samen ausstreut, ob es unter neuen oder den alten Formen des Klosterlebens sei.

Dabalus2Ich möchte die AIM am Beginn der zweiten 50 Jahre ihres Bestehens vor eine neue Herausforderung stellen. Eben weil diese Institution von so hoher Qualität ist und eine solche moralische Kraft besitzt, die einen deutlichen Wandel im Klosterleben auf der ganzen Welt bewirken kann.

Ich frage: Was ist der Beitrag der AIM für das gegenwärtige und zukünftige Klosterleben in einem liberalen, post-modernen Umfeld, wie wir es heute haben?

Wenn wir noch einmal die Definition von Elan als Kraft und Geschwindigkeit eines in Bewegung befindlichen Körpers aufgreifen wollen, können wir daraus nur folgern, dass auch die Welt um uns herum ihren eigenen Elan besitzt in Form von Ideen und Laufrichtungen. Und diese entsprechen den Grundannahmen der AIM nicht oder widersprechen ihnen sogar in direkter Weise.

Denken wir beispielshalber an lebenswichtige Situationen in unserer „bedrohten Welt“, die sich an unserer eigenen Lebensform stoßen und uns  zu der Frage zwingen: Wie kann die AIM noch länger ihren Elan in dieser „Krisenwelt“ bewahren und in „aufblühende Klöster“ investieren?

Es gibt Situationen, die dramatische Elemente enthalten, die unter unseren Augen ablaufen und bedrohlich und unerbittlichen zu einem vorhersehbaren moralischen Niedergang führen. Sven Giegold, ein Vertreter der „Grünen“ im europäischen Parlament, sagt, die zahlreichen „Krisen“, die wir heute zu gewärtigen haben, könnten auf folgende drei reduziert werden:

- die Klima- und Ressourcenkrise (Naturzerstörung, Klimawechsel, Artenvernichtung, Ressourcenknappheit;

- die Justizkrise (wachsende soziale Ungleichheit, wachsende Schwierigkeiten bei der Bereitstellung der Existenzminima;

- die Wirtschafts- und Finanzkrise (Globalisierung ohne gemeinsame Wirtschaftspolitik, weltweite Unfähigkeit, nichterwünschte Entwicklungen zu unterbinden, die auch durch das Verteilungsproblem bedingt sind.

Sven Giegold ist überzeugt, dass diese weltweite Lage durch ehrliche und einflussreiche Einzelpersonen, die punktuell handeln, nicht geändert werden kann, sondern nur durch eine gemeinsame Aktion unter internationaler Führung, um die Grundannahmen in Kirche und Gesellschaft zu verändern. Er glaubt, dass „alle diese Krisen ihren gemeinsamen Ursprung in dem Wachstumsfetisch haben, der das weltweite Denken beherrscht und als Instrument dient, um Fortschritt und Entwicklung festzustellen und mehr Geld, mehr Konsum, mehr Gewinn, mehr technologischen Fortschritt zu registrieren.“

Bewegung rückwärts:

Wenn „Elan dann entsteht, wenn eine Kraft vorhanden ist, die größer als das Beharrungsvermögen ist, ist dies auch im entgegengesetzten Sinn wahr, d.h. in einem negativen Sinn“ (ibid., S. 26). Wir können uns dann zwei Szenarien für das Verhalten der AIM in den nächsten 50 Jahren vorstellen: Sie kann dann entweder genügend Kraft darauf verwenden, um die durch entgegengesetzte Kräfte geschaffene Bewegung auszugleichen, und ihre Arbeit für eine innerklösterliche Allianz entsprechend verstärken, oder sie kann ihren Einfluss schwinden sehen infolge der widerläufigen Kraft einer desorientierten Welt oder infolge ihrer eigenen wertlosen Paradigmata.

Auch in den Klostergemeinschaften oder bei einzelnen ihrer Mitglieder können solche Gegenkräfte sich auftun, wenn sie die Opfer von hohlem Aktionismus werden oder von dem Ehrgeiz, Karriere zu machen, ergriffen werden oder sich von der allgemeinen Oberflächlichkeit gefangen nehmen lassen, die heute alles und alle in naivem Wachstumsglauben beherrscht.

An dieser Stelle möchte ich die AIM mit der großen Herausforderung konfrontieren, auf ihrem Weg zu ihrem 100. Jahrestag für die Klöster Asiens und anderenorts richtungsweisend zu wirken.

Als Erstes: Die AIM sollte – wie jeder andere Funktionsträger – mehr Schubkraft entwickeln, als die sich ihr entgegenstellenden Widerstand leisten. Ihre innovatorische Dynamik muss von ein und demselben Geist bestimmt sein.

