Jacques Binet
Institut de recherche pour le développement (IRD),
Marseille

Wesen und Grenzen
der afrikanischen Familie[1]

 

Jacques Binet (1916-2009) war im französischen Verwaltungsdienst für die Kontakte zu afrikanischen Ländern zuständig, wo er eine Vielzahl bedeutender Projekte betreute, unter anderem auch für die UNO. Dabei führte er auch über Jahrzehnte hinweg als wissenschaftlicher Mitarbeiter Feldforschungen durch. Seit 2000 unterrichtete er unter anderem an der Universität Paris XIII afrikanische Soziologie und Filmwissenschaft.

 

Der Begriff „Familie“ lässt sich kaum definieren. Gemeint sind damit einerseits recht unterschiedliche juristische Gegebenheiten, andererseits biologische Wirklichkeiten. Familie bezeichnet im Allgemeinen eine Gruppe biologischer verwandter Menschen. Diese Wirklichkeit wird ausgestaltet durch das Recht, das festlegt, wie weit familiäre Verwandtschaft geht und welche Regeln für sie gelten. Denn wenn man von Cousin zu Cousin schreitet und immer weiter entfernte Vorfahren ausfindig macht, kommt man schließlich auf eine Verwandtschaft, die nahezu ein ganzes Volk ausmacht. Doch das menschliche Gedächtnis kommt hier an seine Grenzen bzw. es wird bei der Verwandtschaft irgendwo ein Schlussstrich gesetzt. Auf jeden Fall ist es so, dass durch die Abstammung eines Kindes von zwei Elternteilen sich sofort zwei Verwandtschaftslinien ergeben, nämlich eine väterliche und eine mütterliche. Schon hier greift das Recht ein, um eine Linie mit verstärkter Bedeutung festzulegen. Denn Familienbeziehungen haben nicht nur mit Natur, sondern auch mit Kultur zu tun. Die Familie ist der Kernbereich, in dem verwandtschaftliche Beziehungen intensiv gelebt werden. Wenn viele Generationen auf einen Kult, einen Clanchef, eine gemeinsame Herkunft fixiert bleiben, dann kann die Familie derart anwachsen, dass sie die Größe eines Dorfes einnimmt und schließlich zur einzig wichtigen sozialen Bezugsgröße wird. In anderen Kontexten besteht die Kernfamilie nur aus Eltern und Kindern, die sich zwar wieder in andere Gruppen einfügen, doch sind die Beziehungen zu diesen weniger intensiv.

In Afrika ist das System der ausgedehnten Familie das verbreiteste Modell, zumindest in den ursprünglichen Lebensräumen, wo die Traditionen die Beschränkung auf eine Kernfamilie nicht ermutigen. Diese weite Familie schenkt dem Individuum eine umfassende Sicherheit, vielleicht sogar zu allumfassend, denn so entgehen ihm viele Risiken, die vielleicht seinen Charakter, seine Energie und seine Intelligenz herausgefordert hätten. Ein übermäßig schützender Rahmen fördert nicht die Persönlichkeitsentwicklung. Als ständiger und lebenslanger Schutzraum wird die Familie omnipräsent. Wenn solche Menschen zur Emigration gezwungen sind, scharen sie sich um einen Älteren, der eine Art Schiedsrichter- und Vaterrolle einnimmt. Damit schaffen sie eine neue Familie, die allerdings nun nicht mehr durch Blutsbande verbunden ist. Auch wenn es also die Familie gar nicht mehr gibt, bleibt ihre Struktur lebendig – ein frei gewählter Vater ersetzt nun den verlorenen Patriarchen. An solchen neuen Strukturen erkennt man die psychologische Bedeutung der Familienerfahrung.

