Veronica McDougall OSB
Sidney (Australien)

 

Lectio divina in der Familie
und mit den Armen

 

 

GoodSamLogoDie Benediktinerinnenkongregation vom Barmherzigen Samariter (Sisters of the Good Samaritan of the Order of St. Benedict) wurde 1857 durch Erzbischof John Bede Polding OSB (1794-1877) in Australien gegründet. Die tägliche Praxis der lectio divina und das Stundengebet lehren uns Barmherzigkeit und die Suche nach Gerechtigkeit für Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben. Vor diesem Hintergrund möchte ich einige Beispiele bieten, wie man mit Leuten in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen eine Form von lectio divina durchführen kann, die ihnen und auch uns hilft, unsere Gottesbeziehung zu vertiefen.

So gehen die Schwestern von Kloster Abaokoro in North Tarawa, Kiribati, jeden Mittwochabend in das benachbarte Dorf, um dort mit Kindern und Eltern, Familien und Senioren auf dem Maneaba (öffentlicher Treffpunkt) lectio divina durchzuführen.

Sr. Juniko in Temaiku, South Tarawa, Kiribati, bietet im Rahmen des Kiribati Pastoralinstituts (KPI) einen Kurs lectio divina für Studentinnen an, mit denen sie sich einmal die Woche trifft. Dabei treffen sich junge Frauen, die am Ordensleben interessiert sind, jeden Dienstag nach dem Unterricht. Die Teilnehmer sitzen dabei im Freien, hören erst einer Lesung des kommenden Sonntagsevangeliums zu und meditieren darüber. Nach einer zweiten Verlesung „beten sie über den Worten, die zu ihren Leben und Herzen sprechen“. Manchmal äußert sich Juniko als erste und lädt danach die anderen ein, ihre Bibeleindrücke zu teilen. Nicht alle wollen sich mitteilen, aber alle hören gerne zu. Am Schluss endet das Gespräch mit einem Marienlied und einem kurzen Gebet.

Die Studentinnen des KPI stammen von den verschiedenen Korallenatollen, aus denen die Republik Kiribati besteht. Die Menschen dort hängen vollständig vom Meer ab, das ihnen den Lebensunterhalt und die Befriedigung der Grundbedürfnisse ermöglicht. Die Lebensbedingungen sind schwierig. Beispielsweise gibt es immer weniger Frischwasser, weil aufgrund des Klimawandels der Meeresspiegel steigt und damit die Versalzung des Wassers zunimmt. So hängen die Bewohner von Einfuhren aus benachbarten Ländern wie Australien, Neu Seeland und Fiji ab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1948, siedelten Schwestern von Australien nach Japan über, um dort bei der Aufbauarbeit zu helfen. Von ihrem Kloster in Nara aus bieten sie Bibelkurse im Kloster selbst und in den Pfarreien an. Darin eingeschlossen sind auch Einführungen in die lectio divina. Einige der Schwestern kümmern sich um Opfer der Erdbeben in Fukushima. Sr. Haruko Morikawa, die mit den Menschen dort zusammenarbeitet, berichtet: „Ich biete Sonntags lectio divina für Christen und Nicht-Christen an. Alle Teilnehmer wollen gerne beten und sich dabei vom Evangelium inspirieren lassen. Wenn sie über die Worte des Evangeliums sprechen, können sie ihre Traumata und Sorgen einfließen und sich von der Gemeinschaft Hoffnung zusprechen lassen.“ Jede Nachricht beten die freiwilligen Helfer: „Wir erfahren um uns herum Angst, Sorge und Hoffnungslosigkeit. Wir spüren, dass die Hoffnung nur von Gott wieder geschenkt werden kann.“

Die Gemeinschaften des Barmherzigen Samariters in Bacolod (Philippinen) dienen den Menschen, indem sie Squattern und Gefangenen beistehen. Sr. Leonie Duenas führt in der Schule zum Barmherzigen Samariter vierbis fünfjährige Kinder in die Bibel als Vorbereitung auf die Sonntagslesungen ein. Die Kinder hören dabei die biblischen Worte in ihrer eigenen Sprache. Dann kann jedes Kind, das möchte, den anderen ein Wort oder einen Satz wiederholen, von dem es beeindruckt war.

