Jean-Pierre Longeat OSB
Präsident der AIM

Geistliche Begleitung
in benediktinischer Tradition

 

JPLongeat2018Das vorliegende Heft erwuchs aus Treffen, bei denen ich im Februar 2017 in Vietnam über geistliche Begleitung sprach. Daher soll dieses Thema hier aufgegriffen werden und einige Aspekte dieser Dimension benediktinischer Tradition näher beleuchtet werden.

Geistliche Begleitung ist in mehrerer Hinsicht von entscheidender Bedeutung. Zunächst einmal gilt in christlicher Perspektive, dass zur Grunderfahrung des Jüngerseins auch das Begleitetsein gehört. Niemand verwirklicht sich hier ganz alleine.

Der erste geistliche Begleiter ist Gott selbst. Er vollzieht dies durch Christus und im Heiligen Geist. Der Jünger folgt dem Vorbild Christi und geht vom Vater aus, um zum Vater zurückzukehren. Auf diesem Weg wird er vom göttlichen Atem inspiriert, der auch paracletos genannt wird, also ähnlich wie ein Rechtsanwalt von jemand als Beistand angerufen wird. In jeder geistlichen Begleitung ist also auch eine österliche Dimension enthalten: Wir sind aufgerufen, uns nicht in uns selbst zu verschließen und unsere Illusionen abzulegen, um unser Leben ganz nach dem Willen Gottes zu leben. Diese Öffnung und diese Entäußerung scheint zum Verlust der bisherigen Existenz zu führen, aber wovon man sich trennt, ist im Grunde nur ein schöner Schein. Dafür kann man dann zu dem werden, was man in Wahrheit und im tiefsten Grunde seines Herzens ist, dort wo Gott seine Wohnung genommen hat. Das Ablegen aller Schutzhüllen, unter denen wir unsere Verletzlichkeit und Nacktheit verstecken, ist eine gewaltige Herausforderung. Es ist jedoch unerlässlich, um ein unaussprechliches Glück zu finden, das uns den Weg als Jünger eröffnet, eines von Liebe erfüllten Menschen, der sich im Dienst weiß, der sensibel für sich selbst und seine Mitmenschen ist, der ganz und gar aus seinem Ursprung lebt und für sein inneres Wachsen und seine Vollendung in Gott.

Wir befinden uns hier in weiter Ferne von einer psychologischen Form der Begleitung. Wie später P. Marie-Dominique Pham Van Hien zeigen wird, schärft der geistliche Begleiter in seinen Schützlingen vor allem das Gespür für die Gegenwart des Dreifaltigen Gottes. Natürlich ist ein psychologischer Zugang in vielen Situationen unumgänglich, aber bei der geistlichen Begleitung ist er zunächst einmal kein Anliegen.

Wenn der Fall vorliegt, dass es zahlreiche Kandidaten, aber nur wenige gut ausgebildete Novizenmeister gibt, muss gerade auf den Bereich Menschenführung besonderes Gewicht gelegt werden.

Dabei soll keineswegs eine eigene benediktinische „Methode“ hochgespielt werden, die es sowieso nicht gibt. Die benediktinische Tradition entspricht ganz gut bestimmten Veranlagungen und Charaktertypen, aber Menschen mit anderen Prägungen fühlen sich in sonstigen Lebensentwürfen wohler. Und dennoch ist es wichtig, dass die benediktinische Erfahrung in ihrer Eigenart weitergegeben wird und durchaus auch an viele Menschen im Umkreis der Klöster. Man sollte sich daher dieses geistlichen Reichtums bewusst sein und ihn überzeugend vermitteln, nicht allein an die Mönche und Nonnen, sondern auch an die dem Kloster nahestehenden Menschen.

Wer von geistlicher Begleitung spricht, bejaht in erster Linie die verschiedenen Dimensionen der menschlichen Person. Es handelt sich vor allem um die Erfahrung einer bestimmten Form von Gemeinschaftsleben, weniger um die Vermittlung intellektueller Kenntnisse. Bei einer benediktinischen Form von Begleitung wäre es sogar durchaus angebracht, wenn eine relativ lange Zeit eingeräumt wird, vielleicht im Postulat oder Noviziat, in der man sich ganz auf die Gemeinschaftserfahrung einlassen kann. Diese Erfahrung wird von dauerhaftem Wert sein.

