HANANIAS 2015


Schwester Daniela D. Romero
Priorat St. Scholastika, Manila (Philippinen)


Als Teilnehmerin dieses Lehrgangs möchte ich Gott danken, dass er mir die Gelegenheit geschenkt hat, diesen für die Leiter von Benediktinerund Zisterzienserklöstern bestimmten Vorträgen über Formen der Klosterverwaltung zu folgen. Das Programm war sehr umfassend; es ging nicht nur um die Vermittlung theoretischer Kenntnisse und Methoden, die ein jeder in seiner eigenen Kommunität umsetzen kann, vielmehr sollte auch jeder einzelne Teilnehmer durch die Teilhabe an den Erfahrungen anderer persönlich gebildet und bereichert werden. Dieser Kurs bot weite Möglichkeiten zur Vertiefung des Klosterlebens, so dass jeder den Wunsch verspürte, seine Berufung sinnvoller zu gestalten.

Was die Zusammensetzung der Gruppe betraf, kann man bereits von einem unschätzbaren Austausch von Geschenken sprechen: Acht Mönche und sechzehn Schwestern waren aus den verschiedensten Ländern gekommen, aus Frankreich, Belgien, Vietnam, der Demokratischen Republik Kongo, dem Tchad, Burkina Faso, Haïti, Madagaskar, den Philippinen, Togo, der Elfenbeinküste, dem Senegal und Benin. Jeder Teilnehmer hatte etwas einzubringen: seine eigene Klostererfahrung, seine Kultur, seine Einmaligkeit als Person. Diese Diversität machte zugleich die Schönheit der Veranstaltung aus und eröffnete dem Einzelnen durch die Erfahrung der Diversität einen breiten Weg zum eigenen Wachsen.

 

Die Bedeutung des Hananias

Mutter Loyse Morard (Kloster Emerton, Belgien), Mitglied der Equipe Hananias, die uns drei Monate lang begleitet hat, hat das Programm mit einer Reflexion über die Bedeutung des Titels eröffnet. Warum dieser Name? Der Name, hat sie ausgeführt, bedeutet, wie auch der Name Johannes, ,Gott schenkt Gnade‘. In der Apostelgeschichte gibt es zwei Hananias, einen bösen und einen guten.

Der erste ist das Gegenstück des hl. Paulus, er ist der Ehemann der Saphira. Hananias und Saphira hielten heimlich einen Teil des Erlöses aus dem Verkauf ihres Besitzes für sich zurück (Apg. 5, 1-10). Lügen und Scheinheiligkeit sind unvereinbar mit dem Leben eines wahrer Jünger.

Der zweite Hananias ist das Urbild eines guten Ausbilders. Er war ein frommer und treuer Jude aus Damaskus, der dem hl. Paulus half, sein Augenlicht wieder zu erlangen, das er nach seiner Begegnung mit Christus verloren hatte. Er führt Paulus auf den Weg zu einem Leben mit Christus (Apg 9, 10-19; 22, 12-16).

Wir sollten dem ersten Paulus aus dem Weg gehen und dem zweiten folgen.

 

Programm

Das Programm war in vier Teile gegliedert. Jeder Teil entsprach einem Leitthema, das die einzelnen Sitzungen zusammenband. Die vier Leitthemen waren:
– Das Wort Gottes und das Gebet
– die Weitergabe der Tradition
– sich die Tradition zu Eigen machen
– in Gemeinschaft leben.
Wir hatten die Chance, in vier verschiedenen Klöstern untergebracht zu sein und wohnten drei Wochen lang in einem jeden von ihnen. Das erlaubte uns, einen Eindruck von den verschiedenen Gestaltungsformen des benediktinischen Lebens zu bekommen.