Sr. Anne Dixon besucht Menschen in den Gefängnissen von Bacolod. „Im Gefängnis praktiziere ich jeden Freitagnachmittag mit ungefähr 30 Frauen lectio divina. Dabei lesen wir das Sonntagsevangelium drei Mal hintereinander, wobei jedes Mal eine andere Frau liest. Nach der dritten Lektüre nennt jede Frau ein Wort oder einen Satz, der für sie wichtig war. Dann folgt eine Zeit der Stille und anschließend kann jede Teilnehmerin ihre Gedanken äußern zu dem von ihr hervorgehobenen Wort oder Satz. Wir enden mit frohen Liedern, manchmal tanzen wir auch, wobei das meist von den anderen ausgeht, manchmal aber auch von mir! Ich habe den Eindruck, es braucht solche Fröhlichkeit, nachdem man so ernste Gespräche geführt hat.“

Sr. Anne führte diesen Ablauf ein, nachdem sie über zwei Jahre hinweg ein eher formloses Bibelteilen betrieben hatte, wobei die Frauen sich und ihr nähergekommen waren. Sie sprechen dabei im örtlichen Dialekt, weil „bei einem Teilen mit dem Herzen, muss das Herz sich in der eigenen Sprache äußern dürfen.“ Anne macht dabei überraschende Beobachtungen: „Viele weinen, wenn sie ihre Eindrücke weitergeben. Für sie ist das Bibelteilen mit vielen Gefühlen verbunden, weil sie sofort eigene Erfahrungen damit verbinden, ihre Vergehen, ihre Familien und ihre Gefängniserfahrungen. Jede kann die Erfahrungen der anderen nachvollziehen, so dass nicht nur die Erzählerin alleine weint. Es ist eine Zeit des gegenseitigen Wohlwollens, das dabei hilft mit der bedrückenden Wirklichkeit fertigzuwerden, in der dreißig Frauen auf engstem Raum zusammenleben müssen.“ Diese Frauen haben sich über viele Jahre keine Gedanken über Gottes Liebe gemacht, fangen jetzt aber in ihrer Bedrängnis an, innerlich zu reifen. Das Geschenk der regelmäßigen lectio divina besteht für sie darin, dass sie offen werden für Gottes bedingungslose Liebe zu ihnen, ganz unabhängig davon, was sie jeweils begangen haben. Wenn Anne am Freitag nicht kommen kann, führen die Frauen ohne sie lectio divina durch, was sie ihn ihrer Meinung bestärkt, dass diese Erfahrung für die Frauen wichtig ist.

An Mittwochen kommen bis zu zwanzig Frauen von den Squatter Gebieten, um an den Gebetsstunden im Pastoralzentrum vom Barmherzigen Samariter mit Sr. Grace Marcelo und Sr. Anne teilzunehmen. Dabei wird mit verschiedenen Gebetsformen experimentiert, zu denen auch lectio divina zählt. Über die Jahre haben sich die Frauen daran gewöhnt, dass sie ein Wort oder einen Satz einbringen dürfen. Doch wollen sie nur ungern eigene Gedanken äußern. Manchen fehlt sogar in der eigenen Sprache das Vokabular für diese Art von Mitteilung. Doch nimmt das Selbstvertrauen zu. Vielleicht sollten wir noch andere Formen der Mitteilung ausprobieren, zum Beispiel über die Kunst.