Im Folgenden seien einige Bereiche genannt, in denen sich diese benediktinische Erfahrung ausdrücken kann.

 

1. Hören

Es wird niemand überraschen, wenn die Dimension des Hörens an die erste Stelle der geistlichen Begleitung gestellt wird. Der Beginn der Benediktusregel ist uns allen vertraut:

„Höre, mein Sohn, auf die Weisungen des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat“ (RB Prol. 1).

LongeatRengoBei diesem Hören ist nicht das äußere Ohr, sondern das Herz angesprochen. Dabei meint dieses Herz nicht den Sitz der Gefühle, sondern das tiefere Herz, in dem die Quelle eines gotterfüllten Lebens entspringt. Von diesem Herz sprechen die Bibel und die christliche Literatur der ersten Jahrhunderte.

Die Begleitung eines Kandidaten, der Christus im klösterlichen Leben nachfolgen will, bedeutet in erster Linie, dass ihm geholfen wird, sich dieses inneren Horchens bewusst zu werden. Sie umfasst alle Lebensbereiche von den menschlichen Beziehungen oder den beruflichen Tätigkeiten bis hin zum Schweigen im kontemplativen Gebet oder auch der Lectio divina und der liturgischen Vollzüge.

Wenn dieses Hören im Zentrum unseres Lebens steht, verändert sich die Tonart unserer Herausforderungen: Wir stehen ihnen mit mehr Gelassenheit gegenüber. Wie kann man solches Hören verfeinern? Wie kann man sie derart praktizieren, dass sie selbstverständlich wird?

An erster Stelle steht Aufmerksamkeit. Sie ist aktiv, aber auch passiv-zurückgenommen. Ihr wesentlicher Bezugspunkt ist das Herz. Das Herz umfasst die gesamte Person, insofern sie ihre Umgebung aus der Sicht der lebendigen Quelle wahrnimmt, in der Gott uns sich selbst schenkt. Hier bricht sich die göttliche Energie in uns ihre Bahn. Sie kann beschrieben werden als der Schöpfungsatem, der dem menschlichen Körper nach dem Buch Genesis zum Zeitpunkt der Schöpfung eingehaucht wurde. Für diese Tiefendimension auch im banalsten Lebensweg sollte man sensibel werden. Durch eine solche ständige innere Aufmerksamkeit spürt beispielsweise eine Mutter die Gemütsbewegungen und die Situation ihrer Kinder. In der Sprache der Bibel heißt diese grundlegende Form von Aufmerksamkeit „Barmherzigkeit“. Im Hebräischen klingt in der Wortwurzel der Begriff des Uterus an, dieser Lebensbehälter par excellence. Auf symbolischer Ebene ist wieder das Herz angesprochen. Von hier aus eröffnet sich ein Zugang zur gesamten Existenz. Wenn wir uns diese Aufmerksamkeit erschließen können, finden wir zu einer Haltung des Friedens, der inneren Ruhe und der Güte, die sich ganz ungeplant einstellt, aber uns trotzdem tief erfüllt.

Wenn ich in dieser Haltung des Friedens verweilen kann, die zu einem Teil meines innersten Wesens wird, vernehme ich auch das Wort Gottes, lebe ich die Liturgie, arbeite mit meinen Händen, werde sensibel für meine Mitmenschen, die mit mir in Verbindung zu treten versuchen, und verschließe mich nicht in meiner eigenen Gedankenwelt. Wie uns der hl. Benedikt nahelegt, werden wir dann gerne auf- und annehmen. Dafür ist eine Herzensaufmerksamkeit ohne Vorbehalte wichtig.

In diesem Zustand werden auch immer wieder innere Bilder und Entwürfe auftauchen, an die ich aber mich nicht sofort verlieren muss. Vielmehr handelt es sich dabei um Material, das in meiner Erinnerung arbeiten darf und vielleicht irgendwann einmal nützlich sein wird, wenn ich innerhalb der weiten Palette von Möglichkeiten eine Entscheidung treffen muss.

