Abt Jean-Pierre Longeat OSB
Präsident der AIM

Reisen in Lateinamerika
Juni und Juli 2017

 

Während der letzten Monate konnte ich erstmals Lateinamerika in der Gestalt zweier Länder kennenlernen, nämlich Peru und Kolumbien. Ich war tief beeindruckt von der landschaftlichen Schönheit, aber auch von der kulturellen Verwurzelung in uralten Traditionen, die eine edle und tiefe Wirkung ausstrahlen. Bei meinem Aufenthalt konnte ich verschiedene Klöster besuchen und an einer Versammlung der ABECCA teilnehmen.

 

Reise nach Peru

Wenn man die Hauptstadt Lima durchwandert, befindet man sich noch weit entfernt von den sehr unterschiedlichen Welten, die in Peru zu finden sind. Für dieses Land besteht die große Schwierigkeit darin, die verschiedenen Eigenheiten seiner Regionen mit den vielfältigen Kulturen des Landes zu koordinieren und in eine globale Perspektive einzuordnen, die heute solche Differenzen gegenüber wirtschaftlichen Prioritäten nachordnet. Wie also lässt sich eine nationale Identität finden, die auch in der Hauptstadt spürbar wird?

Die regierenden Kräfte gehören eher auf die konservative Seite. Der internationale Handel versucht in verschiedener Weise aus dem Land Profit zu schlagen, das sich diesem Ansinnen teils verschließt, teils aber auch weit öffnet. Dennoch ist zweifellos ein wirtschaftlicher Fortschritt zu beobachten. Peru erfährt im südamerikanischen Raum einen der stärksten Aufschwünge. Wirtschaftlich steht es im Weltindex immerhin auf Platz 50, also im vorderen Drittel der Länder des Planeten, doch steht es beim Lebensstandard der Bewohner nur auf Platz 85. Armut ist weiterhin sehr verbreitet in Peru. Das hat einen Grund im verbreiteten Schwarzhandel (60% der Bevölkerung sind davon betroffen) und in den überall spürbaren sozialen, ethnischen und geographischen Unterschieden. Volkswirtschaftlich ist das Land recht gesund und gründet seinen Aufschwung in erster Linie auf den primären Sektor, also der Produktion im Bereich von Minen, Fischfang und Landwirtschaft. Dazu kommt eine Öffnung des Landes dank einer Reihe von Freihandelsabkommen und einer Politik, einem Rechts- und Wirtschaftssystem, die gegenüber ausländischen Investitionen sehr offen sind.

Peru gehört weltweit zu den fünf größten Produzenten von Silber, Kupfer, Zink, Zinn, Blei und Gold. Auch wenn wirtschaftliche Vielfalt angestrebt wird, hängt das Land von der Ausbeutung der Bodenschätze ab. Man muss auch darauf hinweisen, dass Peru nach Kolumbien der weltweit zweitgrößte Hersteller von Kokain ist.

Im Land soll ungefähr 85% der Bevölkerung katholisch sein. Im Jahr 1980 wurde ein Konkordat des Staates mit dem Heiligen Stuhl unterzeichnet. Die Verfassung garantiert Religionsfreiheit und religiöse Minderheiten werden anerkannt, doch faktisch bestimmt die katholische Tradition das Leben. Es gibt zwar Versuche, eine mehr säkulare Form zu finden, doch ist es schwer, dabei ein Gleichgewicht zu finden. Es ist interessant zu beobachten, wie sich die Klöster in diese gesellschaften Vorgängen einordnen.

 

Pachacamac

AmLatPachacamacDas Kloster befindet etwas außerhalb der Stadt Pachacamac und wird in reizvoller Weise von einigen kleinen Bergen umgeben. Die Gründung ging vor ungefähr fünfzig Jahren von der englischen Abtei Belmont aus. Im Alltag wird die monastische Tradition in recht klassischer Form in einem Gleichgewicht von Arbeit, Gebet und Gastfreundschaft gelebt. In Peru gibt es neben diesem Kloster noch einige andere benediktinische Gemeinschaften: die Schwestern von Tyburn in Sechura, dann die Schwestern von Morropón, die mehr apostolisch nach außen gehen, und schließlich die Männerklöster von Naña und Chucuito mit einem ganz eigenen Charisma, auf die ich später noch zu sprechen kommen werde.