Ich selbst unterrichtete in den Philippinen Seminaristen und junge Frauen, die die Grundausbildung für das Ordensleben durchlaufen, und vermittle dabei unterschiedliche Gebetserfahrungen und formen. Dabei spielt lectio divina eine wichtige Rolle und musste in kreativer Form unterrichtet werden. Lectio divina alleine und in Gruppe waren der Auslöser, um sich tiefer mit dem Gotteswort zu beschäftigen und die Begegnung mit Gott zu vertiefen. Wir befassten uns den Texten der Psalmen und Evangelien. Wir schufen dabei Mandalas oder persönliche Psalmen als Antwort auf das Vierstufen-Modell: lectio, meditatio, oratio und contemplatio. Dabei wurden auch aufgrund der Empfehlung Benedikts Psalmverse auswendig gelernt, was durchaus eine andere Form von lectio und meditatio sein kann. So werden die Worte zu einem Teil unseres Selbst.

Inzwischen bin ich nach Sidney versetzt, wo ich mit Asylbewerbern und Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern zusammenarbeite. Dabei gebe ich Erwachsenen Englischunterricht, betreue Kinder und höre mir manchmal ihre Geschichten an. Es sind Erzählungen von Leid, Trauer, Entbehrung und Trennung von der eigenen Familie und Kultur. Doch finden sich darin auch immer wieder Worte der Hoffnung, der Kraft, des Mutes, der Inspiration und der Sehnsucht, vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft zu werden.

Zur Zeit überlege ich, wie lectio divina Flüchtlingen bei ihrer Trauma-Rehabilitation helfen kann. Dies setze ich bei der Südsudanesischen katholischen Gemeinde Sidneys um, wo ich im Einsatz bin. Dort hat sich bereits eine Frauengruppe für gemeinsame Bibellektüre zusammengefunden und ich möchte ihnen unterschiedliche Wege des Schriftzugangs vermitteln. Sie können sich gut mit biblischen Geschichten identifizieren wie dem Exodus, der Exilszeit und der Flucht nach Ägypten. Der Gemeindereferent sagte mir, dass auch Gleichnisse wie vom verlorenen Sohn oder dem barmherzigen Samariter hilfreich sind, wenn man mit einigen der Probleme dieser Menschen befasst ist. In Matthäus 25,31-46 (Gericht des Menschensohnes über die Völker) werden zentrale kulturelle und spirituelle Werte der Sudanesen genannt. Ich meine, dass auch die Psalmen und das Buch der Tröstungen ( Jesaja, Kapitel 51-66) einen Schatz an Weisheit und emotionaler Einsichten enthalten. Gefühle der Trauerpsalmen wie Wut, Einsamkeit oder Trostlosigkeit finden sich auch im Leben heutiger Menschen, vor allem bei solchen, die aus unterschiedlichen Gründen verfolgt wurden. Psalm 139 spricht von Gottes Liebe zu jedem Menschen und dass er jeden zutiefst kennt und versteht. Gottes Zusage, Leben wiederherzustellen und neu zu schaffen, rufen Hoffnung und Vertrauen in einen gütigen Gott hervor, wie es das Buch der Tröstungen bei Jesja vermittelt.

Wie Sr. Anne in den Philippinen muss ich erst Vertrauen in der Gruppe schaffen, indem ich regelmäßig den Bibelkurs anbiete und nach einiger Zeit auch lectio divina einführe. Mir ist wichtig, dass ich von den Teilnehmern dieser Frauengruppe selbst lerne und vielleicht auf neue Wege komme, wie die traditionell-benediktinische Form der lectio divina am besten der Kultur, Glaubensformen und Traditionen der Gruppe anpasse.

Lectio divina ist eine uralte Praxis, die auch für die heutige Welt bedeutsam ist. Diese Praxis anpassungsfähig und flexibel. Damit bietet sie uns, die wir in der Nachfolge Benedikts leben, große Chancen, einen hilfreichen Beitrag für die Suche des Gottesvolkes zu bieten, das seinen Weg in einer Welt der zunehmenden Komplexität und der Widersprüche finden muss.