Wenn ich mich an mein Herz halte, dann kann man sich Zeit lassen, bis von selbst das zum Vorschein kommt, was die Quelle des Lebens hervorbringt, die Gott in mir angelegt hat. Dafür ist eine geistesgegenwärtige Aufmerksamkeit hilfreich, die aus einer Grundhaltung der Stille entspringt.

Es kommen dann die Momente, in denen ich mich zu Wort melden kann, im Gebet oder im Gespräch. Dies kann dann in einer totalen Offenheit geschehen in Form einer Reflexion oder eines Vorschlages und nicht als leidenschaftliche Willensäußerung. Durch meine Ausdrucksweise drücke ich klar aus, dass ich nur einen Vorschlag mache, eine Idee vorstelle, die auch verbessert werden kann und tatsächlich auch eigentlich immer weiter entwickelt werden muss. Das muss mich natürlich nicht daran hindern, meine persönliche Überzeugung offenzulegen und dies gelegentlich auch mit einem gewissen Nachdruck. Dennoch kann es sich hierbei nicht um zementierte Auffassungen handeln, die von vornherein jeden anderen Vorschlag ausschließen.

Mit wachsender Erfahrung führt uns die tief verwurzelte Haltung des Hörens dazu, dass wir in erster Linie mehr Vertrauen in das entwickeln, was uns das Herz „sagt“. Dieses Vertrauen wird immer natürlicher, schlichter und präsenter. Ich entdecke zunehmend, dass gerade hierin sich das Leben äußert, das Gott uns schenken will. Meditation und äußere Erfahrung offenbaren mir diesen Ursprung des Lebens und der Liebe, durch welche Gott in uns gegenwärtig ist.

Mir steht diese Erfahrung in jedem Augenblick offen. Dabei erschließt sie sich besser in herausgehobenen Situationen wie beim Kontakt mit der Natur, bei der geistlichen Lesung, im Hören von Musik oder wenn ich versuche, mein Gottesverhältnis in menschlichen Beziehungen zu meinen Schwestern und Brüdern zu leben.

Wenn dann im konkreten Fall das Bewusstsein meine Eindrücke zu klären versucht, dann ist das einerseits eine Orientierungshilfe, andererseits sollte ich mich nicht vorschnell festlegen. Besser ist es, wenn ich mich immer wieder schlicht an meine Herzenseingebung halte. Das verlangt einen langen inneren Weg der Verwandlung und Bekehrung.

 

2. Gehorsam

Bekanntlicherweise kommt das Wort „Gehorsam“ vom Verb „Hören“. Das lateinische Wort „oboedientia“ leitet sich vom Verb „ob-audire“ ab, was soviel wie „dazwischen hören“ bedeutet. Von einem solchen vertieften Hinhören geht nach der Regel des hl. Benedikt ein konkretes und fruchtbringendes Handeln aus.

Wir befinden uns hierbei weit von einem blinden Gehorsam entfernt. Es geht um aktives Hinhören, lebendige Wahrnehmung, die die nötige Energie schenkt, um in bestmöglicher Weise auf das Gehörte zu antworten. Daran erkennt man den Gehorsam Christi, so wie ihn das Neue Testament beschreibt. Ein Wille, der sich in solchem Gehorsam ausdrückt, ist nicht auf sich selbst bezogen, sondern auf denjenigen ausgerichtet, den er erreichen will.

Was geschieht in einem solchen Fall im Bereich der menschlichen Beziehung?

In der Ausbildung kann nach Einführung einer Fragestellung ein Austausch stattfinden. Dabei gibt es Rückfragen nach näherer Erläuterung und besserem Verständnis, die sowohl von dem Befragten als auch von dem Fragenden kommen. Solche Vorgehensweisen kennt man aus dem Unterricht oder der geistlichen Begleitung.

