Nathalie Raymond

Eindrücke vom Klosterleben
in Vietnam

 

Nachdem ich neun Monate im Kloster Thiên Binh verbracht hatte, wo ich den Mönchen etwas Englisch und Französisch beizubringen versuchte, und anschließend einige weitere Klöster im Süden des Landes besucht hatte, darf ich im Folgenden einige Eindrücke weitergeben. Diese sind dabei natürlich beschränkt auf das, was man im Gästehaus, im Klassenraum und in Gesprächen erfahren kann, also recht persönliche und unvollständige Eindrücke. Sie wollen vor allem die verschiedenen Schwierigkeiten vermitteln, mit denen Mönche und Nonnen in Vietnam sich auseinandersetzen müssen und die uns Europäer gänzlich fremd sind. Wir müssen ihnen für ihren Mut Anerkennung zollen. Meine Erfahrungen möchten auch zu einem besseren gegenseitigen Verständnis beitragen.

 

1. Zum geschichtlich-sozialen Rahmen der Ordensgemeinschaften

Der allgemeine Rahmen in Vietnam besteht aus der Machtergreifung der Kommunisten, die Entwicklung dieses Regimes in einem globalen Kontext und seine Integration in kapitalistisches Modell mit Ausrichtung auf eine konsumorientierte Gesellschaft.

Bekanntermaßen gibt es in der jüngeren Geschichte des Landes drei wichtige Daten:

1954: Nordvietnam wird kommunistisch. Viele Katholiken flüchten aus dem Norden in den Süden.

1975: Das Land wird wiedervereinigt und wird gerät vollständig unter kommunistische Herrschaft. „Boat-people“ verlassen Vietnam, worunter sich vor allem Katholiken befinden. In angrenzenden Ländern, in den USA, Europa und Australien entstehen große vietnamesische Kolonien. In Südvietnam werden die Klostergemeinschaften enteignet. Ordensleute werden vertrieben oder verhaftet und leben mehr oder weniger im Untergrund. Noviziatsaufnahmen sind verboten. Diese Erfahrung wird zu einem tiefen Trauma für alle und besonders für die Katholiken und die zahlreichen Ordensgemeinschaften, die vom vorhergehenden Regime noch unterstützt wurden. Manche der Gemeinschaften waren schon lange eingesessen und besaßen viele Güter. Auf einen Schlag verloren sie alles und erlebten Verfolgungen, Armut und Hunger. Diese Erinnerung ist bei den Ordensleuten, die älter als fünfzig Jahre sind, tief verwurzelt, da sie damals bereits im Kloster waren oder als Jugendliche die Ereignisse mitbekamen.

Nach 1989/90: Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch des europäischen Kommunismus zeigt sich das Regime zunehmend liberaler. Dazu gehört auch eine wachsende Toleranz hinsichtlich der Ordensgemeinschaften, vor allem wenn diese sozial tätig sind. Gelegentlich bittet sie nun sogar die Regierung von sich aus um Mitarbeit im Bereich von Erziehung oder Gesundheitssorge, da gerade in diesen Schlüsselbereichen Defizite herrschen, vor allem in der jetzigen Zeit großen Bevölkerungswachstums. Die Ordensgemeinschaften können sich auf diese Weise wieder zusammenfinden, einige beschlagnahmte Gelände zurückkaufen und wieder Nachwuchs rekrutieren. Zugleich können sich neue Gemeinschaften bilden und in Vietnam niederlassen.

Diese Liberalisierung bedeutet jedoch keineswegs den kompletten Verzicht auf Kontrolle. Auch wenn Ideologie zunehmend durch Pragmatismus ersetzt wird, überwacht die Regierung durch die örtlichen Behörden recht genau die Ordensgemeinschaften. Vor allem an Orten, wo die Beziehungen gespannt sind, können daraus Probleme und heftige Konflikte entstehen. Viele Aspekte des Gemeinschaftslebens bedürfen auch einer behördlichen Genehmigung, wodurch es zu willkürlichen Entscheidungen kommen kann.