In Pachacamac leben sieben Mönche, die alle Peruaner mit Ausnahme eines Engländers sind, der seit den Anfängen des Klosters, damals noch in Piura, in Peru lebt. Immer wieder klopfen Kandidaten an, von denen sich einige während meines Aufenthalts auch im Kloster aufhielten und in der nächsten Zeit eintreten sollten.

Die Atmosphäre des Schweigens, die überall herrscht, ist bemerkenswert. Der Tagesablauf gliedert sich wie folgt: Vigil um 4.40 Uhr, Laudes mit anschließender Messe um 7.00 Uhr (getrennt durch eine lectio-Zeit), dann Frühstück, um 12.00 Uhr die Mittagshore, 12.30 Uhr Mittagessen, 17.30 Uhr Vesper, 19.00 Uhr Abendessen, dann Rekreation und Komplet.

Wie Prior Alex Echeandía berichtet, ist das monastische Leben bislang noch wenig in Peru verwurzelt. Das Ordensleben war hier wie in den anderen Ländern des Kontinents bisher immer apostolisch und missionarisch ausgerichtet, so dass weder der Klerus noch die Gläubigen eine rechte Vorstellung vom Anliegen der Mönche und ihrem Charisma haben. Sogar bei Bischöfen findet man diese Unkenntnis. Nötig wäre daher mehr Aufklärung und Vertiefung hinsichtlich der monastischen Tradition. Prior Alex versteht das Klosterleben als privilegierten Ort, wo man in die Tiefen des Glaubens eintauchen und diesen so weiterentwickeln kann. Nach seiner Auffassung braucht die Kirche in Peru einen solchen Ort, vor allem da die Peruaner durchaus eine kontemplative Anlage haben. Er hat sich daher für Pachacamac zum Ziel gesetzt, diese Anliegen in einem größeren Rahmen weiterzugeben.

Prior Alex ist auch ein bemerkenswerter Ikonenschreiber. Er bietet Einkehrtage im eigenen Kloster an und gelegentlich auch auswärtige Kurse.

 

Naña und Chucuito

AmLatNanaAufgrund der weiten Entfernungen konnte ich nur einige der peruanischen Gemeinschaften besuchen. Doch reichte die Zeit für einen Besuch in Ňaña, das in der Nähe von Lima gelegen ist, und vor ungefähr fünfzig Jahren von der belgischen Kongregation der Verkündigung gegründet wurde. Dort traf ich den Präsidenten der Kongregation, den Obereren des belgischen Gründungsklosters Wavreumont und zwei belgische Mönche, die in dieser Gemeinschaft präsent sind ebenso wie in der zweiten Gründung Chucuito am Titicaca-See bei Puno. An diesen Orten haben die belgischen Mönche Lebensformen angeregt, bei denen sie mit Laien zusammenleben. Damit wollen sie Brücken zur Bevölkerung schlagen, vor allem den Armen nahe sein, und in vielerlei Hinsicht ein Ort des Dialogs mit den Kulturen der Anden werden. Die zwei Mönche, die dafür verantwortlich sind, heißen Pater Bernard de Briey und Pater Simon Pierre Arnold. Der erstere nimmt die Priorenstelle ein und der zweite hat einige beachtliche Bücher verfasst. Sie vertreten eine Art Befreiungstheologie, doch ohne radikale Stoßrichtung. Kloster Ňaña kann dieses Jahr sein fünfzigjähriges goldenes Jubiläum begehen, während Chucuito auf 25 Jahre Bestehen zurückblickt. Unausweichlich stellt sich die Frage, was die Zukunft bringen wird. Eine Überlebenschance könnte sich durch die Entsendung von Benediktinern oder Benediktinerinnen aus anderen Klöstern der Welt ergeben, selbst wenn sie nur für eine begrenzte Zeit in Peru leben würden. So könnten sie ein Projekt unterstützen, das nach meinem Eindruck einen Symbolcharakter für Lateinamerika besitzt. Die Mönche haben auch gerade ein Buch veröffentlicht, das ihre Erfahrungen dokumentiert und bekannt machen soll.

