+ Albert Rouet
ehemaliger Erzbischof von Poitiers

„Die Kathedrale“ Rodins
Eine Ortskirche und das Klosterleben

Rouet1Als ich am Anfang dieses Jahres Poitiers verließ, die Stadt, der ich siebzehn Jahre lang als Bischof gedient hatte, habe ich mich dazu hinreißen lassen, einigen Diözesanen einzugestehen: „Ich bin als Bischof bei euch glücklich gewesen.“ Zwei meiner ehemaligen Mitarbeiter haben das Wort aufgegriffen und daraus einen Buchtitel gemacht. Derartige Eingeständnisse sind manchmal gefährlich. Unter den wahren Quellen meiner Zufriedenheit haben sechs betrachtende Klostergemeinschaften ihren festen Platz. Und doch habe ich armer weltlicher Geistliche diese Gemeinschaften nie richtig zu qualifizieren gewusst. Die einen sprachen von Klostergemeinschaften, andere von religiösem Leben, von Klöstern, Prioraten, Abteien u.a.m. Es ist für Außenstehende ebenso schwer eine Gemeinschaft richtig zu bezeichnen, wie schwer es ist, die Formen des Gemeinschaftslebens einer jeden unter ihnen im Auge zu behalten. Also gebe ich es auf…

Nur an einer Sache halte ich fest: Diese sechs Klostergemeinschaften, nämlich die Abtei Ligugé, bei der wir heute zu Gast sind, die Benediktinerabtei Sainte-Croix, die Benediktinerinnen vom Kalvarienberg, die beiden Karmeliterklöster in Migné-Auxances und Niort und das Kloster der Augustinerinnen vom Allerheiligsten Sakrament (das heute nicht mehr besteht) – diese sechs Klostergemeinschaften sind für mich und die ganze Diözese wahre Brüder und Schwestern während meiner Zeit als Bischof gewesen. So ist meine Gegenwart unter Ihnen Ausdruck meiner tiefen Dankbarkeit. Erlauben Sie mir bitte, dieses öffentlich zu bekennen mit dem gleichen Vertrauen, das uns miteinander verbunden hat, und mit großer Freude.

Man hat mich gebeten, Ihnen zu sagen, welchen Platz ich dem Klosterleben innerhalb der Ortskirche einräume. Dies ist ein geradezu unerschöpfliches Thema. Ich beschränke mich mit Ihrer freundlichen Erlaubnis darauf, mit Ihnen über einige Punkte nachzudenken, die mir im Verlauf meiner 25-jährigen Bischofszeit bewusst geworden sind. Da sie sozusagen von gleicher Bedeutung sind, ordne ich sie, vielleicht etwas künstlich,  um zwei zentrale Themen an. Das erste Thema sucht die Ortskirche zu charakterisieren, zu der eine religiöse Gemeinschaft gehört; und das zweite Thema behandelt die Bedeutung der Klöster für die christliche Gesellschaft am Ort. Um mich auf das mir vorgeschlagen Thema zu beschränken, werde ich nicht über die Missionsklöster sprechen, abgesehen von einem kurzen Wort gleich hiernach.

Religiöse Karten verzeichnen immer wieder Bistümer und Pfarreien, Dekanate und örtliche religiöse Gemeinschaften, die alle – je nach Diözese – eine Verschiedenartigkeit der Benennungen und Klassifizierungen aufweisen, die jeden Fachmann zur Verzweiflung treibt. Daneben gibt es noch eine andere Karte, die kleine Gemeinschaften von zwei oder drei Schwestern aufführt, die in einem sozialen Wohnungsbau (HLM) auf dem flachen Land oder in der Vorstadt leben. Sie sind demütige und fleißige Zeugen des Evangeliums und stehen im Dienst der Menschen. Diese Karte spiegelt das Bild einer Kirche, die den Armen, den Fremden, den Vergessenen nahe ist. Dies ist die Kirche des Evangeliums mit missionarischem Charakter, auch wenn diese Kirche noch keinen definitiven institutionellen Platz gefunden hat.