Das Land übernimmt in dieser Zeit auch einen wirtschaftlichen Kurs, den bereits der Nachbar China vor allem im Süden praktiziert, der direkt an Vietnam angrenzt, also ein Modell, das mit Kapitalismus, ökonomischem Liberalismus und Konsumhaltung verbunden ist. Diese wirtschaftliche Öffnung, die bereits um 1986 beginnt, trägt den Namen „sozialistisch orientierte Marktwirtschaft“. Innerhalb der Gesellschaft bringt das erhebliche Verwerfungen mit sich, vor allem auf dem Hintergrund eines starken Bevölkerungswachstums. Die Lebensgewohnheiten sind zunehmend städtisch geprägt, auch wenn das Land weiterhin überwiegend landwirtschaftlich ausgerichtet ist. Die Landflucht in Richtung der Städte, wo man sich Arbeit erhofft, führt zur Bildung von großen urbanen Räumen, die vor allem an ihren Rändern anarchisch wuchernde Vorstädte ausbilden.

Seit einigen Jahren führt die Kombination von Kapitalismus und Konsumhaltung wie überall auf dem Planeten zu einer zunehmenden Herrschaft des Geldes. Beinahe alles ist käuflich. Gesetze haben nur noch Näherungscharakter. Der Geldkult besetzt Herzen und Gedanken und verursacht zahlreiche Gewissenskonflikte: Soll man sich bei Schwierigkeiten einfach freikaufen und so Zeit sparen oder die Zahlung verweigern und auf Konfrontationskurs gehen? Wer moralisch und spirituell einen gradlinigen Kurs verfolgen möchte, hat es schwer, vor allem Katholiken, welche sich die Mahnung Jesu zu Herzen nehmen, dass man nicht zwei Herren dienen kann, Gott oder dem Geld (Mt 6,24).

Bei jungen Menschen ist die Verlockung durch materielle Güter stark ausgeprägt, ebenso wie die Nutzung von Internet und sozialen Netzwerken. Aber das ist global zu beobachten, nicht nur in Vietnam.

 

2. Soziale Umbrüche und ihre Auswirkungen auf die Gemeinschaften

Verstädterung, Konflikte um Grundeigentum und der Zustrom von Kandidaten mit allen möglichen damit verbundenen Problemen sind einige Folgen der eben genannten Entwicklungen.

 

Verstädterung und Streitigkeiten um Grundeigentum

Das enorme städtische Wachstum, das vor ungefähr zwanzig Jahren begann, hat auch Auswirkungen auf das Ordensleben. Für alle Gemeinschaften, die in der Nähe von Städten beheimatet sind, ist eine räumliche Ausdehnung sehr eingeschränkt, und diejenigen, die früher entfernt lagen, sind nun weit weniger isoliert. Die auf einmal in Vorstädten gelegenen Gemeinschaften müssen mit neuen Nachbarn leben, einem ausgebauten Straßennetz und sich in einer vollständig veränderten Umgebung zurechtfinden (dies gilt beispielsweise für Thiên Phuoc oder Thủ Đức). Umliegendes Gelände, das vor 1975 oft noch den Gemeinschaften gehörte, wird nun zunehmend von Familien gekauft oder besetzt, die sich dann in unmittelbarer Nachbarschaft niederlassen. Das starke Bevölkerungswachstum und vor allem die Landflucht verstärken diesen Ansturm auf Grundstücke. Seit Beginn der Liberalisierung und bis heute stehen die Klöster in Konkurrenz mit Privatpersonen bei ihrem Versuch, Grundstücke zu erwerben und schnell zu bebauen, um eventuelle Landbesetzungen zu verhindern. Neben solchen Problemen aufgrund einer rasanten Verstädterung gilt es, die Grundstücke und Häuser durch teure Mauern zu schützen und darauf zu achten, dass die Eigentumsfrage hinsichtlich der Grundstücke juristisch eindeutig ist. Dies alles führt seit gut zwanzig Jahren zu ständigen Sorgen und Kosten innerhalb der Klöster.

Gelegentlich führen die Grundstücksfragen auch zu offenen Konflikten mit den örtlichen Behörden wie in Thiên An, das im Vorstadtgebiet von Huê liegt und zwingen dazu, sich ständig der Fürsorge Gottes anzuvertrauen.