Diese Erfahrung macht uns bewusst, dass wir den anderen nicht sofort und unmittelbar verstehen. In unserem Zuhören und Gesprächsverhalten wird diese Haltung zunehmend wesentlich. Es braucht ein Schweigen, das einen Raum eröffnet, in dem ich dem anderen vorurteilslos gegenüberstehe, mir keine Vorstellungen von ihm mache, nicht einmal auf der Grundlage meines Wissens über ihn und meiner Erfahrungen mit ihm. Er wird für mich zu einem unbeschriebenen Blatt. Von ganzem Herzen wende ich ihm meine Aufmerksamkeit zu und sehe von allem ab, was sich mir aufdrängt. Dabei gehe ich davon aus, dass der andere unendlich anders von allen Bildern ist, mit denen ich ihn zu definieren versuche. Der andere besitzt ebenso wie ich eine unzählige Bandbreite unausgesprochener und unbewusster Möglichkeiten.

Tatsächlich nehme ich beim Hören nur das wahr, was in mir selbst existiert. Ich sehe den anderen durch meine persönliche Brille. Um mit ihm in Kontakt zu treten, muss ich bereit sein, meine Brille zur Seite zu legen, um mich auf ihn einzulassen. Dieser Zugang ist entscheidend. Fragen und Antworten helfen mir, um neue Einsichten zu gewinnen, die aber auch irgendwann einmal überholt sein werden. Dabei kommt zu einem bestimmten Zeitpunkt der Augenblick der Entscheidung, ein Akkord erklingt, um es in der Sprache der Musik auszudrücken. Es handelt sich um einen unabschließbaren Vorgang, der tief faszinierend ist.

 

3. Schweigen

Die Regel des hl. Benedikt besteht immer wieder auf der Tugend des Schweigens. Damit ist kein Verstummen gemeint. Es handelt sich um ein aufmerksames Schweigen, welches zu einem aktiven Hören führt: das vernommene Wort treibt Wurzeln und wächst wie das ausgestreute Samenkorn, das wächst, ohne das man weiß, wie. Ein solches Schweigen kann natürlich und dauerhaft werden, so dass wir darauf in unserer Beziehung zu Gott und den Menschen fest gegründet sind und das Leben in uns und mit anderen sich in fruchtbarer Weise entfaltet.

LongeatNwMellerayZunächst einmal hilft uns das Hineingehen ins Schweigen dabei, nach und nach die Masken abzulegen, die wir tragen. Dann wird uns auch klar, dass das Bewusstsein, das man übrigens nicht negativ sehen sollte, klarer und weitsichtiger wird, wenn wir uns auf die Unendlichkeit des Schweigens einlassen. Wir tun gut daran, wenn sich Schweigen und Bewusstsein gegenseitig befruchten.

Dabei besteht die wichtigste Erfahrung darin, dass wir zunehmend aus der Innerlichkeit heraus leben. Wie können wir sie noch weiter vertiefen, ihre Schätze und ihre Äußerungsformen entdecken?

Ich bin dazu berufen, in diesem Schweigen zu leben, soll mich aber auch, ohne dieses Schweigen aufzugeben, mit dem konfrontieren, was aus solchem Schweigen herauswächst. Dabei kann es sich um Eindrücke, Gefühle, Bilder, Gedanken und bewusste Taten handeln.

Solches Schweigen verhilft uns zur Glückserfahrung, die mit einer Existenz ohne jedes Wollen verbunden ist. In diesem Raum kann die Gegenwart des Seins in ganz persönlicher Weise ihren Ausdruck finden.

Bei einem solchen Zugang besteht gelegentlich ein Haupthindernis darin, dass eine gewisse innere Furcht vor dem Erscheinen dieser Seinsgegenwart vorhanden ist: eine Angst davor, sich selbst zu verlieren, seine eigenen Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Wünsche aufgeben zu müssen, um ganz für etwas verfügbar zu sein, das man nicht kontrollieren kann. Diesen Ängsten muss man nicht nachgeben, sondern überlässt sich besser der Anziehung dieser inneren Gegenwart, um sich ihr im Vertrauen und im Glauben zu überantworten und in ihr das eigene Fundament zu erblicken. Dazu ermutigt uns auch der auferstandene Christ, der bei den Begegnungen mit seinen Jüngern nicht müde wird zu sagen: „Habt keine Angst.“

 