 

Das Wort Gottes und das Gebet (3.-24. September)

Ananie1Der erste Teil des Programms fand in dem schönen und friedlichen Kloster Sainte-Marie de la Pierre-Qui-Vire statt, zwischen Paris und Lyon gelegen. Der Abt des Klosters, P. Cornuau, und drei seiner Mönche haben ihre Beiträge zu einer Reihe von Sitzungen eingebracht, die uns die Rolle des Wortes in unserem Klosteralltag verdeutlichen sollten. Abt Luc hat uns seine Überzeugung vermittelt, dass das Wort Gottes eine überragende Bedeutung in unserem Klosterleben haben muss und dass unsere tiefste Freude darin besteht, nach dem Wort Gottes zu leben. Um Gott, der jeden Tag sein Wort uns schenkt, in uns aufzunehmen, müssen wir uns für das öffnen, was die Hl. Schrift, die Liturgie der Stundengebete und die Lectio uns persönlich zu sagen haben. In diesem Sinn hat sich auch der Bruder Patrick Prétot in seinem Beitrag zu einer Sitzung über die Liturgie geäußert. Pater Matthieu Collin hat besonders über die Psalmen gesprochen, und ein Beitrag von Anne-Marie Pelletier war dem Zugang zur Hl. Schrift gewidmet.

Wir wollen hier betonen, dass die Lektüre der Hl. Schrift der Weg ist, auf dem Gott das Herz des Menschen öffnet, um ihm seinen Willen kund zu tun und ihn uns erkennen zu lassen. Dies war auch die Erfahrung, die das israelitische Volk damals machte. Die gleiche Aufforderung, die damals an die Israeliten erging, ergeht heute an uns jedes Mal, wenn wir die Hl. Schrift öffnen: Wir sollen erkennen, wer wir sind, und uns dem Willen Gottes unterstellen.

Nach dem Willen Gottes zu leben, bedeutet für uns das nachzuvollziehen, was das Wort Gottes vor uns bei den Patriarchen des Klosterlebens angestoßen hat. Bruder Jean-Louis Verstrepen hat uns in die Geschichte des Mönchstums eingeführt und uns die positiven und negativen Entwicklungen des Klosterlebens aufgezeigt. Wir sind die Erben einer langen Geschichte, einer ganzen Reihe verschiedener Lebensformen und von weisen und praktischen Vorschriften, die die Frucht dessen sind, dass sich unsere Klosterväter dem Wort öffneten und den Geist Gottes in sich aufnahmen.
Wir hatten noch die besondere Vergünstigung, den leider am 8. März 2016 im Alter von hundert Jahren verstorbenen Altabt Denis Huerre noch bei uns zu haben, den vormaligen Abt dieser Kommunität. Jeder war begeistert von der Weise, wie er auf jede unserer Fragen einging und zu antworten wusste. Dies war das Zeugnis eines langen Lebens, geleitet von dem Wort Gottes.

Pastor Pierre-Yves Brandt, Professor für Religionspsychologie an der Universität Lausanne in der Schweiz, sollte uns helfen, neue Erfahrungen zu sammeln bei der Weitergabe der Überlieferung. Wie das weitergeben, was wir selber nur übernommen haben? Wie kann Sinn und Bedeutung in den einzelnen Ereignissen erkannt werden? Es ist bedeutsam, so sagten wir uns, feste, verlässliche Anhaltspunkte zu haben wie das Evangelium, die Regel des hl. Benedikt und unsere Konstitutionen. Durch die Betrachtung konkreter Fälle und realer Situationen forderte der Leiter uns auf, unsere bisherigen Erfahrungen zu überdenken und ggf. zu „dynamisieren“.

 

Die Weitergabe der Tradition (25.9.–15.10.)

Die Schwestern des Klosters Notre-Dame d’Ermeton-sur-Biert in Belgien haben uns sehr herzlich für den zweiten Teil unseres Kurses aufgenommen. Das kleine Kloster liegt nur 30 Minuten zu Fuß von der großen Abtei Maredsous entfernt, wo der sel. Columba Marmion sein Leben als Mönch zubrachte und wo seine Reliquien ruhen.