 

Lurín

Auf meiner Reise besuchte ich auch eine Klarissengemeinschaft, die das Kloster der Zisterzienserinnen von Lurín übernommen hat. Die Zisterzienserinnen haben sich aus Altersgründen wieder in ihr spanisches Gründungskloster zurückgezogen, wobei eine von ihnen nach Ňaña übergesiedelt ist. Die Klarissen von Lurín sind nur acht, doch alle sehr jung, die in einem riesigen Baukomplex leben. Wie werden sie dort ihr Leben gestalten? Die Frage lässt sich zur Zeit noch nicht beantworten.

Wenn man nach Peru fährt, muss man auch Cuzco und den Machu Picchu besuchen. Die Gelegenheit bot sich und die Exkursion hat mich tief beeindruckt: Ich traf auf eine uralte Kultur, die sich in tiefem Einklang mit der Natur befindet. Wenn man einige Tagen an diesen Orten verbringt, so kann das durchaus auch zu einer spirituellen Erfahrung werden.

 

Reise nach Kolumbien

Einen Monat später brach ich nach Kolumbien auf. Ich wurde von Nathalie Raymond als Übersetzerin begleitet, die zehn Jahre in Südamerika als Lehrerin für Geschichte und Geographie und als Projektleiterin verbracht hat und gerade von Vietnam zurückkam, wo sie über sechs Monate hinweg den Mönche von Thien Binh Französisch- und Englischunterricht erteilt hat. Sie steht mit diesen Unternehmen der AIM nahe und hilft uns sehr.

Die kolumbanische Landeshauptstadt Bogotá unterscheidet sich beträchtlich von Lima: Überall, selbst im Zentrum der Stadt, ist die von einem frischen Grün geprägte Natur präsent, die Einwohner wirken heiter ungeachtet der Gewalt und dem Drogenhandel, die dem Land nachgesagt werden. Der Verkehr fließt zügig und die Autofahrer vermeiden überflüssige Risiken. Sofort nach der Ankunft in Bogotá fliegen wir nach Medellín weiter, um von dort aus Kloster Guatapé zu besuchen. Prior-Administrator Humberto Ricón erwartet uns bereits am Flugplatz. Die Landschaft ist von beeindruckender Schönheit und wir erfreuen uns während der Fahrt am strahlenden Sonnenschein. Dank unserer Übersetzerin Nathalie können wir uns gut verständigen.

 

AmLatGuatapeLacKloster Santa María de la Epifanía in Guatapé

Bei unserer Fahrt zum Kloster passieren wir den See von Guatapé, auf dem gerade zahlreiche Boote unterwegs sind, und sehen dabei auch einen gewaltigen Felsen, den „Piedra d’El Peñol“, der für die ganze Region eine Touristenattraktion darstellt. Die Klosteranlage selbst erweist sich als Ensemble nüchterner, aber geschmackvoll erstellter Bauten. Die Errichtung ist vor nicht allzu langer Zeit erfolgt, da die Mönche erst 1976 aus der lauten Hauptstadt Bogotá, wo sie seit 1968 im Stadtbezirk Usmé wohnten, hierher geflüchtet sind.

Die Kirche folgt dem klassischen Grundriss einer Basilika. Die Wände sind in einer sanften Ockerfarbe gehalten, die zur ruhigen und heiteren Ausstrahlung beiträgt. Die Mönche folgen beim Stundengebet dem Schema B der Psalmenverteilung, wobei eine Orgelbegleitung dabei hilft, den Ton zu halten.