- Es gilt, einen Wechsel der Paradigmata zu vollziehen:

1. Dies erfordert eine wissenschaftliche Durchdringung der Welt, in der wir leben, mit ihren besonderen dynamischen Kräften sowie eine klare Erkenntnis der Gesellschaftsform, die wir anstreben.

2. Das bedeutet auch, dass wir uns bei der Verwendung der uns zur Verfügung stehenden Güter fragen, was für uns und unsere Umwelt unabweisbar notwendig und was überflüssig ist, um auch unseren Mitmenschen zu erlauben, menschenwürdig zu leben.   

3. In der Praxis bedeutet das schließlich, die Energieform zu verwenden, die heutzutage als „erneuerbare Energie“ bezeichnet wird. Im politischen Bereich geht es darum, unsere weltweite Verantwortung und unseren Einfluss dahingehend auszuüben, zu einem „bewussten, gerechten, ökologisch vertretbaren Angebot und Verbrauch“ zu kommen, wobei die Würde des Menschen gewahrt bleibt und die Arbeitsbedingungen human gestaltet werden.

- Es gilt, das Klosterleben als glaubwürdige und relevante Lebensform darzustellen

1. Dieses impliziert eine intensive Erneuerung der BENEDIKTINISCHEN SPIRITUALITÄT durch ein vertieftes Studium des Wortes Gottes und der Regel. Die Grundlagen des Klosterlebens und ihre Darstellungsform in der Welt sind neu zu bedenken. Zentrum des Gemeinschaftlebens bleiben die Liturgie, Opus Dei und Lectio divina als Kraftquellen unseres alltäglichen Dienstes.

2. Dies impliziert auch eine Inkulturation der gelobten stabilitas, der conversatio und des Gehorsams. Kulturelle Konventionen und ein Leben in Armut, Keuschheit und Gehorsam sind miteinander in ein richtiges Verhältnis zu bringen. Der schwierige Lebensstil der Kommunitäten, die sich in den Entwicklungsländern inmitten der Armen und in ihrer Existenz Gefährdeten etabliert haben, ist zu bedenken und ggf. in Frage zu stellen.

- Es gilt, die multikulturelle und interkulturelle Bildung der Zönobiten in unseren Klostergemeinschaften zu fördern

1. Dies erfordert eine gesunde Theologie. Die Auszubildenden müssen solide Kenntnisse in der Bibelexegese, der Fundamentaltheologie und im Pastoraldienst erhalten. Auch ihre Geschichtskenntnisse sind zu vertiefen.

2. Dies erfordert auch eine gesunde Spiritualität. Die Auszubildenden müssen sich in kontemplative Werke vertiefen, Kompetenz in den drei „D“ gewinnen: dialogue (Dialogfähigkeit), discernement (Unterscheidungsvermögen), disponibilité Einsatzbereitschaft). Spirituell gerüstet, müssen sie für die Welt und ihre Probleme offen sein.

3. Schließlih erfordert dies eine Ausbildung zu einem Leben in Gemeinschaft. Ihre Berufung zum coenobium ist den Auszubildenden zu verdeutlichen. Denn das Leben in Gemeinschaft ist die wesentliche Form des Benediktinerlebens und stellt zugleich eine dringebd benötigte, angemessene Antwort auf das heute vorherrschende ökonomische, fundamentalistische und hedonistische Denken dar.

Begrenzte Aufgaben, die wir verrichten können

Wenn wir nicht von den gigantischen Aufgaben erdrückt werden wollen, die in Asien und auf den Philippinen für die Zukunft des Ordenslebens vor uns liegen, ermuntert der oben zitierte Sven Giegold dazu, uns „Schlüsselproblemen mit realistischem Einstieg und glaubwürdigen Folgerungen zuzuwenden mit dem Ziel, feste und gut motivierte Initiativen“ zu einem sozialen und geistigen Neuanfang zu ergreifen. Es geht also darum, praktische Einzelprobleme anzugehen, die in unserer Reichweite liegen, um nicht in einen Strudel der Veränderung zu geraten. Diese praktischen Probleme verlangen nur bescheidene Initiativen, die – sofern sie folgerichtig und auf ein Leben nach der Regel ausgerichtet sind – große positive Veränderungen bewirken können.

Eine solche praktische Aufgabe wurde mir gestellt, als es darum ging, eine Bildungsstätte für Liturgie und Spiritualität in Tagaytay zu errichten. Das war dennoch für mich eine gewisse Herausforderung, denn ich träumte davon, den Reichtum unserer Spiritualität sowohl ad intra inmitten der verschiedenen benediktinischen Kommunitäten auf den Philippinen als auch ad extra zusammen mit der Ortskirche, in der die Laien nach Spiritualität hungern, zu entdecken. Viele Benediktinerinnen waren spontan bereit, sich als Gesprächsführer zur Verfügung zu stellen und mit liebevoller Zuwendung Wochenendtagungen abzuhalten über das Gebet, die Liturgie, die lectio divina, die Eucharistie, die Frauenfrage, den Platz der Frau in der Liturgie, ökologische Probleme, Feminismus, den Platz Mariens in unserem Leben, Heilung durch Verzeihen und manche andere lebenswichtige Fragen.