Abt Armand Veilleux, der gegenwärtige Abt des Klosters Scourmont in Belgien, hat die zweite Vortragsreihe unseres Weiterbildungskurses eröffnet. Er hat das große Thema der Weitergabe der Tradition in seiner ganzen Problematik vorgestellt. Er hat dabei hervorgehoben, dass jede Kommunität in erster Linie dazu aufgerufen sei, das Empfangene weiterzugeben. Der wahre Lehrer sei das Leben der Kommunität selber, die den Kandidaten aufnimmt, in nuce das Vorbild.

Weiterhin gab es einen Vortrag von Sr. Hannah van Quakebeke, Priorin des belgischen Klosters Béthanie. Sie gab uns Gelegenheit, die Regel des hl. Benedikt besser kennen zu lernen, und rief uns auf, seinem Appell zu Umkehr und Bekehrung Folge zu leisten. Dies sei der Appell, beherzt einen neuen Lebensweg einzuschlagen. Somit sei die Regel kein abgeschlossenes theoretisches Werk, sondern das weise Produkt einer langen Lebenserfahrung: Ein verhärtetes Herz soll in ein offenes Herz umgewandelt werden, das sich durch den Gehorsam in der Gemeinschaft mit den Brüdern und Schwestern verändert und weitet.

Ananie2Zum Thema ,Autorität und Gehorsam‘ hat Altabt Nicolas Dayez, der ehemalige Abt von Maredsous, ausgeführt, die gesamte Regel wie auch das ganze Klosterleben seien bestimmt vom Gehorsam. Der Gehorsam bestehe nicht in der unverzüglichen Ausführung einer Anweisung oder Vorschrift, sondern in der verantwortungsvollen und freien Realisierung eines Gebots. Zum Wesen des Gehorsams gehöre nämlich die Beziehung – die Beziehung zwischen dem Abt und seinen Mönchen, zwischen den Mönchen untereinander, zwischen Christus und dem Einzelnen. Das Ziel des ganzen Gehorsams bleibe letztendlich Gott selber. Auf der anderen Seite gehöre zur Ausübung von Autorität die Suche nach dem Wohl und Wachsen des Gehorchenden.

Abt David d’Hamonville, der Abt des Klosters Saint-Benoît von En-Calcat, und Äbtissin Marie-Rose vom Trappistenkloster Chambarand (beides Frankreich) haben mit uns eine vertiefte Debatte über die Begriffe Selbstentäußerung und Sparsamkeit geführt, die die tiefen Tugenden der Demut und Transparenz widerspiegeln. Wir haben dabei deutlich gesehen, dass wahre Selbstentäußerung und Sparsamkeit eng mit dem Begriffen Verzicht und Teilen sowie dem rationellen Umgang mit den Ressourcen des Klosters verbunden sind und nur in freiwilligem Gehorsam realisiert werden können.

Sr. Marie-Madeleine Caseau, Priorin des Klosters Sainte-Bathilde in Vanves bei Paris half uns, die Begriffe Begleitung und geistlichen Rat besser zu verstehen. Die ständige Begleitung ist ein fester Bestandteil im Leben eines jeden Mönchs und einer jeden Schwester. Wir werden begleitet von dem Wort, das der Hl. Geist uns eingibt und zu verstehen und umzusetzen hilft. Wir werden auch von der ganzen Kommunität begleitet, von der Regel des hl. Benedikt, von unserem Abt bzw. unserer Äbtissin, die uns den Weg der Liebe und der Umkehr zeigen, der uns schließlich zu unserem göttlichen Vater führt. Sr. Marie-Madeleine hat uns die spirituelle Begleitung beschrieben mit zahlreichen Metaphern: als Visitation, als Werkzeug der geistlichen Kunst, als Spiegel, Sprungbrett, Tränental, Samenkorn, Operationssaal, schließlich als persönlichen Mont Thabor – viele zutreffende Vergleiche und Bilder.