Um nun anzufangen, sprechen wir zunächst eben von Institutionen, nicht in einem kanonisch-administrativen Sinn, sondern in existenzieller Sicht.

I. Die Leere zwischen den beiden Händen der Kirche

Kurz nach meiner Ankunft in Poitiers hat der Abt von Ligugé – im treuen Andenken an den Wunsch, die der Kardinal Pie bei der Restaurierung der Abtei geäußert hatte – mir eröffnet, dass die Abtei zwei Mönche für den Pfarrdienst abstellen werde. Ich erinnere mich, ihm geantwortet zu haben, dass angesichts des großen Priestermangels zwei zusätzliche Priester kaum einen Unterschied machten, dass vielmehr das Bistum Mönche brauche, die ganz entsprechend ihrer spezifischen Berufung lebten. Warum aber habe ich diese Antwort gegeben?

Unter den Aufgaben, die mir als Weihbischof von Paris übertragen wurden, hatte ich auch die, mich um die Ordensleute zu kümmern. Die Liturgien, die einerseits für die Weihe von Priestern und Diakonen, andererseits für die Profess der Ordensleute vorgesehen sind, haben mir verdeutlicht, was in Analogie als „Konzelebration“ bezeichnet werden könnte. Der Hinweis auf die Profess, die Gehorsamspflicht, die Mitarbeit innerhalb der Kongregation obliegt ausschließlich dem Abt bzw. dem Generaloberen. Die Handauflegung und die Segnung sind sicherlich Sache des Bischofs.  Weder der eine noch der andere kann aber alles tun. Mit anderen Worten: Die hierarchische Struktur der Sakramente umfasst nicht die Gesamtheit unserer Kirche. Keine Gruppierung bezeichnet die Gesamtheit dessen, was Kirche ist. Denn „er [Christus] gab den einen das Apostelamt, andere setzte er als Propheten ein, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten, für den Aufbau des Leibes Christi“ (Eph 4, 11-12). Diese unterschiedlichen Strukturen und Aufgaben sind dennoch bezüglich ihres Inhalts, ihres Zentrums und ihrer Funktion einheitlich. Daher finden wir auch in dem gleichen Brief an die Epheser den Hinweis auf das Geheimnis Ehe als Abbild der Einheit zwischen Christus und seiner Kirche: „Dies [die Einheit von Mann und Frau] ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche“ (Eph 5, 32).

RodinDieses Geheimnis der Liebe zwischen Christus und seinem Fleisch, seinem „Leib“ (Eph 5, 28), bezieht sich auf alle Glieder der Kirche. Es gibt nicht auf der einen Seite die Amtskirche, die Institution, und auf der anderen Seite die Ordensleute und die Mönche. Es ist aber von einem „Geheimnis“ die Rede, also von einem Sakrament. Es gilt also, die Einheit dieses Geheimnisses in Christus zusammensehen mit der der Vielheit der Zeichen, die dieses Geheimnis sichtbar und wirksam für das Leben des Leibes werden lassen.

In der Skulptur „Die Kathedrale“ von Rodin sind die beiden Hände, die den Spitzbogen bilden, zwei rechte Hände. Es sind also zwei Personen erforderlich, um ihn darzustellen. Sie sehen sicherlich den Bezug dieser Figur zu unseren Gedankengang: Die Einheit der Christen, die in der Welt leben, und jener Christen, die ein religiöses Gelübde abgelegt haben, ist in dieser Skulptur wundervoll dargestellt.

Nur, dass die beiden Hände sich einander nicht berühren, denn sie sind nicht vereint. Zwischen den beiden Händen, die so etwas wie ein Seidenraupengespinst oder Nest oder eine Bundeslade bilden, ist der Zwischenraum leer. Ein deutlicher Abstand trennt die Hände von einander. Sie sind nicht ineinander verschränkt, kein Finger kreuzt einen Finger der anderen Hand. Es bleibt ein Abstand bestehen, wie es auch einen solchen zwischen dem Finger Adams und dem Finger Gottes in der Darstellung Michel Angelos gibt und wie die beiden Spitzen der Flügel der Cherubim auf der Bundeslade, in der Gottes Gegenwart (Shekina) ruhte, einander nicht berühren. Auch im Hohenlied suchen sich Braut und Bräutigam unablässig.

