Abt Jean-Pierre Longeat OSB

Präsident der AIM

 

Diese neue Nummer des AIM-Bulletins befasst sich mit dem Zusammenhang von Familie und klösterlichem Gemeinschaftsleben. Die vergangene Familiensynode und das nachsynodale Schreiben „Amoris laetita“ von Papst Franziskus ermutigen uns, dieses Thema aufzugreifen, das mit dem Leben unserer klösterlichen Gemeinschaften eng verbunden ist. Wie sehen sich Mönche und Nonnen/Schwestern selbst im Verhältnis zur sozialen Realität des Familienlebens? Man kann dieses Verhältnis auf mehreren Ebenen aufarbeiten:

– Inwiefern kann die Familie als Lernort dienen, in dem Kinder ihren Lebensweg und eine Lebensperspektive finden, einschließlich einer religiösen Berufung?

– Kann das Modell einer Familiengemeinschaft auch Maßstäbe für eine Klostergemeinschaft setzen?

– Wie verhält sich die Ablösung von der eigenen Familie, die notwendiger Teil des Klosterlebens ist, zum Gebot, dass man Vater und Mutter ehren soll?

– Neben der klösterlichen Gemeinschaft gibt es noch Oblaten, Freundeskreise und Netzwerke, die in gewisser Weise am klösterlichen Verbund teilhaben. In diesen Beziehungen sind beachtliche Entwicklungen festzustellen. Wie soll man diese deuten?

– Schließlich ist die Familienstruktur weltweit erheblichen Veränderungen unterworfen. Können die Klostergemeinschaften sich dazu äußern und vielleicht sogar etwas einbringen?

Das Wort Familie geht auf den lateinischen Begriff familia zurück. Dieser bezeichnete im antiken Rom Diener und Sklaven, die unter einem gemeinsamen Herrn lebten. Damit lässt sich familia auch auf famulus zurückführen, also Diener oder Nahestehender. In einem weiteren Sinn bezeichnete familia die größere Gemeinschaft, die sich aus dem Herrn, seiner Frau und Kindern und der Dienerschaft zusammensetzte.

Nach dem Soziologen Emile Benveniste[1] definiert sich in vielen Kulturen Familie als eine Gruppe, „an deren Ursprung ein gemeinsamer Vorfahre steht, mit dem alle männlichen Nachkommen und deren engere Familien verbunden sind“. Dieser Familienkern erweitert sich durch die Aufnahme von Frauen, die aus anderen Umfeldern kommen, während ihre eigenen Gruppen nicht Teil der Familie werden.

In den Ländern des Nordens bezeichnet Familie im Allgemeinen „eine Personengemeinschaft, die miteinander verwandt ist“. Diese Lebensform findet sich in allen Gesellschaften, ohne dass sie zwangsläufig ähnlich sein muss. So lebt in Europa die Familie üblicherweise in einem gemeinsamen Haushalt, der aus wenigstens zwei Personen besteht. Diese können aus einem verheirateten oder auch unverheirateten Paar bestehen, mit oder ohne Kinder, oder aus einem Erwachsenen mit einem oder mehreren Kindern.

Weltweit gibt es aber auch andere Familienformen, vor allem die „Familiengemeinschaft“, die eine zahlreiche und vielfältige Verwandtschaft umfasst und in manchen Kulturen sich mit Polygamie verbindet. Dieses Familienmodell findet sich vor allem in Afrika und in geringerem Maß auch in Asien. In vielen Gesellschaften findet man inzwischen auch beides nebeneinander: eine Kernfamilie, wie oben beschrieben, die teilweise auch Patchwork-Charakter tragen kann, und die große Familiengemeinschaft.

Die tiefe Veränderung von Mentalitäten und Strukturen hat auch Auswirkungen für diese Gemeinschaftsformen. Die westlichen Kulturen weisen dem Individuum mehr Freiräume zu und erkennen daher auch den einzelnen Familienmitgliedern mehr Autonomie zu, wenn sie ihr persönliches Wohlbefinden verfolgen. Diese Grundhaltung lässt sich heutzutage auch in anderen Kontinenten beobachten als eine Folge des internationalen Austausches und der unvermeidlichen kulturellen Vermischung. Die Stabilität der Familien leidet darunter, obwohl widersprüchlicherweise Familienleben einer der heute am meisten geschätzten Werte bleibt als Ort des Glücks, des Rückzugs und der Selbstentfaltung.

 

Funktionen der Familie

Familie hat hauptsächlich die folgenden Funktionen: Sie ermöglicht gesellschaftliches Wachstum, indem Nachkommenschaft hervorgebracht wird. Sie sichert Sozialisierung in verschiedener Hinsicht: Weitergabe von Eigentum, Erfahrung von Solidarität, Zusammenhang von Produktion und Verbrauch, Ort emotionaler Bindungen.

Diesem weitgespannten Programm stehen viele Hindernisse gegenüber, so dass neben schönen Erfolgen auch tiefe Brucherfahrungen stehen. Die Gesellschaften tragen dem Rechnung, indem sie in ihrem Recht den wandelbaren Charakter von Familienbeziehungen regeln.