Bei einer Umfrage im Jahre 1962 konnte J.-P. Ndiaye feststellen, dass afrikanischen Studenten in Frankreich vor allem der gewohnte feste soziale Rahmen fehlt. Nach ihren Aussagen fehlte ihnen vor allem ihre gewohnte soziale Gruppe (33%), an zweiter Stelle die festen Beziehungen (32%) und erst an dritter Stelle die eigene Familie, Freunde oder Mutter (31%). Dieser größere Personenkreis ist genau eingegrenzt und entspricht nicht einfach der Dorfbevölkerung. Familie in diesem afrikanischen Sinn umfasst bestimmte Orte und Behausungen, auch einen gewissen Lebensstil, eine Grundhaltung gegenüber Verwandten, die unterschiedslos als Brüder oder Schwestern eingestuft werden, ohne dass der Verwandtschaftsgrad genauer bestimmt wird. Zwar gab es auch in der älteren westlichen Tradition die Großfamilie, doch wurde ihre Bedeutung durch die Dorfgemeinschaft geschmälert, wo gleichfalls eine Vielzahl von Beziehungen durch gemeinsame politische Aufgaben, durch gemeinsame Arbeiten oder gemeinsam benutztes Werkzeug hergestellt wurden. Ein solch komplexes Beziehungsgeflecht, die sich mit einem wachsenden Bewusstsein persönlicher Verantwortung verbindet, ermutigt bei allen Beteiligten persönliche Reifung und Emanzipation. Der christliche oder islamische Monotheismus unterstreicht zudem den innerlichen und individuellen Charakter von Glaubensvorstellungen und -praktiken jedes Einzelnen. Dagegen ist die afrikanische Familie, zumindest in der Idealvorstellung, stärker von gemeinschaftlichen Vorstellungen geprägt. Um genauer zu verstehen, was sie ist und wie Afrikaner sie gerne sehen würden, muss man sie einerseits nach ihren Bestandteilen analysieren, Individuen und Haushalte, andererseits vor dem Hintergrund einer globalisierten Gesellschaft sehen.

 

Familie und Individuum

Das einzelne Familienmitglied steht immer unter Betreuung. Die einzige Person, die theoretisch sämtliche Rechte beanspruchen kann, ist der Familienchef. Der Rest, einschließlich die Haushaltsleiter, sind ihm üblicherweise untergeordnet. Ihre Befugnisse sind ihnen lediglich von seiner Seite delegiert worden. Allerdings ist die Rechtsstruktur nicht straff durchorganisiert, wie man denken könnte, z.B. dass Kinder unter Vormundschaft stehen. Frauen und Kinder können ohne weiteres selbst kaufen und verkaufen, eigene Handelsgeschäfte in die Wege leiten und selbst größere Geldsummen besitzen. Der Ehemann oder Vater übt in dieser Hinsicht kaum irgendeine Kontrolle aus, auch nicht der Patriarch. Tatsächlich handelt es sich auch nicht um bekannte Rechtsverhältnisse der Minderjährigkeit oder Vormundschaft, sondern um Abhängigkeitsformen. Es entspricht eher den Verhältnissen eines Vassalen in der mittelalterlichen Feudalgesellschaft, d.h. entscheidend ist das Abhängigkeitsverhältnis zum Patriarchen.

Innerhalb der Familien sind Formen von Individualismus eher unerwünscht: In manchen Dörfern essen alle gemeinsam. Manchmal wird das Essen gemeinsam zubereitet, manchmal abwechselnd von verschiedenen Haushalten. Das Individuum hat keinerlei Privatbereich. Selbst das Kind wird in dieser Weise sozialisiert: Es kann sich in jedem Haushalt der Großfamilie ohne weiteres aufhalten, wird dort ernährt und erzogen. Daher sind auch die Verwandtschaftsbezeichnungen eher klassifizierend: Alle Männer der Vatergeneration werden als „Vater“ angeredet, alle Männer oder Jugendlichen der eigenen Generation als „Brüder“. Unter solchen sozialen Verhältnissen kann sich auch ein gegen die eigenen Eltern gerichteter Ödipuskomplex nicht entwickeln, so wie ihn die klassische Psychoanalyse postuliert. Kinder können einfach den Haushalt wechseln, wenn sie in dem der Mutter nicht mehr unterkommen können. Dennoch gibt es instinktive Zuwendungsformen und Unzufriedenheit, wenn diese nicht erwidert werden. Viele Waisenkinder entfliehen ihrer Großfamilie und ziehen in die Stadt, weil sie bei Onkeln oder Tanten nicht ausreichend Zuwendung finden. Hier kommt inzwischen die Welt des Großclans an seine Grenzen: Entgegen der Ansprüche der Großfamilie wollen sich viele Menschen nicht mehr komplett von ihr in Beschlag nehmen lassen und lassen sich lieber in den Großstädten auf das Abenteuer der individuellen Lebensgestaltung ein.

