Mauro-Giuseppe Lepori OCist
Generalabt der Zisterzienser

19. Generalkapitel des Zisterzienserordens

Predigt zur Votivmesse vom Hl. Geist

 

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! (Joh 20,19)

Am Abend des Ostertages begegnete Jesus den Jüngern, die im Obergemach in Jerusalem versammelt waren. Der Grund für ihre Zusammenkunft war sicher ihre Freundschaft, die aus ihrer gemeinsamen dreijährigen Gefolgschaft Jesu erwachsen war. Diese Erinnerung und die lebendige Trauer angesichts des schrecklichen und erniedrigenden Tod ihres Meisters am Kreuz führten sie zusammen. Der Evangelist Johannes gibt allerdings freimütig zu, dass der eigentliche Grund für ihr Treffen Furcht war, nämlich Furcht vor den Juden und davor, verhaftet, verurteilt und vielleicht sogar hingerichtet zu werden. Möglicherweise meinten sie, dass sie gemeinsam sich besser verteidigen könnten.

Es trifft zu, dass Furcht die Menschen zusammenschweißen kann. Das erleben wir auch in unserer eigenen Gesellschaft, in der die Angst vor dem Terrorismus eine Art internationaler Solidarität hervorgebracht hat, die eine Art Selbstverteidung, einen gewissen Schutzschild sichern soll.

Doch Furcht führt nur selten zu einer offenen Einheit, einer Einheit, die auch für andere offen ist, die sich ausweiten möchte und auch jemand, der anders und fernstehend lebt, einbeziehen möchte, jemanden, der uns tatsächlich braucht. Furcht verschließt die Türen, so wie sie im Obergemach verschlossen war, vor allem verschließt sie die Türen des Herzens. Ein Tor, das verschlossen wurde, um den Zugang zu verwehren, verhindert auch, dass man hinausgeht, sich den Mitbrüdern öffnet, dass die Gemeinschaft der Freunde, die Jesus um sich versammelt hat, weiterwächst.

Es ist gut für uns, wenn wir zu Beginn des Generalkapitels unseres Ordens darüber nachdenken, dass manchmal auch wir in dieser Weise miteinander umgehen, dass wir kleine Clans bilden, die mehr durch Furcht und eine verschlossene Denkweise zusammengehalten werden als durch den Wunsch, uns für die Forderungen Gottes zu öffnen. Klösterliches Leben, die Gemeinschaft und sogar das kostbare Geschenk der Klausur bergen oft in sich das Risiko, dass wir uns mehr aus Furcht von der Welt trennen, anstatt den auferstandenen Herrn willkommen zu heißen, dass wir mehr uns selbst schützen wollen als seine Botschaft weiterzugeben.

Zu Beginn unseres Generalkapitels, in dem es um eine Vertiefung unserer Treue zu den Ordensgelübden gehen soll, müssen wir uns fragen, warum wir überhaupt uns zusammengefunden haben, warum wir ein gemeinsames Leben im Orden, in den verschiedenen Kongregationen und in unseren jeweiligen Klöstern führen. Warum sind wir zusammengekommen? Was bindet uns aneinander? Ist es Angst? Wenn ja, was fürchten wir? Worin bestehen die verschlossenen Türen, die uns daran hindern, Menschen aufzunehmen, die bei uns anklopfen, oder uns festhalten, wenn wir aufbrechen wollen, um – wie der Papst oft sagt – die 99 Schafe zu suchen, die verloren gegangen sind, diese Schafe, die weder die Liebe zu Christus noch zur Kirche kennen?

Wir sollten auf jeden Fall auch sehen, dass der Evangelist Johannes, wenn er uns von der Erfahrung der Apostel berichtet, wie sie aus Angst sich verschlossen hatten, auch vermittelt, dass es sich um eine felix culpa handelte: Sie machte möglich, dass sie sich gegenseitig und vor allem den Christus tiefer kennenlernten. Ohne diese erniedrigende Erfahrung würde die Auferstehung nicht in solcher Klarheit aufleuchten. Das Licht wirkt um so heller, je dunkler die Nacht ist. Ohne dieses feige und ängstliche Verschließen in sich selbst wären die Apostel nicht in der Lage gewesen, die befreiende Botschaft der erbarmenden Begegnung mit dem auferstandenen Christus in ihrem Leben und ihrer Gemeinschaft so zu ergreifen.