 

Beziehungen zwischen Familienmitgliedern

In asiatischen Ländern sind die sozialen Aktivitäten der Familie hierarchisch geordnet. Die Eltern haben die Pflicht, über die Versorgung, die Erziehung und das Wohlergehen ihrer Kinder zu bestimmen. Wenn die Kinder erwachsen geworden sind, müssen sie sich ihrerseits um die Eltern kümmern. Die damit verbundene Stabilität bringt eine rigide Ordnung mit sich, die klare Pflichten und Rechte zuweist und die Familie eng zusammenschmiedet. Dieses Beziehungsgeflecht wird den Kindern zuhause, aber auch in der Schule vermittelt, wo man Respekt vor dem anderen, aber auch ein Arbeitsethos vermittelt erhält. Dabei können Geschwister nicht gleiche Rechte beanspruchen: So hat der älteste Sohn mehr Verantwortung zu tragen. In den meisten asiatischen Ländern findet sich diese enge Familienbindung, die absoluten Vorrang genießt. Daneben gibt es auch Familienmodelle, bei denen mehr Gleichordnung zwischen den Familienmitgliedern herrscht.

In Schwarzafrika stehen sich die Familienmitglieder gegenseitig bei und teilen Aufgaben unter sich auf. Die Organisation ist darauf ausgerichtet, dass jeder einen Beitrag für die Einheit dieser Gemeinschaft leistet. Nachkommenschaft wird als Ausdruck von Segen verstanden. Daher gibt es auch in den meisten Familien viele Kinder, vor allem auch, wenn der Vater in polygamen Beziehungen lebt. Im Dorf kümmern sich die Eltern um alle Kinder, auch wenn es nicht die ihren sind. Ausbildung und Erziehung sind für alle gleich, und bei den Kindern ist Respekt für Ältere und Eltern üblich. In der afrikanischen Tradition wird besonders die Verbindung mit den Ahnen unterstrichen.

Im Westen bzw. Norden mit der dort üblichen Hervorhebung des Individuums werden den einzelnen Familienmitgliedern viele Freiräume zuerkannt. Andererseits wird in allen Umfragen Familie als Ort des Glücks und als Zufluchtsort genannt. Dennoch stehen diesem Familienzusammenhalt immer öfter die Scheidung und eine Neuordnung in Patchwork-Familien gegenüber, die vor neue Herausforderungen stellen.

 

Familie und Religion

In einem Vortrag, der vor Kurzem gehalten wurde und dessen Inhalt nun auch in einem Buch[2] vorliegen, stellt die Philosophin Marie-Laure Durand die These auf, dass das Ordensleben eine Art Laboratorium für modernes Familienleben darstellt:

„Ich möchte die Modernität des Christentums unterstreichen. Die Ordensgemeinschaften enthalten Gedanken über Prinzipien, die in unserer Gesellschaft gerade erst im Entstehen begriffen sind.

Entwurzelung: Ihr lebt auf einem Stück Land, das nicht euch gehört und in einer Region oder einem Land, wo ihr oft nicht geboren seid. Ihr könnt damit zu großen Fragen Stellung nehmen, welche die gesamte Menschheit bewegen: Wie kann man in einem Land glücklich werden, das nicht meine Heimat ist und auf das man keinen Anspruch erhebt?

Fehlende Blutsverwandtschaft: Ihr lebt mit Brüdern oder Schwestern zusammen, mit denen ihr nicht verwandt seid. Wie kann eine solche ,Patchwork-Familie‘ funktionieren? Wie kann man darin echte Geschwisterlichkeit leben und nicht nur eine Art Stiefgeschwisterlichkeit?“

Ordensmänner und -frauen leben nicht nur seit Jahrhunderten nach Traditionen, die von heutigen Männern und Frauen erst ansatzweise erreicht werden, sondern folgen spirituellen und menschlichen Maßstäben, die es heutigen Menschen erleichtern würden, die Entwurzelung und offene Gemeinschaftsformen ohne Blutsverbindung auszuhalten. Was heute anders ist, ist vor allem die Hervorhebung des Individuums. Das Ordensleben verstand es, entwurzelte Personen zusammenzuschließen, die aus ganz unterschiedlichen Familien oder sozialen und politischen Kollektiven stammten. Heute haben solche Zusammenschlüsse es mit Menschen zu tun, die sich ihrer individuellen Einzigartigkeit und ihrer Autonomie in hohem Grad bewusst sind.“

Thema dieses neuen Heftes ist das Familien- und das klösterliche Gemeinschaftsleben. Nach einleitenden Grußworten des Abtprimas und der Generäle der Zisterzienserorden folgen verschiedene Artikel in denselben Rubriken wie in der letzten Nummer: lectio divina, Ausbildung, Liturgie, Geschichte, große monastische Persönlichkeiten, Kunst und noch einige andere Themen.

 

[1] Emile Benvéniste, Le vocabulaire des institutions indo-européennes, 2 Bände, Paris 1969.

Û2] Marie-Laure Durand, Dix idées bizarres sur la vie religieuse, Paris 2015. Vgl. dazu auch AIM-Bulletin 112 (2017), S. 37-47.