Das städtische Wachstum führt auch zu einer Verschlechterung der Umwelt. Dies gilt vor allem für die Klöster in Hô-Chi-Minh-Stadt und den riesigen Vororten. Dort kommt zu tropischen Hitze und Feuchtigkeit nun der Stress der Großstadt hinzu, wo ein dichter Verkehr, Luftverschmutzung und ein hoher Lärmpegel herrscht. Die Vietnamesen sind dort hauptsächlich auf Motorrollern unterwegs, wobei man ständig auf Unfälle gefasst sein muss. So fahren die klösterlichen Studenten von Thiên Binh, die von Montag bis Freitag am franziskanischen Seminar studieren, jeden Morgen mit Motorrollern los, wobei sie täglich 1 ½ bis 2 Stunden in diesem dichten Verkehr verbringen. Manche geben auch zu, dass sie Angst vor Unfällen haben. Dies führt zu erheblichem Stress, den ich einmal miterleben durfte, als ich einmal die Stadt hin und zurück auf dem Rücksitz eines Motorrollers hinter einem Mönch abfahren durfte.

Zudem werden die Gemeinschaften sehr beansprucht durch einen ständigen Zustrom junger Kandidaten, welche die Einübung ins Ordensleben wünschen. Tatsächlich hat die Öffnung der 1990er Jahre zu einem starken Anwachsen von Berufungen geführt, welche sorgfältig geprüft werden müssen.

 

Die Kandidaten materiell, menschlich und spirituell begleiten

Der enorme Ordensnachwuchs in Vietnam lässt inzwischen leicht nach. Das Bevölkerungswachstum ist zurückgegangen und die großen Familien sind heute weniger verbreitet, vor allem im Süden und landesweit in den Städten. Diejenigen, die heute noch eintreten oder vor gut zehn Jahren sich zum Klosterleben entschlossen haben, entstammen oft Familien mit 5-10 Kindern, die überwiegend recht arm sind und vom Land kommen, zur Zeit vor allem vom Norden und von der Mitte Vietnams. Die Diözese Vinh in der Landesmitte bleibt weiterhin ein großes Reservoir für kirchlichen Nachwuchs. Von den ca. 6 Millionen Einwohnern sind ca. 500.000 katholisch (so La Croix vom 24.05.2017), wobei gerade hier eine besonders arme Region Vietnams zu finden ist.

Angesichts der vielen Kandidaten fällt es den Gemeinschaften oft schwer, die Motivation genauer zu ergründen: Handelt es sich um echte Gottessuche oder sucht der Kandidat den sozialen Aufstieg? Diese Frage wird nicht nur in Vietnam und nur heute gestellt, sondern gilt auch für afrikanische Gemeinschaften und für das Europa früherer Jahrhunderte. Wenn die Kandidaten aus armen Familien entstammen, gibt es stets und überall einen gewissen Zweifel. In Vietnam gilt, dass für Männer der Priesterstand hoch angesehen ist und gelegentlich auch als Sprungbrett zu materiellem Wohlstand, wofür einige Diözesanpriester als Beispiel herhalten können. Seit einiger Zeit haben die Priesterseminare daher angesichts der vielen Anfragen die Eintrittsbedingungen verschärft: Es wird eine Eingangsprüfung und ein abgeschlossenes Universitätsstudium verlangt, was sechs Studienjahre bedeutet. Damit sind faktisch ärmere Kandidaten ausgeschlossen. Wer kein abgeschlossenes Universitätsstudium hinter sich gebracht hat und dennoch Priester werden will, muss also bei den Ordensgemeinschaften anfragen, wobei die Vorstellung vorherrscht, dass man nach dem Eintritt studiert und Priester wird. Eine solche Einstellung kann später zu Spannungen führen, da sie nicht unbedingt den Diensten entspricht, welche von der Gemeinschaft erwartet werden.