Als ich vor vier Jahren die Bildungsstätte eröffnet habe, kamen unsere Besucher mehrheitlich aus unseren Schulen. Jetzt war mein Traum Wirklichkeit geworden. Wir hatten eine Verbindung zu unserer Ortskirche hergestellt und erstaunlicherweise mit den Armen der Pfarreien: Verwaltungsleuten, freiwilligen Katecheten, Pfarrjugendlichen, kirchlichen Arbeitern und Beauftragten. Im Moment finanziere ich noch diese Fortbildungskurse, denn die Teilnehmer sind überwiegend nicht in der Lage, eine Aufnahme mit Kost und Logis in einem solchen Zentrum wie dem unsrigen zu bezahlen.

Der Kommentar eines Teilnehmers Kommentar zu dieser Initiative hat mir gut getan. Er sagte: „Jetzt kenne ich den hl. Benedikt. Er ist ein wunderbarer Lebensführer.“ Es hat ähnliche Kommentare in den Jahren zu dieser Initiative gegeben. Der Herr hat uns seine Gnade zu dieser konkreten Aufgabe geschenkt, und solange wir von dieser Gnade leben können, beten und arbeiten wir weiter, damit die Weisheit des hl. Benedikt möglichst viele Herzen durch diese Initiative erreicht.

Das Herzstück unserer spirituellen Fortbildungsbemühungen sind ohne Zweifel die jährlich abgehaltenen Studienwochen zur Regel unseres Ordensgründers: zwei bis vier Wochen intensiver Beschäftigung mit der Regel, wie oben erwähnt. In den letzten vier Jahren haben sich etwa 40 Benediktiner und Zisterzienser beiderlei Geschlechts an diesen Studienwochen beteiligt. Zweimal unter der Leitung von Schwester Aquinata Böckmann, einmal unter der Leitung von Schwester Margaret Malone aus Australien und zu Anfang unter meiner Leitung in Zusammenarbeit mit unseren örtlichen Ausbildungsleitern haben wir die Quellen der Regel eruiert und studiert.

Bei der Programmgestaltung während dieser vier Jahre hat uns die AIM hilfreich unterstützt. Ohne ihre finanzielle Hilfe wäre unser Traum nicht verwirklicht worden. Oft hörten wir Schwestern sagen: „Wenn wir nur mehr über den hl. Benedikt gewusst hätten, als wir jung waren…“, was bedeutet, dass die Weisheit der Regel Jung und Alt aus allen Ländern beeindruckt.

Man kann vernünftigerweise davon ausgehen, dass die AIM viele ähnliche Initiativen in den verschiedenen Institutionen Asiens unterstützt hat. Sie  wird das natürlich nicht an die große Glocke hängen.

Es ist sicher, dass die Benediktinerinnen meines Landes und in den Ländern Asiens und auch Australiens, wo sie sich entfalten können, immer wertvolle Beiträge zur Erziehung und Bildung der Menschen geleistet haben. Eine solche Erziehung zur Lebensgestaltung auf höchstem Niveau wird in den Schulen und Sozialstationen angeboten, die unter ihrer Leitung stehen. In meinem Land haben wir 13 Schulen, die Unterricht von der Grundschule bis zur Universität anbieten, in denen etwa 40.000 Schüler und Schülerinnen unterrichtet werden. Der Charakter unserer benediktinischen Erziehung wird an unserer Arbeit und an den Edukanden sichtbar. Ich persönlich erhielt meine Erziehung von meinen deutschen Mitschwestern und, ohne es zu wissen, habe ich die Weisheit der Regel für mein ganzes Leben in mich aufgenommen.

Heutzutage werden die Werte der Regel unmittelbar durch den Unterricht vermittelt, so dass bereits die kleinen Schüler ihre Unterrichtsstunden mit dem klassischen Satz beenden: „Für alles sei Gott Lob gesagt.“ Und ganz in der Tradition einer echten benediktinischen Ausbildung halten die Schüler auch eine lectio divina mit ihren Lehrern als Teil des Unterrichts. Welche Schätze für das Leben in einem politisch und wirtschaftlich armen Land, das aber die Werte der Regel vermittelt! Man kann Gleiches über unsere Mönche und Schwestern im Norden und im Süden der Philippinen sagen. Sei es in der Katechese, in den spanischsprachigen Erwachsenenprogrammen oder in den kirchlichen Basisgruppen – die Marke der Benediktiner findet sich fast überall. Sie findet sich auch in der Struktur der Liturgie, im vorgetragenen Wort Gottes und in der Gastfreundschaft der Kommunität.