Das Abendessen verläuft in schlichter Form, anschließend folgt das gemeinsame Geschirrspülen und die Rekreation, bei der ich einige Mönche kennenlerne. Nach der Komplet falle ich ins Bett, wache aber immer wieder auf. Die Glocke weckt mich am Donnerstag, den 4. Juli, bereits um 4.00 Uhr zur Matutin. Dann folgt die Vigil um 4.30 Uhr. Die Gemeinschaft lässt sich dabei Zeit und wirkt in sich ruhend. Nach der Vigil ist eine Stunde Zeit für lectio divina oder persönliches Gebet. Dann werden um 6.45 Uhr die Laudes gebeten und anschließend die Eucharistie gefeiert.

AmLatGuatapeDas Kloster liegt in den kolumbanischen Anden auf ungefähr 2000 Meter über dem Meer, wird von einem naturgeschützten Wald umgeben und befindet sich an der Talsohle des großen Guatapé-Staudamms. Im Kloster leben 24 Mönche im Alter von 25 bis 86 Jahren nach der Regel des hl. Benedikt.

Die Gründung geht auf das Jahr 1968 zurück, als zehn Mönche aus Envigado bei Medellín nach Usme geschickt wurden, einem südlichen Stadtteil von Bogotá. 1987 wurde das Kloster zum Konventualpriorat erhoben und als erster Konventualprior Lorenzo Ferrer gewählt, der das Gemeinschaftsleben seit der Gründung geprägt hatte. An Ostern 1992 entschloss sich die Gemeinschaft, einen anderen Standort zu suchen. Sie lebte zunächst in einer Übergangsunterkunft, bis dann schließlich das jetzige Gelände erworben werden konnte. Es befindet sich auf der Gemarkung von Guatapé, ungefähr 50 km von der Stadt Medellín, kann mit einer Durchschnittstemperatur von 20° rechnen und liegt ungefähr 4 km vom Hauptpark Guatapés entfernt.

Am 11. Juli 1995 wurde der Grundstein gelegt. Der Grundriss folgt dem traditionellen Klosterschema: An die Basilika fügt sich seitlich ein Kreuzgang an, der von den klösterlichen Räumen umgeben wird. Von der Größe ist es für ca. 30 Mönche angelegt und kann ca. 12 Gäste aufnehmen. Es gibt einige größere Räume, in denen Besuchergruppen für Tagesaufenthalte unterkommen können, bei denen sie sich auf Liturgie, Schweigen und Gebet einlassen.

1998 wurde die Anlage von Diözesanbischof eingeweiht unter Teilnahme der örtlichen Bevölkerung und vieler Freunde der Gemeinschaft. Der Einzug erfolgte im März und im folgenden Jahr, am 31. Juli, wurde das Kloster zur Abtei erhoben. Als erster Abt wurde am 31. August Pater Guillermo L. Arboleda gewählt, womit eine neue Phase des Gemeinschaftslebens begann.

Bei der Abendrekreation saß ich mit einem älteren Mönch zusammen, der viel von den Anfangsjahren zu berichten wusste.

 

Kloster Envigado, Medellín

AmLatEnvigadoAm 7. Juli brachen wir nach Medellín auf, wobei wir über die Berge fuhren und so die Stadt von oben sehen konnten. Vor der Ankunft beim Kloster passierten wir die Schule, die ehemals von den Benediktinern betreut wurde und nun eine private Einrichtung ist. Der Stadtteil heißt immer noch „Benediktiner“. Wir erreichten dann den heutigen Standort des Klosters, wo die Benediktiner erneut eine Schule eingerichtet haben, die mit dem Kloster eine bauliche Einheit bildet.

Die Mönche wollen allerdings nicht in den jetzigen Gebäuden bleiben: Sie haben sich für die Errichtung eines neuen Klosters entschieden, das ihren Bedürfnissen besser angepasst ist, vor allem ruhiger, und in einem anderen Teil des Geländes liegen wird. Die Option, ganz aus der Stadt auszuziehen, haben sie dagegen verworfen, da eine gewisse räumliche Nähe zur Schule unabdingbar ist. Das aktuelle Kloster erhebt sich über mehrere Etagen. Die Kapelle befindet in einem unterirdischen Raum, Refektorium und Küche im Erdgeschoss. Die Mönche selbst wohnen im 3. und 4. Stockwerk. Oben gewährt eine Dachterrasse einen weiten und beeindruckenden Blick auf Medellín. Wir sehen uns die Bibliothek an, die von zwei Angestellten betreut wird.