Da das Individuum nur wenig geschätzt wird, erwartet man, dass es seine persönlichen Interessen denen der Gruppe unterordnet. Die Patriarchen folgen strikt der Überlieferung, wenn sie für ihre Schutzbefohlenen Ehepartner oder Berufe aussuchen. Ein Recht auf persönliche Freiheit, der Anspruch von Jugendlichen, sich selbst ein Leben aufzubauen oder selbst einen Ehepartner auszusuchen, oder ein Recht auf persönliches Glück vertragen sich nicht mit der Allmacht der patriarchalischen Familie. Solche Ideen kommen aus den Städten und aus den Bildungsschichten.

BinetgrainMan kann auch schnell feststellen, dass die gewünschte Harmonie oft nicht vorliegt. Wenn jemand es zu etwas gebracht hat, dann stellen sich bald viele Verwandte bei ihm ein. Nach der Tradition darf jeder der Ankömmlinge damit rechnen, Versorgung und Unterbringung zu finden. Solche Gastfreundschaft ist auf dem Land normal: Die Nahrung kommt von den Erträgen der Felder, der Gast hilft mit bei den allgemeinen Arbeiten oder bringt sich irgendwie ein. Doch dieses Bild stimmt nicht mehr für die Stadt: Dort muss alles bezahlt werden, sogar das Feuerholz, die Bewohnungen sind eher klein, selbst wenn jemand eine Villa besitzen sollte. Daher haben die Stadtbewohner durchaus Vorbehalte gegenüber der traditionellen weiten Gastfreundschaft entwickelt. Bei einer Umfrage äußerte ein Befragte dies in direkter Weise: „Menschen zwischen 20 bis 30 können sich nichts zusammensparen, weil ihre Verwandten ständig Geld und Geschenke von ihnen fordern. Sparen können erst die Menschen zwischen 40 und fünfzig, weil alle ihre Parasiten schon gestorben sind.“ Aus Respekt vor der Tradition bestreiten jedoch die jungen Intellektuellen, dass die weite Gastfreundschaft ihnen beschwerlich falle. Aber es ist allgemein bekannt, dass viele Beamte Einsätze außerhalb ihres Ursprungslandes vorziehen, um der Bedrängung durch die Verwandtschaft zu entgehen. Die Sorge fällt damit auf die Frauen zurück, die gelegentlich ihre Müdigkeit gegenüber den Ansprüchen erklären, vor allem, wenn es sich um Verwandte des Ehemannes handelt. Einige, die etwas offener sind, erklären sogar, dass die eheliche Intimität durch solche Umstände schwer gestört wird. Die afrikanische Großfamilie bürdet also dem Individuum manche Lasten auf. Die Solidarität ist jedoch vorbildlich: Sie sichert allen, auch den Kranken, Schwachen und Alten, die lebensnotwendige Unterstützung. Was vielleicht sogar noch wichtiger ist: Sie gibt allen ein Gefühl, nach dem sich alle sehnen: nämlich das der Sicherheit für Gegenwart und Zukunft. Diese Vorteile werden freilich bezahlt durch Entmündigung und Zwänge, welche ein tatkräftiges Individuum, das vorankommen will, nicht ermutigen. Früher war das ohne Belang, doch mit den modernen Lebensgewohnheiten, mit der Öffnung für ausländische Kulturen, mit der Erfahrung des Stadtlebens werden diese Einschränkungen zunehmend zur Belastung.