Wir sind sehr dankbar Pater Henri Delhougne, einem Mönch aus dem Kloster Saint Maurice in Clervaux (Luxemburg), der uns einen Vortrag zur ,Methodenlehre des Theologiestudiums‘ gehalten hat. Der Inhalt des Vortrags wird uns sicherlich dabei helfen, Mitschriften anzufertigen, wissenschaftlich zu forschen, ein mündliches oder schriftliches Referat zu erstellen u.a.m.

 

Sich die Tradition zu eigen machen (16.10.–5.11.)

Die Benediktinerabtei Notre-Dame de Jouarre (Seine-et-Marne, Ilede- France) nahm uns für die dritte Phase unseres Kurses auf. Der Ort Jouarre liegt auf einem etwa 150 m hohen Plateau, umgeben von Tälern und Feldern, fast vor den Toren von Paris. Die Abtei wurde schon im 6. Jahrhundert gegründet. Sie steht heute wegen ihrer einzigartigen merowingischen Krypten unter Denkmalschutz.

Die Vorträge betrafen in diesem Teil des Kurses die Aufnahme und Verinnerlichung der Tradition. Nach erfolgter Annahme ist es an uns, sie weiterzugeben. Annahme und Weitergabe bedeuten Arbeit an sich selbst: eine Arbeit in und an unserem Inneren. Diese Arbeit impliziert auch die Möglichkeit, das eigene Herz zu öffnen, um frei und aufrichtig von seinen Gefühlen, Gedanken und Intentionen zu reden, auch von Versuchungen und persönlichen Kämpfen.

Es ist in diesem Stadium der Aufnahme von entscheidender Bedeutung, dass jeder in der Lage ist, von seiner eigenen Gefühlswelt zu reden, seine Gefühle zu bestimmen, seine inneren Regungen zu benennen, von seiner eigenen Sexualität frei zu sprechen und sein Verhältnis zu anderen Menschen zu klären. In dieser Hinsicht haben sich Florence Assier aus Boisredon, Br. Michel Davide von der Gemeinschaft La Koinonia della Visitazione (Italien), Sr. Siong Tjoa von der Kommunität Grandchamp (Schweiz) gleichlautend geäußert, als sie von unserer Gefühlswelt sprachen und unser Zölibat als Appell zum Nachvollzug der trinitarischen Liebe definierten. Der bekannte Abschnitt aus dem Lukas-Evangelium (10, 26) – „du sollst den Herr, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken; deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst“ – zusammen mit dem Bild der Trinität von Andrej Rublev stellten so etwas wie eine ständige Aufforderung dar, in unseren Beziehungen mit den Mitmenschen (nach dem Vorbild der hl. Theresia) die Fleisch gewordene Liebe darzustellen.

Um uns zu helfen, tiefer in unser Innenleben einzudringen, hat uns Abt Luc Cornuau von der Kommunität La Pierre-Qui-Vire den Scholastiker Evagrios als „Gottsucher und Erforscher der menschlichen Seele“ vorgestellt. Dessen Werk, ins Besondere ,Über die acht Gedanken‘, seien wesentliche Hilfen auf dem Weg der Seele zu Gott. Dank der archäologischen Studien von Guillaumont, besonders in Kellia, hat Abt Luc uns mit Begeisterung bis nach Ägypten geführt, um mit Hilfe reicher visueller Medien mit uns den Spuren dieses Scholastikers zu folgen, der versucht hat, seine eigene Gottsuche in die Form eines spirituellen Stationswegs zu fassen. Evagrios war ein unentwegt Suchender und Entdecker, der das Zeugnis hinterlassen hat, dass der Mensch geschaffen wurde, um Gott zu dienen und dass unsere Gottsuche ein sehr schöner Dienst für Gott sei.

