Eamon Fitzgerald OCSO
Generalabt der Trappisten

Die Zisterziensergemeinschaft
von Cîteaux im Jahr 2017

 

EFitzgeraldCîteaux ist der Ort, wo die Gründergemeinschaft, aus welcher der Zisterzienserorden erwuchs, vor nunmehr über 900 Jahren ihr Wirken aufnahm. Vom 2. bis 3. Mai 2017 veranstaltete die heutige Gemeinschaft ein Treffen mit verbundenen Ordensgemeinschaften, Theologen, Beratern und Freunden der Abtei. Dieses Treffen ging auf eine Idee des Abtes von Cîteaux zurück, Dom Olivier Quenardel. Er wollte bei dem Treffen einige wichtige Fragen zur Diskussion stellen, die nicht nur allgemein das Klosterleben von Cîteaux betreffen, sondern auch Herausforderungen, die mit dem Standort des Klosters zusammenhängen und einem recht zusammengestückelten geistlichen Erbe, das sich aus den geschichtlichen Verwerfungen des Klosters ergeben hat.

Seit der Neunhundertjahrfeier der Gründung von Cîteaux im Jahre 1998 arbeitet die Gemeinschaft an einer besseren Präsentation des Klostergeländes. Dies geschieht durch ein gut gestaltetes Informationszentrum, das einen ausgezeichneten Überblick über die Abteigeschichte und den Alltag im Zisterzienserorden bietet. Zudem wurde ein touristischer Rundweg zu den verbleibenden historischen Bauten aus unterschiedlichen Epochen entwickelt. Aus der Gründungszeit, dem 12. Jahrhundert, ist freilich nichts mehr erhalten, auch wenn die Grundmauern der ursprünglichen Steinkirche mit einer Umfassung angezeigt werden und daher den Besucher etwas von den Ursprüngen des Klosters erahnen lassen. Das Informationszentrum, die Touren auf dem Rundweg und ein zisterziensisches Dokumentationszentrum werden von einem Ehepaar Grasset betreut. Als Projekt steht zur Zeit die Renovierung einiger der historischen Gebäude an, wozu möglicherweise staatliche Zuschüsse verwendet werden können. Denn die örtlichen Behörden wünschen ausdrücklich, dass das Kloster sich stärker einem kulturellen Tourismus öffnet. Die Klostergemeinschaft selbst, die ja der eigentliche Grund für das Bestehen eines Klosters an dieser Stelle ist, setzt sich aus 26 Mitgliedern zusammen, welche für Kirche und Welt ein authentisches Zeugnis zisterziensischen Charismas bieten möchten. Es handelt sich um eine lebendige und tatkräftige Gemeinschaft mit einem harten Kern gut qualifizierter Mitbrüder, die offen sind für die Herausforderungen der heutigen Zeit. Die Wirtschaft ist gesund, vor allem dank eines beliebten Klosterkäses. Die Zahl der Mönche geht zurück, auch wenn sich immer wieder Kandidaten einfinden. Die Gemeinschaft hat für sich eine ausgewogene Lebensform gefunden, bei der freilich zur Zeit kaum mehr Freiräume vorhanden sind mangels ausreichender personeller Ressourcen. Mit anderen Worten, die Mönche sind mit ihren Alltagsaufgaben ganz ausgelastet und die Kraft für eventuelle neue Aufgaben ist sehr beschränkt.

Das Anliegen des Treffens bestand darin, dass die Klostergemeinschaft mit verschiedenen Diskussionspartnern aus jeweils anderem Hintergrund Wege erörtern wollte, wie sie als lebendige Gemeinschaft mit den Aufgaben umgehen soll, die sich aus dem Leben an einem berühmten Ort ergeben. Dabei sollte das Treffen nicht allein dem in Cîteaux lebenden Konvent dienen, sondern auch der gesamten Zisterzienserfamilie, für die Cîteaux eine herausragende Rolle spielt. Daher nahmen an der Veranstaltung die Generaläbte der Zisterzienser und Trappisten, die Generalpriorinnen der Bernardinerinnen von Esquermes und von Oudenaarde, der Generalprokurator der Zisterzienser und die Äbte bzw. Äbtissinnen von Acey, Orval, Rivet, Hauterive und La Maigrauge teil. Unter den Teilnehmern befinden sich unter anderem auch ein Vertreter der Laienzisterzienser, Berater und Freunde von Cîteaux, das Ehepaar Grasset und einige Mönche von Cîteaux, also insgesamt um 25-30 Personen.