Bei der Besichtigung der Schule können wir uns mit mehreren Lehrern und Klassen unterhalten. Leider ist unsere Zeit begrenzt. Dann besuchen wir die Schulbibliothek und das Museum, in dem vor allem eine Reihe von präkolumbianischen Objekten ausgestellt ist in einer Präsentationsweise, die für Kinder zugänglich ist.

Wir nehmen anschließend am Stundengebet teil, das dem Schema B folgt. Am Abend kehren wir nach Guatapé zurück. Das Stadtkloster folgt ganz offensichtlich einem anderen Rhythmus als das Landkloster, da sich in Medellín die Aktivitäten der Mönche um die Schule drehen. Abt Guillermo ist auch für diese Gemeinschaft zuständig und wird dort von einem Prior vertreten. Trotzdem kommt er immer wieder zu Gesprächen vorbei.

Insgesamt gibt es in Kolumbien vier Männerklöster der Benediktiner: Guatapé, Envigado, Tibatí und El Rosal, dann gibt es noch ein Kloster der Kamaldulenser im Norden von Medellín sowie eine Gemeinschaft der Benediktinerinnen von Tyburn im Gemeindegebiet von Guatapé. Das Männerkloster in Guatapé folgt am meisten einem traditionellen Schema klösterlichen Lebens. Wirtschaftlich leben Envigado und Tibatí von ihren Schulen und El Rosal von einer großen Schreinerei und Landwirtschaft.

Offensichtlich gibt es großen Nachwuchsmangel. Das hängt zu einem guten Teil mit einer verbreiteten Mentalität unter der kolumbianischen Jugend zusammen, die von Unsicherheit und Instabilität geprägt ist. Lebenslange Bindungen sind dabei kaum vorstellbar. Daneben gibt es in den persönlichen Lebensgeschichten oft tiefe Verwundungen und eine große emotionale Fragilität.

Von seiner Religiosität her ist Kolumbien traditionell geprägt. Die Gottesdienste sind gut besucht, und die Zahl der Priester und Seminaristen ist recht hoch. Die Diözese Sonsón-Rionegro, zu der Guatapé gehört, kann ca. 300 Seminaristen vorweisen, die in drei Priesterseminaren untergebracht sind. Dazu kommen ca. 600 Priester, von denen sich ca. 200 Priester außerhalb von Kolumbien im missionarischen Einsatz befinden. Trotz solcher hohen Zahlen gibt es kaum klösterliche Berufungen. Gibt es hier Zusammenhänge mit dem, was mir in Peru erzählt wurde? Die Konquistadoren brachten Missionare mit sich, während monastische Gründungen damals nicht üblich waren. Ausgenommen Brasilien sind also Klöster eine neue Erscheinung in Südamerika. Zudem gibt es für Obere und Ausbilder kaum Personen, die eine angemessene Ausbildung dafür erhalten hätten.

Die ABECCA, in der sich die Benediktiner- und Zisterzienserklöster der Karibik und der Anden zusammengeschlossen haben, organisieren Tagungen in Abständen von vier Jahren, bei denen die Klosteroberen für Vorträge zusammenkommen. Das könnte ein Ansatzpunkt für die Weiterbildung der Klöster in dieser Region sein. Dabei kann auf einen interessanten Austausch zwischen Guatapé und Pachacamac hingewiesen werden: Junge Mönche von Pachacamac (Peru) haben für ihre monastische Ausbildung einige Monate in Guatapé verbracht. Für eine Neugründung in Costa Rica, die dort dem Bischof untersteht, hat Guatapé eine Art Patenschaft übernommen. Es wäre gut, wenn solche Initiativen sich entwickeln können und daraus sich weitere Begegnungen ergeben. Dann könnte man auch besser verstehen, wie sich diese Dynamik weiter fördern lässt.