Tatsächlich nehmen die Jünger als erste Erfahrung an diesem Abend im Obergemach wahr, dass Jesus sie nicht aufsucht, weil sie es verdient oder erwartet hätten. Er kommt durch Gnade und durch Erbarmen. Der Grund, warum er in unserer Mitte weilt, liegt in seiner eigenen Person. Die Gegenwart des auferstandenen Christus mitten unter uns bei Versammlungen, die durch Furcht oder andere Gründe veranlasst sind, die oft so unvollkommen und feige ablaufen, die oft einen Mangel an Treue selbst in unseren eigenen Gemeinschaften, in den Kongregationen und im ganzen Orden bezeugen, diese Gegenwart ist eine Gnade, die wir nicht verdienen. Christus hat es nicht einmal nötig, dass wir ihm die Tür öffnen. Er tritt ein, ohne anzuklopfen. Er kommt in geheimnisvoller Weise zu uns, wie er es damals am Osterabend tat, als er die Emmaus-Jünger begleitete, weil er uns liebt, weil er die Welt liebt. Wir müssen daher bewusst dieses Ereignis als Ausgangspunkt erwählen, wir müssen unsere Zusammenkünfte auf der Grundlage dieses Ereignisses erneuern. In diesem Ereignis finden wir die Gründe, den Sinn und die Mission der Einheit unter uns, die Christus von uns fordert. Und wir finden darin auch die Freude, die mit unserer Berufung und Mission verbunden ist: „Die Jünger wurden von Freude erfüllt, als sie den Herrn sahen“ ( Joh 20,20). Grund ihrer Freude war nicht ihre Bereitschaft zusammenzubleiben oder dass sie ihre Furcht nun überwanden, sondern allein, dass Jesus unter ihnen gegenwärtig war, er in seiner eigenen Person mit seinen Wunden und noch sichtbar mit dem Leiden und dem Kreuzestod in seinen Händen und an seiner Seite.

Alles ist aus diesem unverdienten Ereignis herausgewachsen, alle Erneuerung in der Kirche. „Friede sei mit euch. Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich euch.“ Nach diesen Worten hauchte er sie an und sprach: „Empfangt den Heiligen Geist. Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem ihr die Sünden behaltet, dem sind sie behalten“ ( Joh 20,21-23). Friede also in uns und zwischen uns, die Mission eines Dienstes für die Rettung der gesamten Welt, für die der Vater den Sohn gesandt hat, das Geschenk des Heiligen Geistes, der der Kirche Leben schenkt und Verzeihung für die Sünde. Alles entsteht aus dieser Wirklichkeit, dass der auferstandene Herr unter uns weilt, dass er Gemeinschaft mit uns sucht, mag sie auch noch so unvollkommen, armselig und zurückhaltend sein.

Und dann öffnen sich die Türen! Furcht hatte sie verschlossen gehalten. Der Heilige Geist und das Vertrauen in den Herrn öffnen sie erneut. Sie öffnen sich nicht, wenn Christus das Obergemach verlässt, sondern in dem Augenblick, als die Jünger den Raum verlassen, ermutigt und gestärkt durch seine Gegenwart und die Gemeinschaft mit seinem leidenschaftlichen Herzen, das danach brennt, das Angesicht der Erde durch den Hauch des Heiligen Geistes zu erneuern.

Wir selbst können uns nicht damit zufriedengeben, dass wir uns nur zur Besprechung von Problemen treffen oder wegen Organisationsfragen oder um Unklarheiten zu lösen. Denn solche Anliegen sind eher auf der Seite der Furcht zu finden, die uns drängt, die Türen zu verschließen, als auf der Seite des Vertrauens, das uns zum Öffnen einlädt. Bei unseren Versammlungen muss es darum gehen, dass wir Christus die Gelegenheit schenken, in uns eine Erneuerung zu bewirken. Das gleiche gilt für den Orden, der in den einzelnen Gemeinschaften lebt: Wir müssen in unseren Versammlungen uns gegenseitig mit der Gabe des Heiligen Geistes inspirieren und unsere Berufung und Mission stärken. Wenn Jesus zu uns kommt, wenn er in unserer Mitte weilt, dann können wir erst miteinander diskutieren, unsere Probleme angehen, Fehler berichtigen und Verfehlungen in Zuwendung und Barmherzigkeit entgegentreten.

„Niemand kann sagen ,Jesus ist der Herr‘, wenn es ihm nicht vom Heiligen Geist eingegeben wird,“ sagt Paulus in der ersten Lesung. Und dann fügt er hinzu:

„Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt“ (1 Kor 12,3-7).

Paulus hat damit sozusagen die Erfahrung der Apostel im Jerusalemer Obergemach in Ekklesiologie übersetzt, damit wir verstehen können, dass die Erneuerung der Kirche am Osterabend begann. Es ist der einzige Abend, an dem die Sonne nie untergeht und der bis ans Ende der Welt reichen wird. Die Kirche lebt aus dieser Erneuerung der Christuserscheinung für und in unserer Mitte, inmitten unseres demütigen und geteilten Herzens, damit wir uns als Werkzeuge in den Dienst stellen lassen, die dem Willen Gottes nachspüren, der die Welt liebt und retten will.