 

Familie und Haushalt

Von der Familie muss der einzelne Haushalt unterschieden werden. In der westlichen Welt besteht ein Haushalt aus Vater, Mutter und den unverheirateten Kindern. Neuere Untersuchungen bestätigen, dass diese Bindungen auch nach der Volljährigkeit fortdauern. Doch der Bezug zu den Seitenlinien verblasst nach zwei oder drei Generationen. In Schwarzafrika sieht diese Situation ganz anders aus: die Familie entspricht der Abstammungslinie. Alle, die dem gleichen Ursprung entstammen, bleiben einander verbunden und wollen das Weiterleben des Clans sichern. Dieser Versuch muss teilweise eine Illusion bleiben. Denn nach ein oder zwei Jahrhunderten werden die Nachkommen zu zahlreich, um noch an einem Ort zu wohnen. So entstehen neue Dörfer, die in der Theorie noch Beziehungen mit dem Ursprungsdorf unterhalten. Gelegentlich sind die Dörfer derart zerstreut, dass die Beziehungen in Vergessenheit geraten. Doch oft finden sich afrikanische Besucher ein, die ihren Stammbaum erläutern. Diese Stammbäume haben eine rituelle Bedeutung, die jede Form von Inzest verhindern soll, der als schweres Vergehen angesehen wird, selbst wenn er unfreiwillig geschieht. Doch bei vielen Bevölkerungsschichten bleibt eine starke Sehnsucht nach einer Zusammenführung des Clans wie die Erinnerung an ein goldenes Zeitalter.

Gelegentlich werden solche Tendenzen durch das Erbrecht unterstützt. Afrikaner schätzen nicht die juristischen Lösungen, die sie als einschränkend empfinden. Meistens versuchen sie einen Erbfall im Sinne der Billigkeit zu regeln. Denn das Erstgeburtsrecht oder das vorzugweise Erbrecht männlicher Nachkommen werden als zu starr angesehen. Stattdessen wird bei der Erbfolge eher eine Nachfolge gesucht, um zu verhindern, um zu verhindern, dass sich bei jedem Tod eines Familienclans die einzelne Linien aufspalten. In solchen Fällen wird es oft als unangemessen angesehen, wenn einem jüngeren Neffen Autorität gegenüber dem älteren Onkel eingeräumt würde. Stattdessen sucht man nach Kompromissen: an der Seite des Clanchefs erhält ein Älterer eine Beratungsrolle oder übt eine Priesterrolle aus. In den ursprünglichen afrikanischen Traditionen geht die Rolle des Familienchefs auf den ältesten Überlebenden der ältesten Generation über. Das lässt sich gut aus den Grundprinzipien des Ahnenkultes erklären: Die älteste Generation steht den Verstorbenen am nächsten, damit auch dem Jenseits, und ist aufgrund dieser Nähe mit besonderen Kräften ausgestattet.

Der Übergang an Gütern ist meistens auch gar kein Problem: Das weltliche Gut eines afrikanischen Kleinbauern ist meist bescheiden. Der Grundbesitz hat in schwach besiedelten Landstrichen auch wenig Wert. Man unterscheidet dabei manchmal zwischen Gemeinschaftseigentum an Grund, das vom Clanchef vergeben wird, und irgendjemand fest zugewiesenem Grund, hauptsächlich wenn dort langlebige Kulturen angepflanzt wurden. Wichtiger als der Besitz ist die Frage noch der Kontrolle über ein Gebiet und des Rechtes, Personen Weisungen zu erteilen.

Wenn man sich derart bemüht, der Abstammungslinie Dauer zu verschaffen und größere Familienclans zusammenzuhalten, können Gruppen an die hundert Mitglieder oder noch mehr entstehen. Daher gehen üblicherweise die jeweils geltenden Bräuche dahin, die Zugehörigkeit irgendwie einzugrenzen, was durch die Beschränkung auf eine Abstammungslinie, die väterliche oder mütterliche, geschieht. Die Gemeinschaften mit Vaterrecht passen dort besonders gut, wo der Wohnsitz des Vaters Familienzentrum ist. Dennoch sind Familien mit Mutterrecht weit verbreitet. In den meisten Fällen kann man dabei jedoch nicht von einem „Matriarchat“ sprechen, da die Kindesaufsicht einem Mann vorbehalten bleibt, nämlich den Brüdern der Mutter.