Die Frage nach der Unterscheidung der Geister ist daher wesentlich und schwierig, sogar für die Kandidaten selbst, da ja Gott auf den unterschiedlichsten Wegen die Menschen zu sich kommen lässt. Es ist nicht auszuschließen, dass jemand mit den „falschen Gründen“ eintritt, aber später sich zu einem vorbildlichen Nachfolger Christi entwickelt. Wie schon gesagt, gibt es dieses Problem nicht allein in Vietnam, aber die Eigentümlichkeit dieses Landes besteht darin, dass man die Echtheitsfrage sehr vielen Kandidaten gleichzeitig stellen muss. Die Explosion zahlreicher Berufungen innerhalb eines kurzen Zeitraums beeindruckt viele Besucher Vietnams. Die Gründe dafür sind zweifellos in einer besonderen Kombination von Umständen zu suchen, nämlich der politischen Situation (eine gewisse Toleranz eines sonst kirchenfeindlich eingestellten kommunistischen Regimes) und demographisch-sozialen Faktoren (starkes Bevölkerungswachstum und Landflucht). Das Ganze spielt sich auf dem historischen Hintergrund eines ständigen Gegensatzes zwischen katholischer Bevölkerung und Regierung ab, wie der herausgehobene Märtyrerkult belegt. Seit dem 17. Jahrhundert erwächst die vietnamesische Kirche aus dem Blut der Märtyrer. Auch wenn der katholische Glaube in der Minderheit ist (ungefähr 7% der Bevölkerung), ist er ausgesprochen identitätsstiftend, vor allem aufgrund einer feindlich eingestellten Regierung. Für junge Vietnamesen gibt es also viele Gründe, um in einen Orden einzutreten. Vielleicht kann man darin ja auch das mächtige Wehen des Heiligen Geistes entdecken und einen göttlichen Plan, den allein Christus als Haupt der Kirche versteht? „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken“ ( Jesaja 55,8-9). Worin auch immer die Tiefenmotivation bestehen mag, es bleibt eine große Herausforderung, wie man die Kandidaten angemessen empfangen soll. Konkret bedeutet dies, Neubauten auf verkleinerten und von dichter Bebauung umgebenen Klosterflächen, Ernährung, Ausbildung und Begleitung der Kandidaten. Für die Gemeinschaften liegt eben darin seit gut zehn Jahren eine der Hauptschwierigkeiten. Zur Zeit haben in diesem Bereich mehr die apostolischen Orden zu kämpfen, vor allem die internationalen wie Salesianer, Redemptoristen, Franziskaner und Dominikaner, und etwas weniger die benediktinischen Männerklöster, da das kontemplative Leben in Vietnam wohl noch nicht richtig angekommen ist. Dennoch haben sich die Zisterzienserklöster dem Zustrom geöffnet, so dass Gemeinschaften von 100 bis 200 Mönchen oder Nonnen entstanden (zum Beispiel Phưởc Sơn und Vĩnh-Phước). Auch bei den Benediktinern gilt ein Personalstand von weniger als 70 Mönchen als „kleine“ Gemeinschaft, die sich entschlossen hat, nur in bescheidener Weise zu wachsen. Überall ist die Ausbildung eine Hauptfrage.

Soweit ich bisher mitbekommen konnte, ist der Nachwuchs durchgehend ausgesprochen hochmotiviert für das Studium, sind intellektuell neugierig und verdienen Ermutigung und Förderung, vor allem da sie bisher im Umkreis ihrer Familien keine Gelegenheit zum Studium hatten.

 

Alterspyramiden und Generationenkonflikte

Noch eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aus der geschilderten Entwicklung: in der Altersverteilung gibt es ein Loch, da zwischen 1975 bis 1995 praktisch keine Mönche eingetreten sind. Mönche zwischen 45 bis 65 Jahren sind also wenig zu finden, auch nicht ältere Mönche. Die meisten Mönche sind zwischen 25 bis 40 Jahre alt, also die Geburtenjahrgänge zwischen 1975 bis 1995, die das kommunistische Regime nicht mehr erlebt haben, vor allem in den 1990er Jahren. Die Generationsunterschiede haben gewisse Folgen, wie man sie überall in Klöstern findet, vor allem, dass das Verhältnis zum Ordensleben und zum Leben überhaupt jeweils anders ist, was zu Unverständnis und Spannungen führt. Die älteren Mönche haben noch die Zeit vor der kommunistischen Machtergreifung gekannt, so dass die traumatischen Erfahrungen der Jahre 1975 bis 1985 bei ihnen tief eingebrannt sind: Sie mussten Verfolgungen, Hunger und Armut durchstehen und erinnern sich sehr lebhaft an diese Zeiten. Darum sind sie auch ausgesprochen mitfühlend gegenüber den aktuellen Elendsszenen, vor allem unter ländlicher Bevölerkung, die in die Städte gezogen ist. Diese ältere Generation versteht es zu kämpfen und sich der Vorsehung anzuvertrauen, andererseits haben sie auch das Schweigen und eine gewisse Vorsicht gelernt.

Dagegen ist die junge Generation unter anderen Verhältnissen aufgewachsen, die weniger bedrückend waren, weniger ideologisch, mehr pragmatisch, mehr individualistisch, materialistisch und konsumorientiert. Ihre Wellenlänge ist oft anders als die der älteren Generation und die Kommunikation ist dann mühsam. Die jüngeren beklagen sich dann, dass man ihnen nicht zuhört, und die älteren beschweren sich über die Ansprüche der jüngeren Mönche, die ihnen mit dem Klosterleben unvereinbar scheinen. Die Leitungspositionen liegen zwar in den Händen älterer Mönche, aber diese sind wenig zahlreich, so dass der Druck von unten stark und eine Explosion nicht auszuschließen ist.