Früher hatten die Klöster Kolumbiens jährliche Zusammenkünfte mit zwei oder drei Vertretern aus jedem Kloster. Sollte diese Initiative nicht wieder aufgegriffen werden?

 

Die Benediktinerinnen von Guatapé

Nicht weit entfernt vom Männerkloster von Guatapé befindet sich die Schwesterngemeinschaft der englischen Kongregation von Tyburn. Ihr Kloster liegt noch weit isolierter mitten in den Bergen. Die Straße dorthin ist in einem erbärmlichen Zustand. Das Frauenkloster ist nach demselben Grundriss wie das Männerkloster errichtet mit einer Kirche im Basilikastil. Dies verwundert nicht, weil derselbe Architekt beide Klöster entworfen hat. Auch hier sind die Gebäude schlicht, aber edel gestaltet, wenn es auch etwas seltsam wirkt, eine solche Anlage mitten in dieser Bergeinsamkeit zu finden. Fünf Schwestern leben hier, von denen drei aus Peru stammen, eine aus Spanien und eine aus Kolumbien. Wir besichtigen das Kloster und bewundern den schönen Blick auf die Bergwelt von der Terrasse aus, die sich an der Chorseite der Kirche erstreckt. Die Gemeinschaft hat nicht wenige Besucher, die für Einzelexerzitien in der Stille kommen.

Zurück im Männerkloster finden sich am folgenden Tag beim Gottesdienst viele Gläubige ein. Einige finden sogar keinen Sitzplatz mehr angesichts des Andrangs. Man kann bei den Kirchgängern große Unterschiede beobachten: Die starke katholische Prägung ist zwar spürbar, aber die Säkularisierung hat auch vor den katholischen Ländern Südamerikas nicht haltgemacht. Auch macht sich das Aufblühen evangelischer Gemeinschaften überall bemerkbar, die inzwischen eine ernste „Konkurrenz“ für die katholische Kirche geworden ist.

 

Montag, 10. Juli

Am Nachmittag stelle ich der Gemeinschaft von Guatapé die Arbeit der AIM mittels einer Powerpoint-Präsentation vor. Es folgt eine Diskussion, die am Abend bei der Rekreation weitergeht. Die Öffnung zur Welt der benediktinischen Gemeinschaften ist für alle Beteiligten eine wichtige Hilfe für die eigenen Bemühungen. Für alle Ordensfrauen und -männer der benediktinischen Familie ist es eine schöne Überraschung, wenn sie wahrnehmen können, wie sie zu einem weltweiten Netzwerk gehören, das eine beachtliche Wirkung ausübt.

In der ersten Vesper bereiten wir uns auf das Hochfest des hl. Benedikt vor.

 

Dienstag, 11. Juli

Die Messe wird vom Prior gehalten, wobei er eine Predigt von mir verliest, um die er mich gebeten hat. Etwas ungewöhnlich, aber das mitbrüderliche Wohlwollen ist offensichtlich.

Für mich ist es der letzte Tag in Guatapé. Am Nachmittag nehme ich mir frei und gehe alleine spazieren. Dies ist meine Methode, um mich von einem Ort zu verabschieden, der mich berührt hat.

Bei der Abendrekreation folgt die Verabschiedung: Fotos werden gemacht, gegenseitige Danksagungen folgen, Versprechen, sich gegenseitig zu besuchen, und gute Wünsche.

 

Treffen der ABECCA

ABECCATibatiAm folgenden Tag fahren wir nach Bogotá, wo sich die ABECCA in einem Konferenzzentrum trifft, das von den „Dienerinnen des Herzen Jesu“ geleitet wird.

ABECCA heißt übersetzt „Asociación Benedictina-Cisterciense del Caribe y los Andes“, also Vereinigung der Benediktiner- und Zisterzienserklöster der Karibik und der Anden, also der Klöster im nördlichen Teil Lateinamerikas. Es beginnt mit einer ersten Zusammenkunft am Abend des Ankunftstages. Die Leitung liegt bei Abt Oscar Rivera vom Kloster Humacao in Puerto Rico. Er ist Interims-Präsident der Vereinigung, da die Zisterzienserpriorin Stella Venezia nicht mehr Oberin ihres Klosters La Paz in Nicagarua ist und damit auch aus ihrem Amt in der ABECCA ausgeschieden ist.