4. In der Gegenwart leben

Nach einem langen inneren Weg wird es endlich möglich zu glauben, dass dieses aufmerksame Hören uns wahrhaft zur Seinsgegenwart hin öffnet, die für uns zur Quelle des Lebens wird. Wir Gläubige nennen das die Gegenwart Gottes. Wenn man sie als solche erkennt, setzt sie ein Gefühl des Friedens frei, lässt aber auch sehr bewusst wahrnehmen, was für ein Abstand uns von ihr trennt. „Gott war da und ich erkannte ihn nicht“, sagte Jakob an der Furt von Jabbok. Die spirituelle Tradition nennt diese innere Hellsichtkeit die „Furcht vor dem Herrn“. Dabei handelt es sich nicht um eine lähmende Furcht, sondern vielmehr um ein ehrfürchtiges Bewusstsein, dass wir in der Gegenwart desjenigen leben, der uns liebt und den wir vor allem anderen lieben. Die Sehnsucht treibt uns dann an, dass wir ganz gegenwärtig sein möchten für diese Gegenwart. Darin zeigt sich gewissermaßen ein Liebestrieb, der unser ganzes Leben bestimmt, ein Leben, das im Hören und im Offensein gegenüber dem fremden Anderen verwurzelt ist, um diese Gegenwart weiterzugeben.

Für die Ausbildung ist es von größter Bedeutung, dass dieses lebendige Bewusstsein zur Grundlage der Weisheit wird, wie es die Alten nannten. Es handelt sich um die erste Stufe eines gerechten Lebens. In der Tradition wird diese Haltung „Demut“ genannt.

 

5. Demut

Unsere conditio humana, die uns durch lange Evolutionsprozesse aus Erde und Wasser entstehen ließ, müsste bereits eine gewisse Demut hervorrufen. Und dies um so mehr, weil wir praktisch nichts über unseren Ursprung sagen können. Wir versuchen zwar immer wieder, unsere menschliche Situation einzuschätzen, aber unsere Aussagen treffen die Realität oft nur ganz entfernt. Keine unserer Aussagen sind zutreffend, es handelt sich nur um Annäherungen. Und meine Auffassung ist nicht besser als die anderer Menschen.

Demut besteht darin, dass man sich bewusst ist, dass unser Zugang zu uns selbst und zu anderen nur in Vorstellungen besteht. Diese Einsicht ermöglicht es uns, dass wir unsere absoluten Ideen relativieren und unsere Angst verlieren, uns auf die Reichtümer und auch die Schwächen in uns selbst und bei anderen Menschen einzulassen. Denn diese Blicköffnung ist ein Teil der menschlichen Beziehungen und stellt einen wichtigen Zugang zu unserem Gegenüber dar.

Die Hinweise, die uns der hl. Benedikt in seiner Regel zum Thema Demut schenkt, markieren einen solchen Weg, der uns die Gnade Christi innerhalb dieser Welt erkennen lässt.

– Das erste Ziel besteht darin, in Gottes Gegenwart leben (1. Stufe);

– Jede Form eines ich-bezogenen Willens ablegen; vielmehr Willensäußerungen als Chance für einen echten Austausch mit meinen Nächsten sehen (2. Stufe);

– Gehorchen in der Art aufmerksamen Hörens verstehen und in allen Lebenslagen in dieser Haltung verharren (3. Stufe);

– Geduldig sein, wenn es schlecht läuft, wenn man Tiefschläge erlebt, wenn man Dinge in einer Weise erledigen muss, die man lieber in anderer Form verrichten würde (4. Stufe);

– Die Möglichkeit des offenen Gesprächs mit irgendjemand bewahren, der uns hilft, einen Herzenszugang aufrechtzuerhalten. Dies nennt man mit gutem Grund Herzenseröffnung im Rahmen der geistlichen Begleitung (5. Stufe);

– In uns selbst den Abstand zwischen Realität und der Sehnsucht unseres Herzens erkennen, die uns eigentlich leiten sollte (6. Stufe);

– Erkennen, dass wir nicht besser als andere sind, aber sich dabei dennoch ein großes Wohlwollen für den Nächsten bewahren (7. Stufe);

– Dank einer solchen Haltung wird man befähigt, das zu tun, was meine Umgebung mir abverlangt. Man hat nicht mehr das Bedürfnis, seine eigene Sichtweise um jeden Preis zu rechtfertigen und anderen aufzuzwingen (8. Stufe);

– Schließlich wird das gesamte Leben des Mönches von solchen radikalen Grunderfahrungen geprägt. Die daraus hervorgehende Lebensform wird eine tiefe Verwurzelung ermöglichen, die Kraft schenkt und eine große Eigenständigkeit freisetzt (9. bis 12. Stufe).