Ein weiterer Punkt ist, dass in vietnamesischen Klöstern das Verhältnis zur Obrigkeit komplizierter als in anderen Ländern zu sein scheint, so wenigstens der Eindruck von außen. Gelegentlich wirkt es so, als ob Regeln dazu gemacht werden, um umgangen zu werden, und man hat beinahe den Eindruck eines Katz-und-Maus-Spiels. Ich denke, darin zeigt sich die allgemeine Einstellung der Bevölkerung gegenüber Gesetzen, die nicht mehr ernst genommen werden. Man umgeht Regeln üblicherweise mit Geldzahlungen, folgt ihnen nicht aufgrund anderer Auffassungen oder trickst sie aus. In Ordensgemeinschaften zeigen sich solche Umgehungen beispielsweise bei der Benutzung von Handy, Internetzugang, Rauchen, Alkohol, besonderer Nahrung oder dem Besitz verschiedener Luxusartikel. Der Gehorsam, der ja eigentlich gerade bei Benediktinern besondere Wertschätzung genießt, wird auf diese Weise nicht sonderlich eingehalten. Seitens der Ausbilder und der Oberen bedarf es daher gute psychologische Kenntnisse, Unterscheidung der Geister und Demut, um mit solchen sensiblen Fragen klug umzugehen. Gelegentlich muss man Grenzen setzen, aber dann auch wieder die Augen bei Kleinigkeiten schließen.

 

Unterschiedliche regionale Herkünfte und kulturelle Prägungen

Weitere Spannungen entstehen aus der regionalen Herkunft und der kulturellen Prägung. Aufgrund der geschichtlichen Entwicklung nach der Landesteilung im Jahr 1954 gibt es mehr Klostergemeinschaften im Süden, doch die vielen Berufungen der letzten Zeit kommen vor allem aus dem Norden und dem Zentrum. In Vietnam gibt es zahlreiche regionale Dialekte mit teilweise starken Verschiebungen. Die Ordensleute im Süden müssen sich daher an die Sprechweise der Kandidaten aus dem Zentrem gewöhnen, die sie zum Teil nicht verstehen. Auch die Essgewohnheiten sind unterschiedlich oder das Verhältnis zum Geld: So finden Leute aus dem Norden oft, dass die Menschen im Süden verschwenderisch mit Geld umgehen und schlechte Verwalter sind. Das bringt dann den jungen Klosternachwuchs aus dem Norden gegen die Klosterleitung aus dem Süden auf. Man muss hierbei bedenken, dass zwischen 1954 bis 1975 das Land zwischen unterschiedlichen politischen Systemen geteilt war und daraus unterschiedliche Prägungen erwachsen sind.

Wenn man solche Unterschiede im Alter, der regionalen Herkunft und der kulturellen Prägungen überwinden muss, ist eine spannungsfreie Klosterleitung kaum möglich. Da gibt es Spaltungen zwischen verschiedenen Gruppen, vereinsamte Obere, ständiges Murren und gelegentlich Konflikte, die mehr oder weniger offen ausgetragen werden.

Und trotz allem können diese Gemeinschaften kontinuierliche Fortschritte verzeichnen und besitzen eine große Dynamik, was zweifellos auf ein Wirken des Heiligen Geistes hindeutet, das stärker als die menschlichen Gefäße ist. Die Leistungen dieser im Aufbau befindlichen Gemeinschaften sind erstaunlich. Man muss dem Mut von Mönche und Nonnen und insbesondere von Oberen bewundern, die unter schwierigsten Umständen arbeiten und alle Widerstände mit einem unerschütterliche Vertrauen in die Vorsehung Gottes zu überwinden versuchen.