 

Donnerstag, 13. Juli

Prior Alex Echeandía vom Kloster Pachacamac in Peru spricht über benediktinisch-zisterzienische Identität: „Welche Werte sind für unsere Identität unverzichtbar?“ Anschließend bilden sich Arbeitsgruppen, die das Thema vertiefen.

Am Nachmittag folgt ein Vortrag von Sr. Mahislen von der Neugründung der italienischen Trappistinnengemeinschaft Vitorchiano in Venezuela. Sie spricht kompetent über den Zusammenhang zwischen klösterlichem Leben und mystischer Erfahrung. Es folgt eine angeregte Diskussion.

 

Freitag, 14. Juli

Es beginnt mit einem Vortrag von Prior Marco Antonio Maldonaldo vom Trappistenkloster Jacona in Mexiko. Er spricht zu uns über das Thema: „Wie können wir im digitalen Bereich unsere Identität mitteilen und wie können wir das Internet dazu einsetzen, um monastische Werte heute und morgen weiterzugeben?“

Am Nachmittag spricht eine Sr. Marta Inés Restrepo von den „Schwestern der Gesellschaft Mariens“ darüber, wie eine Hinführung zu reiner Liebe für Männer und Frauen heute aussehen kann. Sie hat Psychologie in Europa studiert, vor allem am „Theologischen Institut“ in Brüssel und sieht sich von der französischen Psychoanalytikerin Françoise Dolto geprägt. Doch zeigen ihre Darlegungen, dass sie eigene Zugänge gefunden hat, die in einem gesunden Gleichgewicht stehen.

Am Abend stelle ich AIM vor. Einer der Zuhörer sagt, dass es für ihn geradezu eine Offenbarung sei, wenn er sich vorstelle, dass das weltweite Wirken wie leuchtende Lichter in der Nacht zu verstehen sei. Jeder wird gebeten, sich für wachsende Geschwisterlichkeit und Solidarität zwischen den alten und neuen, reichen und armen Klöstern einzusetzen, so wie es jedem möglich ist.

 

Samstag, 15. Juli

Am Morgen brechen wir zum Kloster El Rosal auf, das zur Benediktinerkongregation von St. Ottilien gehört. Die Busfahrt dauert zwei Stunden. Mein Sitznachbar ist Pater Jacques Missihoun, Prior einer benedikinischen Neugründung in Kuba, der mir von seinen dortigen Erfahrungen berichtet. Er selbst stammt aus dem Togo und musste sich für seinen Einsatz in Kuba kulturell sehr umstellen. Ich bin beeindruckt von seiner Darstellung und bewundere im Stillen solche Mönchspioniere, von denen viel Selbstdisziplin abverlangt wird. Die Entwicklung dieser Neugründung geht nur langsam voran, auch wenn Kongregationspräses Jeremias Schröder in der vorhergehenden Woche einige neuere Errungenschaften einweihen konnte.

Wir erreichen das schöne Kloster El Rosal, wo ich am Ende meiner Reise noch einige Zeit unterkommen werde. Nach einer Besichtigungstour fahren wir weiter zur Stadt Zipaquira, wo wir die Salzkathedrale ansehen. Es handelt sich um eine große Salzmine, in die ein riesiges Kirchenschiff einschließlich zweier Seitenschiffe hineingeschlagen wurde. Die Stimmung in diesem Raum ist eigentümlich. Man würde gerne länger hier verweilen, doch wir befinden uns an einer lateinamerikanischen Touristenattraktion, so dass Stille und weihevolle Stimmung wenig Chancen haben.