Das beschriebene afrikanische Familiensystem verträgt sich wohl besser mit der Polygamie als mit der Monogamie. Die monogamische Ehe bringt von ihrer Anlage her eine durchaus etwas eifersüchtige Einengung auf die Kernfamilie. Dabei bilden Mutter, Vater und Kinder eine in sich geschlossene Gruppe. Dagegen steht bei einem polygamen System der Vater etwas außerhalb der verschiedenen Haushalte, die jede Frau mit ihren jeweiligen Kindern bildet. Zu diesen einzelnen Haushalten treten dann gelegentlich noch sonstige Mitbewohner hinzu wie Verwandte, Arbeiter oder zugewiesene Gäste.

Die Eheschließung, vor allem in ihrer polygamen Ausprägung, hat als Ziel die Hervorbringung einer zahlreichen Nachkommenschaft für die Familie. Daher werden die Interessen des einzelnen Haushalts denen des Familienclans untergeordnet. Bei Kulturen, die durch den Ahnenkult geprägt sind, wird eine zahlreiche Nachkommenschaft sogar als unerlässlich für das Überleben angesehen. Zudem spüren in diesen riesigen und nur schwach besiedelten Landstrichen die Menschen sehr tief ihre Zerbrechlichkeit, da ihre Gruppe durch die vielen möglichen Todesursachen ständig von Auslöschung bedroht ist. Vielfach nehmen sie nur sehr spät lebensbedrohende Phänomene wahr, deren Hintergründe ihr Verständnisvermögen übersteigt. Auch wenn inzwischen der medizinische Fortschritt dank Impfungen, Antibiotika usw. zu einer Zunahme der afrikanischen Bevölkerung gefährt hat, der noch katastrophale Ausmaße annehmen könnte, wünscht sie sich weiterhin zahlreiche Kinder wie zur Zeit, als die Sterblichkeitsrate noch hoch war.

Psychologisch verbindet sich daher mit der Großfamilie ein Sicherheitsgefühl, das der Kleinhaushalt – vor allem die monogamische Familie – nicht vermitteln kann, da sein Personenkreis als zu klein empfunden wird.

Einige Zahlen mögen das illustrieren. Zahlenmäßig bewegen sich die polygamen Haushalte wohl nur um 15%, finden sich mehr auf dem Land als in der Stadt, mehr in der Savane und in den tropischen Regenwäldern als in der Sahelzone. Die polygamen Verhältnisse sind meist auch reduziert auf 2-3 Ehefrauen, während nur Clanchefs bis zu mehreren Dutzend Ehefrauen vereinen. Da wie überall das zahlenmäßige Verhältnis der Geschlechter einigermaßen ausgeglichen ist, führt dieses System zu einem recht hohen Anteil männlicher Junggesellen (um 20%).

Zu den Problemen, die Polygamie mit sich bringt, gehört auch die hohe Instabilität der Haushalte: viele Frauen verlassen ihren Mann, ob mit oder ohne juristische Scheidung, wollen nicht mehr heiraten und leben lieber im Konkubinat.