 

3. Weitere Herausforderungen

Weitere Herausforderungen können wirtschaftlicher oder eher struktureller Art sein. Beispielsweise hatte der Formosa-Skandal auch Folgen für die Klöster. Dabei ging es um die Verschmutzung von 200 Kilometer Küste durch ein taiwanesisches Stahlwerk, die sich im April 2016 im mittleren Vietnam zutrug. Dabei starben unzählige Fische, wodurch die Lebensgrundlage der örtlichen Bevölkerung gefährdet wurde. Die betroffene Region gehört zu ärmsten und zurückgebliebensten Zonen des Landes, wo die Bevölkerung vom Fischfang abhängig ist. Eben von dort stammen auch zahlreiche Berufungen. Daher sind gerade beim Klosternachwuchs die Familien in Mitleidenschaft gezogen, bei denen Gesundheit, die sowieso schwachen finanziellen Kräfte und sogar die tägliche Nahrung bedroht sind. Für die betroffenen jungen Mönche ist das ein äußerst verstörendes Geschehen. Hinzu kommt, dass die Umweltkatastrophe auch Auswirkungen auf die Berufungssituation hat: einige junge Männer und Frauen, die sich dem Ordensleben anschließen wollten, sind deswegen erkrankt und mussten in ihre Heimat zurückkehren.

Ein weiteres Problem für die Gemeinschaften ist die Suche nach finanziellen Ressourcen. Wie man weiß, unterstreicht die Benediktusregel die Notwendigkeit von Handarbeit, um sich selbst ernähren zu können. Aber bei so vielen inneren und äußeren Herausforderungen ist wirtschaftliche Autarkie kaum zu erreichen, vor allem bei den Männerklöstern. Alle suchen händeringend nach sicheren Einnahmequellen, ohne sie zu finden. Unter anderem werden kleine Produktionen gestartet wie Fischsauce, Maniok- und Curcuma-Erzeugnisse, Viehzucht usw. In manchen Gemeinschaften gibt es daher einen hohen Leistungsdruck bei der Arbeit, der zu Spannungen führen kann, vor allem wenn die Verteilung der Arbeitslast als unausgeglichen betrachtet wird.

Die Schwierigkeit, sich selbst zu finanzieren, führt bei den Klöstern zur Abhängigkeit von Wohltätern, vor allem aus dem amerikanischen Raum. Ohne deren Spenden könnte kein Bauprojekt ausgeführt werden, und sogar das Überleben des Klosters wäre in Gefahr. Dies erfordert eine besondere Beziehungspflege zu den Wohltätern, Besuche, Einladungen zu Mahlzeiten, Dankesgeschenke, spirituelle Gaben seitens der Mönche, insbesondere Messen für Verstorbene, ein besonderes Entgegenkommen bei der Ausstattung mit Figuren, Erinnerungsgegenstände und ähnliches (Plaketten oder Bänke mit dem Namen von Sponsoren).

Natürlich ist ein solcher Austausch gegenseitiger Gaben sehr schön, bringt aber auch eine gewisse Abhängigkeit mit sich, die nicht immer angenehm ist und auch riskant ist. Denn die neuen Generationen vietnamesischer Auswanderer haben nicht mehr denselben Glauben und nicht mehr dieselbe emotionale Bindung an Vietnam wie ihre Eltern. Es liegt nahe, dass die Nachkommen der Boat-people immer weniger sich gedrängt fühlen, den Klostergemeinschaften in Vietnam beizustehen. Zum Glück ist Gottes Vorsehung unermesslich.

 

Fazit

Zum Schluss möchte ich nochmals die vielen Schwierigkeiten unterstreichen, mit denen die vietnamesischen Klöster zu kämpfen haben, und den Mut hervorheben, den Mönche und Nonnen und vor allem Vorgesetzte zeigen, die auf allen Fronten gleichzeitig sich behaupten müssen. Trotz einer bisher nur kurzlebigen Verwurzlung des Mönchtums, dem gleichzeitigen Auftreten zahlreicher Schwierigkeiten, der Herausforderung, neue Klosterbauten zu errichten gehen sie alle Schwierigkeiten beherzt an und voller Vertrauen in Gottes Vorsehung. Aufgrund dieser besonderen Situation sollte man hier besondere Anteilnahme zeigen: Man sollte ihnen Gehör schenken (mir scheint, man kann viel von ihnen lernen), sie ermutigen und vor allem ihnen nahelegen, ihre Bedürfnisse zu äußern. Dann kann man ihnen auch in einer Weise helfen, die ihnen tatsächlich nützlich ist, wenn sie überhaupt irgendeine Hilfe annehmen wollen.

Möge der Herr des Friedens, der Einheit und der Liebe uns dabei helfen, Bande der Solidarität und der Gewisterlichkeit zu knüpfen, die räumliche Entfernungen und Vorteile überwinden.

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