An dieser Stelle hat auch Pastor Pierre-Yves Brandt, Professor für Psychologie an der Universität Lausanne, einen Beitrag geleistet in Form eines Rückblicks auf eine Reihe konkreter Situationen und auf Fälle aus unserer Mitte. Das Ziel der Betrachtungen bestand darin, uns unterschiedliche Reaktionsweisen in einer konkreten Situation vor Augen zu führen, Gründe zu erforschen, mögliche Parallelen im Evangelium, in der Regel des hl. Benedikt oder unseren Konstitutionen zu erkennen und bestmögliche Wege zur Lösung einer Schwierigkeit vorzuschlagen. Dies erwies sich als eine Arbeit an uns selber, die von allen Teilnehmern sehr geschätzt wurde.

Schwester Elie Ruel, Priorin von Notre-Dame de Jouarre, hat uns bei einer dreitägigen Besinnungszeit bei den Wüstenvätern begleitet. Sie hat uns angeleitet, über die Quelle der Weisheit nachzudenken. Die Apophtegmata (Sinnsprüche) der Wüstenväter stellen dar, wie sie über das Wort Gottes nachgedacht und es in ihr Alltagsleben integriert haben. Die Meditationen nach jeder einzelnen Sitzung mit den Wüstenvätern haben klar gezeigt, dass nur sehr wenige, einfache Dinge notwendig sind, um im spirituellen Leben voranzukommen, d.h. wenn man sie zur Quelle der Gottes- und der Nächstenliebe macht. Die Kenntnis der Gesetze und juristischen Grundsätze, die von der Kirchenleitung formuliert und angewendet werden, erwies sich für uns ebenfalls als notwendig. Der Prior der Abtei Sainte-Marie de La Source in Paris, P. Hugue Leroy, hat uns begeistert mit seiner Art, wie er das Kirchenrecht dargeboten hat, insbesondere die Teile, die das Ordensleben betreffen. Am Ende seiner Ausführungen haben wir bedauert, nicht noch mehr erfahren zu können.

Das gleiche Gefühl hatten wir, nachdem wir einen halben Tag Mutter Loyse über ,Bedeutsame Begebenheiten in der biblischen Geschichte‘ referieren gehört hatten. Sie begann mit dem Auszug der Juden aus Ägypten, um uns anschließend die wesentlichen Etappen der biblischen Geschichte aufzuzeigen. Am Schluss ihrer Ausführungen hat sie betont, dass die Bibel und die Liturgie sich gegenseitig durchdringen und ergänzen. Beide, die Bibel und die Liturgie, müssten unser Gebet leiten. Die Bibel beziehe sich auf das Leben, das Leben des Gottesvolks und das unsere, und das Leben werde durch die Bibel erleuchtet.

 

Das Leben in Gemeinschaft

Die schöne Zisterzienserabtei Notre-Dame de Timadeuc im Herzen der Bretagne, von dem Mutterhaus La Trappe im 19. Jahrhundert gegründet, nahm uns für den letzten Teil unseres Weiterbildungskurses auf. Die Felder, der Blick auf die wunderbare Umgebung und die bemerkenswert gute Klosteratmosphäre haben uns in dieser letzten Phase zu einer wirklich perfekten Gruppe zusammengeschmiedet.

Wie Abt Luc bereits in der ersten Sitzung sagte, bedeutet nach dem Wort Gottes zu leben, mit den Brüdern und Schwestern zu leben, dank ihrer und durch sie. Das Wort Gottes ruft uns, versammelt uns und macht uns zu einem lebendigen Ganzen. Dies war nun auch das große Thema dieser letzten Sitzungsreihe: das Leben in der Gemeinschaft.

Eine Überlegung zur Inkulturation (kulturellen Vernetzung) wurde von Sr. Henriette Kalmogo aus dem Kloster Notre-Dame de Koubri, Burkina Faso, angestoßen und Pater Simon-Pierre Arnold, ein Mönch aus der Kommunität von Wavreumont, der in der belgischen Mission in Peru lebt, weitergeführt. Pater Simon hat die Bedeutung des anzustrebenden Zustands interkultureller Gleichheit und Vernetzung betont, in dem keine Kultur dominant und keine Kultur dominiert ist. Eine geistige Dekolonisation sei notwendig, um uns von jeder Form kultureller Bevormundung zu befreien.