BinetTchadEntgegen weit verbreiteter Auffassungen sind mono- oder polygame Lebensformen keine geschlossenen wirtschaftlichen Einheiten. Vielmehr bringt jeder seine Ernte selbst ein, verkauft und handelt nach eigenem Gutdünken. Dabei haben die Clanchefs erhebliche Vorteile: Sie verfügen über die Produkte ihrer eigenen Ernte, vor allem aber – das hat die Tradition bisher nicht berücksichtigt – zusätzlich über Produkte, die sich exportieren lassen. Denn der Patriarch besitzt zusätzliche Anbauflächen, die ihm die Züchtung von Samengut erlauben, die Verköstigung von Gästen, das Angebot von manchmal einer Mahlzeit pro Woche für seine gesamte Familie, die Ausgabe von Nahrungsmitteln während Zeiten der Knappheit, in denen die neue Ernte noch nicht eingebracht wurde. Diese traditionelle Sitte sicherte dem Clanchef seine Führungsrolle in einer nicht-monetären Gesellschaft. Wer die Verfügungsgewalt über die Hirse besaß, hatte auch die Macht inne. Die Geldwirtschaft hat jedoch diese Struktur aus dem Gleichgewicht gebracht: Wenn man die traditionellen Gebräuche ernst nimmt, dann müsste das Geld bei dem bleiben, der es verdient hat. Dann könnten sich die Leiter der Familienhaushalte verstärkt vom Patriarchen emanzipieren und junge Leute und Frauen mehr Unabhängigkeit vom Haushaltsleiter gewinnen

 

Familie und globale Gesellschaft

BinetprofessionAls Zusammenfassung von Individuen und Haushalten sind die Familien in weiten Gebieten die einzige existierende Gesellschaftsform. Viele Stammesvölker haben keine Institutionen auf der Ebene des Gesamtstammes. Oft setzen sie sich einfach aus Familien zusammen, die ihrerseits durch gemeinsame Initiationsriten zusammengehalten werden. Oft besteht das Dorf eines Clans aus einer einzigen Familie. Selbst wenn in einem Dorf mehrere Familien vertreten sind, kann man kaum von einer größeren Organisationsstruktur sprechen: das Dorf ist einfach die Summe der Familien, wird von einem Ältestenrat geleitet oder gruppiert sich um eine Gründerfamilie herum.

In anderen Ländern entstanden Königreiche, hervorgegangen aus mittelalterlichen Staaten, die ihrerseits auf Eroberungen oder Bevölkerungswachstum beruhten. In solchen Fällen wie zum Beispiel bei den Yorubas im südlichen Nigeria, bei den Bamileken oder den Bamun im Kamerun wurde der Führer als geheiligte Persönlichkeit verehrt, der die Ahnen verkörperte oder als ein Patriarch höherer Ordnung.

Wenn eine solche Gesellschaft staatliche Formen annimmt, nehmen die Familienclans eine Art vermittelnde Position ein zwischen den dazugehörenden Familienhaushalten und dem Staat. Die Patriarchen versuchen, die äußeren Einflüsse in ihrem Sinne nach innen zu vermitteln. Sie legen Wert darauf, dass jedes Familienmitglied hinter ihnen steht. Sie bemühen sich für alle die Steuerlast zu übernehmen, damit so die Abhängigkeit, in der die ganze Großfamilie zu ihnen steht, Ausdruck findet. Mit der Aufwertung der persönlichen Freiheit und der wachsenden Mobilität entfliehen mittlerweile viele Männer und Frauen dieser Autorität der Patriarchen, auch wenn sie in ihrem neuen Umfeld Gruppen bilden, deren Struktur dem Familienclan ähnelt, den sie hinter sich gelassen haben.

Unter den Völkern, bei denen der Ahnenkult im Vordergrund steht, ist die Großfamilie vor allem auch eine religiöse Gemeinschaft. Jede Familie wird dadurch definiert, dass sie ihre eigenen Ahnen besitzt, die nichts mit den Ahnen der benachbarten Familien gemeinsam haben. Gelegentlich gibt es jedoch Stammeskulte, welche alle Familienahnen zusammenführen, oder Clanchefs, die ihre Vorfahren auf die Ahnen einer ganzen Bevölkerung zurückgehen lassen und so einen nationalen Kult begründen.