Das Treffen wurde vorbereitet von einem kleinen Organisationskomitee, wobei die Gemeinschaft von Cîteaux noch Überblicke beisteuerte über ihre Wirtschaftsführung, die menschlichen Ressourcen und das vorhandene Entwicklungspotential. Wer die Klosteranlage noch nicht kannte, konnte am ersten Morgen bei einer Führung sich informieren. Dann begannen die Veranstaltungen, die sich über zwei randvoll gefüllte Tage erstreckten, zu denen die Teilnahme an der Klosterliturgie, gelegentliche Treffen mit dem örtlichen Konvent und eine gemeinsame Mahlzeit mit ihm gehörten. Die Veranstaltungen wurden von Dom Olivier moderiert und, dem die Brüder Rafael und Benoit als Sekretäre beistanden.

Die Diskussion profitierte von den Erfahrungen der Gruppenmitglieder, die in historischen Bauten leben und daher die damit verbundenen finanziellen, juristischen und menschlichen Probleme kannten. Ein zentrales Anliegen, das alle teilten, war die Bedeutung des Ortes Cîteaux für die zisterziensische Familie und speziell der Standort der Originalkirche, die gewissermaßen das Herz der Klosteranlage im Tal von Cîteaux darstellt, von welcher das zisterziensische Charisma ausging. In dieser Weise drückte es Generalabt Mauro-Giuseppo Lepori aus, was bei allen Teilnehmern sofort auf fruchtbaren Boden fiel. Die Idee, an dieser Stelle ein modernes Gebäude des 21. Jahrhunderts entstehen zu lassen, wenn möglich eine Kapelle, fand viel Zustimmung. Wie sich zeigte, kommt dem Ort eine Symbolkraft zu, die der von Assisi für die Franziskaner und von Loyola für die Jesuiten in Zukunft entsprechen könnte, wie Generalabt Mauro-Giuseppe meinte.

Zwei weitere Themen beschäftigten die Teilnehmer: die Umgestaltung des klösterlichen Eingangsbereichs und die Renovierung des ehemaligen historischen Verwaltungsgebäudes. Der Eingangsbereich des Klosters wurde als persönliche Angelegenheit der Gemeinschaft eingestuft, so dass die Teilnehmer sich allein mit der zukünftigen Nutzung des Verwaltungsgebäudes befassten. Das Gebäude ist historisch von großer Bedeutung und wird daher wohl auch von der Denkmalbehörde finanzielle Zuschüsse erhalten. Der schlechte Erhaltungszustand lässt Spielräume für die bauliche Entwicklung. So könnten die weiten Räume für zeitweilige oder ständige Ausstellungen genutzt werden, könnte in einem Stockwerk das wachsende Archiv des Zentrums für Zisterziensische Dokumentation (CERCCIS) aufnehmen oder als Tagungszentrum genutzt werden. Mit solchen Nutzungen würde es die zisterziensische Tradition spirituell, intellektuell und kulturell bereichern.

Die Umsetzung solcher Ideen nimmt natürlich Geld und Arbeit in Anspruch, aber bei staatlicher Förderung sollte der Aufwand bewältigbar sein. Ein erster Schritt besteht in der Gründung einer Stiftung, an der sich die gesamte Zisterzienserfamilie beteiligen wird. Mit Zustimmung der Gemeinschaft in Cîteaux ist die Stiftung bereits in Planung.

Warum erwähne ich diese Veranstaltung so ausführlich? Weil es sich nach meiner Auffassung um eine frohe Botschaft handelt. Sie ist bedeutsam für die zisterziensische Familie, für die Gemeinschaft von Cîteaux und vielleicht auch für die große Benediktinerfamilie. Herausheben möchte ich hierbei folgende Punkte:

– die Veranstaltung ist ein schönes Beispiel, wie sich die gesamte Zisterzienserfamilie für ein gemeinsames Projekt zusammenschließt aufgrund einer Initiative der Gemeinschaft von Cîteaux.

– die Veranstaltung zeigte, dass Dinge in Bewegung kommen, wenn wir unsere Sorgen, Bedürfnisse und Hoffnungen teilen. So hat das Treffen in Cîteaux bewusst gemacht, wie wichtig dieser Ort für unsere gemeinsame Berufung ist, und führte zu einem Vorhaben, durch das Cîteaux ein geistliches Zentrum für die Zisterzienserfamilie und darüber hinaus werden könnte.

Der Bau einer möglichen „Gründerkapelle“ an dem Standort der Orginalkirche (bekannt als Kapelle St. Edme) könnte das Herzstück dieser Anlage werden, die nicht nur Touristen anziehen, sondern ein Pilgerort werden könnte, an dem das zisterziensische Charisma spürbar wird.