Ananie4In der gleichen Sitzung hat Sr. Henriette unter Bezug auf den biblischen Text zum Pfingstwunder (Apg 2, 1-11) die Rolle des Hl. Geistes als Initiator und Motor der kulturellen Gleichwertigkeit betont. In Christus, dem Fleisch gewordenen Gott, der sein Zelt unter uns Menschen aufgeschlagen hat, akzeptieren wir unsere und alle Kulturen und betrachten sie im Licht des Evangeliums. So wenden wir das Evangelium auf das Leben an, wie es oben hieß.

Was ist die Lehre des hl. Basilius über das brüderliche Miteinander, speziell über das Klosterleben? Schwester Marie Ricard aus Martigné hat uns zwei Texte des Heiligen – Das Kleine bzw. das Große Asketikon – vorgelegt. Die beiden Texte beinhalten eine Reihe von Fragen, die von christlichen Kommunitäten an den hl. Basilius gestellt wurden, mit den entsprechenden Antworten des Heiligen. Wenn die ersten Christen sich Brüder und Schwestern nannten und die Gesamtheit der Kirche, d.h. die getauften Christen, als ,Corpus Christi‘ oder als ,brüderliche Gemeinschaft‘ bezeichneten, so ist das in der Zwischenzeit zu einer ontologischen Realität geworden, die wir nachvollziehen müssen. Der Leib Christi ist bei seinem Opfer nicht zerschlagen worden – kein Knochen wurde gebrochen, lehrt die Bibel. Wir verfügen heute praktisch über unbegrenzte Macht, doch dürfen wir diese Gemeinschaft – im konkreten und im figürlichen Sinn – nicht antasten, denn sie ist ein Abbild Gottes und die Verheißung und das Geschenk an die Menschen.

Das Thema ,Leben in Gemeinschaft‘ wurde von einer Gruppe von fünf Sprechern angegangen. Die erste Sprecherin war Mutter Loyse, die Kapitel 4 aus der Regel des hl. Benedikt zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen nahm. Sie hat uns die wesentliche Wechselbeziehung zwischen gemeinschaftlichem Leben und spirituellem Leben vor Augen geführt. Die Qualität unseres Lebens in der Gemeinschaft hänge auch von unserem privaten Gottesverhältnis ab, hat sie ausgeführt.

Der zweite Sprecher war Abt Benoît Briand von Timadeuc, der über Gewalt und Konflikte referierte. Präferenzen und Eifersucht brächten Konflikte hervor. Der Weg der Versöhnung und des Verzeihens wirke befreiend für die Seele.

Dritte Sprecherin war Äbtissin Béatrice Blanloeit von Notre-Dame des Gardes, die das Thema ,Von der Angst zum Vertrauen; von der Eifersucht zum Lob‘ behandelte. Sie führte aus, unsere Ängste lähmten uns und störten die jeweilige Kommunität. Wir seien berufen, auf Christus zu vertrauen, der an unserer Seite gehe. Die innere Heilung von unserer Eifersucht könne nur von ihm kommen, der uns auch fähig mache, ein Loblied auf die frühere Rivalin zu singen.

Als Vierte sprach Sr. Céline Guilbot aus Martigné zu uns, die unser Thema vertiefte mit ihrem Beitrag ,Einheit aus der Sicht der Verschiedenheiten‘ und die Fragen stellte: ,Sind unsere Verschiedenheiten die Quelle von Rivalität oder Einheit?‘ und: ,Welche Mittel können wir anwenden, um unsere Verschiedenheiten auf den Weg zu wachsender Einheit zu führen?‘ Dafür sei die Einheit mit Christus entscheidend, war die schlichte Antwort.
Der letzte Sprecher zum Thema ,Leben in Gemeinschaft‘ war P. Hoa Ly Seng, Prior des Klosters Landevennec, der uns sein persönliches Zeugnis multikultureller Erfahrung gab. Er hat ausgeführt, dass ein gewisses Maß an Selbstachtung ein Mittel zur Verbesserung der zwischenmenschlichen Beziehungen auch im Kloster sei.