In islamischen Gebieten konstruieren Familien eine eigene Kultstätte, indem sie mit Sand gefüllte Stellen mit Steinen umgeben. Doch findet im Islam – ebenso wie im Christentum – die afrikanische Großfamilie kein philosophisches oder liturgisches Milieu, das ihr so recht zusagen würde: Der Islam legt den Schwerpunkt auf die Gesamtgemeinschaft der Gläubigen und das Christentum auf die Menschheitsfamilie. Dagegen würde die afrikanische Großfamilie sich gerne ganz auf sich selbst konzentrieren.

In der modernen Welt bildet die afrikanische Großfamilie ein Gegengewicht zur Entstehung sozialer Klassen. Denn das Verwandtschaftsnetz ist so groß, dass jeder reiche Mensch Bruder oder Cousin zu irgendeinem armen Menschen ist. Er kann diese Bindungen nicht einfach abstreifen, selbst wenn er es wollte, und nur noch Beziehungen zur eigenen sozialen Klasse pflegen. Dennoch spürt man in diesem Gewebe schon erste Risse: Ein Filmregisseur wie Ousmane Sembene führt in Filmen wie Xala oder Mandabi den Egoismus der herrschenden Klassen vor.

Damit zeigt sich uns die afrikanische Familie als ein einzigartiges soziales Gebilde, das sich von den Einzelhaushalten des modernen Westens und selbst zur europäischen Großfamilie früherer Zeiten tiefgehend unterscheidet, deren wirtschaftliche und menschliche Bedeutung doch enorm war. Allerdings wird sie in ihrer Wurzel schon angenagt von den Autonomiebestrebungen der einzelnen Familienmitglieder und der dazugehörenden Haushalte, während staatliche Stellen, vor allem die Regionalverwaltungen und die Gerichte, eine vorrangige Autorität gegenüber der Familie beanspruchen.

Alle Beobachter haben bisher die Macht und die Harmonie der Großfamilien hervorgehoben und wie sie den Menschen einen Hafen der Geborgenheit bietet. Aber ist sie flexibel genug, um sich neueren Tendenzen anpassen zu können? Der Hochschulabsolvent, der gerade seine Ausbildung abgeschlossen hat, der Rückkehrer, der in der Stadt gelebt hat, der Landwirt, der eine Kaffeeplantage angepflanzt hat, sie alle stellen die Familie vor unbekannte Probleme. Darüberhinaus wollen die Parteien gerade solche Energien fördern und sprechen die jungen Menschen direkt an über die Köpfe der Patriarchen und Älteren hinweg. Schon findet man ältere Menschen, die verlassen wurden. Katholische Initiativen wurden eingerichtet, welche die Christen ermutigen, sich für verarmte alte Menschen einzusetzen. Vor zwanzig Jahren war eine solche Erscheinung noch undenkbar: Damals herrschten noch die Alten mit schwerer Hand über alle Menschen.

Die afrikanischen Gesellschaften stehen also vor der Notwendigkeit, sich möglichst rasch zu erneuern. Die politischen Führer unterstreichen das Bestreben nach „Negritude“, also bewusst einen authentisch afrikanischen Weg zu gehen. Dabei müssen sie dringend klären, was sie mit solchen Worten eigentlich meinen. Denn von Minute zu Minute bröckelt das Gebäude immer mehr ab. Die Großfamilie beruht auf Autorität und dem Vorrang kollektiver Interessen. Dem Eindringen neuer Kräfte, der individuellen Gewissensbildung ist sie kaum gewachsen. Helfen kann nur, dass die Autorität der Patriarchen weiterhin geachtet wird, dass der Respekt sich mit Zuneigung verbindet, dass Gehorsam nicht als Widerspruch zu freier Selbstentfaltung gesehen wird, dass der Einsatz für die Gemeinschaft in Einklang gebracht wird mit der Wertschätzung und Hochachtung für die einzelne Persönlichkeit.

 

 

[1] Französischer Originaltext: Jacques Binet, « Nature et limites de la famille en Afrique noire », dans Études scientifiques, p. 5, septembre-décembre 1979. http://horizon.documentation. ird.fr/exl-doc/pleins_textes/pleins_textes_5/b_fdi_04-05/03802.pdf.