Man kann in dieser Lebensform die Haltung Christi wiedererkennen, der in sich das Leben, das ihm von seinem Vater geschenkt wird, annimmt und sich entfalten lässt, ohne es dem eigenen Willen zu unterwerfen. Dieses Geschehen dauert bis zum Tod, wobei Christus der absolut Lebendige ist dank der inneren Autorität seiner Demut.

 

6. Das Gebet

Das Gesagte stellt eigentlich schon eine Form des Betens dar. Wenn jemand hören und das Ohr des Herzens neigen will, wenn er im inneren Schweigen sich der Seinsgegenwart zuwendet, wenn er seine Beziehungen in Gehorsam und Demut lebt, dann kann man darin wohl schon ein Bitten, einen Lobpreis und eine Dankeshandlung sehen. Gott schenkt sich uns ganz und gar als unsere Lebensquelle, die wir in unserem Seelengrund entdecken und nicht ängstlich für uns behalten, sondern vielmehr in brüderlicher Gemeinschaft leben.

Im Regelprolog besteht Benedikt darauf: „Was immer du unternimmst, bitte Gott darum, dass er es zu einem guten Ende führe.“ Tatsächlich kann man nur dann authentisch leben, wenn man diese göttliche Lebensquelle erkennt, die uns inspiriert. Daher muss Leben auch immer mit dem Gebet verbunden sein.

Die Mönche haben sich dem ewigen Gebet verschrieben, das sowohl im persönlichen Bereich als auch im Rahmen der Gemeinschaft stattfindet. Sie leben ihr Hören in täglicher lectio divina und in tausend anderen Formen. Das Hören führt sie zu einem tiefinnerlichen Schweigen, damit sie sich ganz der Gegenwart Gottes öffnen können. Daher sind sie auch bereit, ihr Leben aus dem Gebet in der Gemeinschaft der Brüder und Schwestern und in Gehorsam und Demut zu gestalten.

Die Liturgie führt diese verschiedenen Dimensionen zu einer Gemeinschaftsübung zusammen. Es handelt sich dabei nicht lediglich um eine weitere Tätigkeit, sondern um eine Art und Weise, wie ich mein Leben in der Gegenwart Gottes auch im Rahmen einer brüderlichen Gemeinschaft entfalten kann.

 

7. Klösterliches Arbeiten

Auf diese Weise verwandelt sich das gesamte Leben des Mönches in Arbeit und Askese im ursprünglichen Wortsinn: Askese bedeutet Übung oder Training. Solche Askese im Dienst der Aufmerksamkeit will uns dabei helfen, in der Gegenwart Gottes zu leben. In einer solchen Lebensform zielt alles Arbeiten auf Verwandlung hin. Auch die täglichen Dienste und wirtschaftlichen Tätigkeiten finden hier ihren Rahmen.

Natürlich muss man auch arbeiten um zu leben und niemand kann sich einer solchen Sorge entziehen. Jede Woche müssen im Kloster auch zahlreiche praktische Aufgaben erledigt werden. Wer ins Kloster eintritt, darf sich der Arbeit nicht entziehen wollen. Denn in gewisser Hinsicht ist das gesamte Leben des Mönches auch Arbeit: Arbeit der Verwandlung, damit in vollständiger Hinwendung zu Gott und den Schwestern und Brüdern der Mönch wahrhaft das wird, was er ist, und dabei alle seine Illusionen und Masken ablegt.

Geistliche Begleitung bedeutet auf diesem Weg der Verwandlung ein Mitgehen als älterer Bruder oder Schwester, wobei man diese Dimensionen selbst lebt und teilt. Es handelt sich um den Weg österlicher Auferstehung mit allen damit verbundenen Herausforderungen.

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