Ananie3Die spezielle Klostertheologie stand im Zentrum einer weiteren Vortragsreihe aus der Sicht von vier erfahrenen Mönchen und Schwestern: Sr. Loyse, Abt Benoît, Abt Luc und Sr. Marie-Madeleine. Es war eine bewegende Erfahrung für uns, in einer großen Gruppe unsere persönlichen Überzeugungen zu den folgenden bedeutsamen Themen des Klosterlebens auszutauschen:
1. Was bedeutet für mich, Gott zu suchen?
2. Mein Freund, warum bist du gekommen?
3. Was drängt mich heute weiterzumachen?

Diese und andere Fragen wurden aus anthropologischer, theologischer und kirchlicher Sicht diskutiert.

Welche Haltung sollten wir heute den neuen Kommunikationsmitteln gegenüber einnehmen? Welche Kriterien gibt es, die mir erlauben zu erkennen, was meiner Kommunität nützt? Sr. Béatrice und Abt Benoît haben uns die Ergebnisse des Generalkapitels der Zisterzienser von der strengen Observanz zu diesem Thema vorgetragen.

Pastor Pierre-Yves Brandt beendete unsere letzte Zusammenkunft mit den Worten: „Das eigentliche Ziel eines jeden derartigen Fortbildungsprogramms kann nur darin bestehen, den Sinn und die Werte des Klosterlebens an die neue Generation weiterzugeben, die uns in den verschiedenen Kommunitäten an der Seite steht.“

Nach meiner Rückkehr in meine Kommunität könnte ich noch eine Frage nennen, die ohne Antwort geblieben ist und die ich nur selber beantworten kann: „Wie kann ich ein positives Zeugnis für die bedeutsamen Grundlagen des Klosterlebens geben durch meine eigene Person und die Weise, wie ich meine Pflichten erfülle?“ Abt Nicolas hatte mit Nachdruck betont, es gebe keine authentische Weitergabe, wenn der Weitergebende nicht selber zuvor die Botschaft verinnerlicht habe. Ja, das ist das Entscheidende: Ich kann nicht weitergeben, was nicht in mir ist, was ich nicht mir zu Eigen gemacht, nicht verstanden, nicht in mir aufgenommen habe. Denn die Weitergabe besteht mehr in dem Vorbild als in der Belehrung, mehr in der Weisheit als im Wissen.

 

Besuche

Es war für uns eine Freude, so viele Kommunitäten zu besuchen: Taizé, die Abteien Sourmont, Maredsous, Chevetogne und Kergonan sowie das Priorat Sainte-Bathilde in Vanves. Wir haben so einen Einblick in das Gebetsleben dieser Häuser bekommen und an ihrem Tisch in brüderlicher Eintracht gespeist.

Wir behalten ebenfalls in guter Erinnerung unseren Besuch bei der Zentrale der AIM in Vanves, das Museum Cluny in Paris, den Montmartre, die Kathedrale Notre-Dame, das Museum Pont-Scorff, unsere Fahrt auf einem der bateau-mouches auf der Seine und die anderen schönen Ecken von Paris und der Bretagne ( la côte sauvage …).

 

Dank

„Der Dank ist das Gedächtnis des Herzens“ (Jean Massieu)
Unser besonderer Dank gilt den Veranstaltern der Tagung „Hananias 2015“. Gott möge ihnen das Hundertfache schenken! Hier ihre Namen:
Sr. Marie-Madeleine Caseau OSB, Priorin von Vanves
Sr. Loyse Morard OSB, Ermeton-sur-Biert
Mutter Beatrice Blanloeil OCSO, Äbtissin von Les Gardes
Abt Luc Cornuau OSB, Abt von La Pierre-Qui-Vire
Abt Benoît Briand OCSO, Abt von Timadeuc
Sr. Marie-Ricard OSB, Martigné-Briand
Pastor Pierre-Yves Brandt aus Lausanne.