 

Sonntag, 16. Juli

ABECCApresidentteNach Laudes und Frühstück findet eine offizielle Versammlung der ABECCA statt, bei der Zukunftsfragen anstehen. Abt Oscar Rivera bittet um Entlastung von seinem Präsidentenamt, das er in der Interimszeit gut verwaltet hat. Nach einem fruchtbaren Austausch wird schließlich Prior Alex Echeandía von Pachacamac zum neuen Präsident gewählt und zu seiner Vertreterin die Generalsuperiorin der mexikanischen Katechistinnen von der Allerheiligsten Jungfrau Maria (Hermanas catequistas de María Santísima). Pater Javier Esteban López von Tibatí übernimmt das Sekretariat, während Abt Oscar sich weiterhin als Schatzmeister betätigen will. Die Wahlen laufen in bester Stimmung ab und das gewählte Team wirkt ausgesprochen dynamisch und engagiert.

Am späten Vormittag brechen wir nach Tibatí auf, wo wir Gottesdienst in der großen Schulkirche feiern. Die Klosterschule genießt einen guten Ruf in der ganzen Region und viele Verantwortungsträger Kolumbiens sind von dort hervorgegangen.

Nach einer Klosterbesichtigung essen wir im großen Schulspeisesaal, da über das Wochenende die Schüler nach Hause gefahren sind. Am Abend fahre ich weiter nach El Rosal mit dem dortigen Prior. Nach der Unterkunft im Gästehaus esse ich mit der Gemeinschaft zu Abend. Wir singen gemeinsam die Komplet und fallen dann in die Betten für eine ausgesprochen erholsame Nachtruhe.

Das Priorat El Rosal zählt zur Benediktinerkongregation von St. Ottilien. Es wurde im Jahr 1961 von der venezolanischen Gemeinschaft Caracas (heute Güigüe) gegründet. Der heutige Klosterkomplex umfasst unter anderem ein Gästehaus mit 17 Zimmern. Die dort untergebrachten Gäste sind ganz unterschiedlich. Das Stundengebet folgt dem römischen Brevier. Der friedliche Aufenthalt und der Austausch in mitbrüderlicher Atmosphäre gaben mir einen weiteren Einblick in das Klosterleben Kolumbiens.

Wie mir der Prior erzählte, versuchen die Mönche ihre Gäste in das klösterliche Familienleben einzugliedern, beispielsweise indem diese im Refektorium mitessen. Dieser offene Stil scheint der Gemeinschaft zukunftsweisend. Einige Kandidaten werden erwartet.

AmLatElRosalMenuiserieDie Schreinerei ist profitabel, obwohl mehrere Angestellte beschäftigt werden. Die Gemeinschaft ist in ihrem Umgang angenehm bodenständig, so dass man sich wohl fühlt. Sie ist spürbar von ihrem deutschen Hintergrund geprägt, auch wenn sie sich sehr um ein gutes Verhältnis zur Bevölkerung bemüht. Während meines Aufenthaltes trafen sich die Kongregationsoberen aus dem zwei Amerikas zu einem Regionaltreffen. Ich konnte mit allen sprechen und so wertvolle Informationen beispielsweise über die Situation in Venezuela erhalten oder über Kloster Newton in den USA, das von koreanischen Mönchen der Kongregation übernommen wurde, nachdem die amerikanischen Mönche aus Altersgründen nicht mehr weitermachen konnten.

Für mich war der Aufenthalt in Lateinamerika sehr aufschlussreich, da ich bisher noch nie dort gewesen war. Die dort gemachten Entdeckungen waren für mich eine Offenbarung und ich habe die besuchten Klöster an mein Herz geschlossen.

Das Treffen der brasilianischen Klöster (CIMBRA) wird im November 2017 stattfinden. Dort werde ich meine Erkundung des Kontinents und seiner Klöster weiterführen und auch den südlichen Teil Lateinamerikas (Cono Sur) aufsuchen, dessen Klöster gleichfalls einen Zusammenschluss gebildet haben. 2019 werde ich auch zur EMLA in Argentinien dazustoßen, der Gesamtversammlung aller Klöster Lateinamerikas. Bleiben wir dieser großen Familie verbunden, die dem Wohl aller Klöster dient und sich von der Gnade des Evangeliums tragen lässt!