Die Philippinen sind natürlich ein kleiner Punkt innerhalb des asiatischen Kontinents, auf dem sich so viele Religionen und Kulturen kreuzen. Auch wenn wir das einzige christliche und dazu katholische Land des Fernen Ostens sind, stehen wir in einem guten Verhältnis zum Islam auf den Inseln des Südens. Dort haben unsere moslemischen Brüder und Schwestern seit Jahrhunderten um ihren autonomen Status als moslemische Erde gekämpft. In dieser Situation der Spaltung und des schwierigen Zusammenlebens ist unsere benediktinische Vision von Frieden und Gastfreundschaft ein unverzichtbarer Faktor.

Ich erinnere mich, einmal einen christologischen Vortrag vor einer christlichen Zuhörerschaft gegeben zu haben. Der war in einem moslemischen Dorf im Süden, und ich bemerkte, dass ausschließlich Frauen diese Gegend bewohnten und ihre Männer abwesend waren. Sie waren Teil der Guerilla und lebten in den Bergen. Es herrschte in dem Dorf eine ziemlich drückende Atmosphäre; und dennoch spürte man einen gewissen Gemeinschaftsgeist, denn diese Frauen begegneten mir recht respektvoll. Die Präsenz der Benediktiner bei dem interreligiösen Dialog mit unseren  moslemischen Brüdern und Schwestern ist zurzeit noch minimal, aber das Bewusstsein um die Notwendigkeit wachsen. Möge Gott uns gestatten, eines Tages dort nicht als Proselyten aufzutreten, sondern um als Kinder des gleichen Gottes die gleiche Erde zu bewohnen, trotz aller kulturellen und religiösen Unterschiede.

Somit sind die Aufgaben für uns Benediktinerinnen in Asien unermesslich. Das ora et  labora bleibt unser Lebensstil, die Gastfreundschaft ist unser Weg zur Evangelisierung und die communio eine Kraft, die im Widerspruch zu dem Verlust der Menschenwürde steht und sich für die sozialpolitische Integrität der Frau und die Religion einsetzt. Die Hilfe der AIM ist besonders dringlich bei der Förderung des Klosterlebens nicht nur auf den Philippinen und in Asien, sondern auf der ganzen Welt in Form von internationaler Zusammenarbeit.

Folgerungen

Ich mache mir die Worte Donato Ogliaris, OSB zu Eigen („Mehr als reines Überleben: Welche Zukunft hat das Klosterleben im Westen?“ ABR 61:2 – Juni 2010, 157) und konfrontiere die AIM mit folgender Herausforderung: Was kann sie tun, um den Klöstern zu helfen, ihrer eigenen Vorstellung von internationaler Zusammenarbeit zu folgen?

„Um nicht eine totale Überraschung zu erleben, sagt Donat Ogliari, müssen wir auf der Hut sein, uns nicht von der Last der Schwierigkeiten, der Trauer, der Entmutigung oder der Angst erdrücken zu lassen. Wenn das eintreten sollte, wären wir wie jene, die „keine Hoffnung haben“ ( Eph 2, 12). Aber Menschen, die den Gott Jesu Christi, den Auferstandenen, in das Zentrum ihres Lebens gestellt haben, können auch nicht einen Augenblick aufhören, das Licht herbeizusehnen, wenn sie den Eindruck haben, in der Finsternis zu leben. Angesichts der Gefahren, die wir zu gewärtigen haben, wird ein notwendiger kühler Realismus die Schönheit unserer Berufung und die Hochherzigkeit unserer Antwort weder beeinträchtigen noch verkümmern lassen. Bei unserer täglichen Herausforderung darf nicht die Gefahr (…) obsiegen, weil das, was vor uns liegt und was uns der Herr beschert, nämlich zu <leben>, in jedem Fall besser ist, als zu <überleben>.“

Zum Abschluss möchte ich das wiederholen, was ich  gewissen Funktionsträgern, wie Sie es hier sind, früher einmal gesagt habe: Wichtig ist, dass Ihr Blick ein weites Feld der Realität erfasst und über unsere eigenen Institutionen hinausreicht. Öffnen wir uns für ein umfassenderes Bild von der äußeren Welt, „ad gentes“ und „inter gentes“. Nehmen wir einen Standpunkt ein, der uns phantasiereich unsere Alltagsprobleme übersteigen lässt, um das Gottesreich bis an die Grenzen des Universums zu tragen.