In gleicher Weise vereinen sich die beiden religiösen Lebensformen, um in dem Zentrum, das sie bilden, eine Öffnung zu lassen, eine Öffnung für einen Gott, der nichts besitzt und den nichts umschließt. „Halt mich nicht fest“ (Joh 20, 17), sagte der Auferstandene zu Maria Magdalena, die ihn berühren wollte. Wir, die wir hier versammelt sind, kennen alle gewisse Elemente in unserer Kirche, die uns erlauben, einen Unterschied zu machen auf der einen Seite zwischen dem Wesen des Sakraments und der persönlichen Berufung, auf der anderen Seite zwischen der territorialen Struktur der Diözesen und der Exemption, die die Klöster genießen.

Aber dieses organisatorische Funktionieren ist noch nicht alles. Eine Organisation, mag sie noch so gerechtfertigt sein, bleibt immer eine Institution, die stets in der Gefahr und in der Versuchung steht, sich in der Lage zu glauben, die Gesamtheit der betreffenden Realität zu umfassen. Dies ist aber in der Kirche nicht möglich, denn jeder muss in der Tiefe seines Herzens eine Öffnung lassen, damit der unvorhersehbare Wind des Geistes „wehen kann, wo er will“ (vgl. Joh 3, 8). Der Geist Gottes braucht diesen Freiraum, damit wir den leichten und leisen Anruf der Gnade verspüren, diese uneingeschränkte Kraft Gottes, die selbst „der Himmel und die Himmel der Himmel nicht zu fassen vermögen(1Kön 8, 27).

Die Leichtigkeit der göttlichen Gnade: Eine Diözese gleicht einem großen Bauwerk, das Freiraum braucht, um stets Kurs zu halten. Sie hat feste Strukturen, wechselnde Orientierungen und zahlreiche Unannehmlichkeiten. In ihr werden die verschiedensten Dinge für Gott getan, von den heiligsten (Feier der hl. Messe, Verkündigung) bis zu den profansten (Finanzen, Liegenschaften). Ein solches Durcheinander kann Gott in den Hintergrund treten oder gar vergessen lassen. Denn man kann sehr wohl die Dinge Gottes tun, ohne die Dinge für Gott zu tun. Eine Diözese braucht unabweisbar Freiraum inmitten der vielfältigen Aufgaben, sie braucht Leichtigkeit angesichts der Schwerfälligkeit (man denke an den Titel des Buches von Simone Weil: „La Pesanteur et la Grâce). Sie muss Gott allein atmen, ihn suchen, sich von der Leichtigkeit seiner Gnade erfassen lassen, was auch immer die Erfolge und die Misserfolge – Worte, die nicht dem Evangelium entstammen – sein mögen. Man erinnere sich, was Christus meinte, als er sagte: Nur eines ist notwendig: den besseren Teil zu wählen (vgl. Luk 10, 42).

Einen solchen Appell richten die Klostergemeinschaften an die Diözesen. Gewisse Leute, die noch viele Gemeinden ohne Pfarrer sehen, sagen, Mönche seien unnütz. Diese scheinbare Unnützlichkeit ist jedoch unverzichtbar, denn sie schafft Luft. Das genau ist es, was ich von den Klöstern meiner Diözese erwartetet habe. Es verbleibt uns noch, die Gültigkeit dieses Wunsches konkret zu fassen.

II. Ein leises Säuseln

Diese Worte stammen aus dem ersten Buch der Könige, das beschreibt, wie Elija, gejagt und erschöpft, am Berg Horeb ankommt, wo Gott ihn erspäht (19, 12). Erlauben Sie mir bitte, mit einem Geständnis zu beginnen, das Eingeständnis einer gewissen Belustigung. Um die neuesten Nachrichten aus der Diözese zu bekommen, besteht der direkteste Weg darin, ein Kloster aufzusuchen. Die kleinsten Einzelheiten zur Hausordnung oder zur Garderobe, die eindrucksvolle Originalität dieses Bruders oder jener Schwester, viele Kleinigkeiten neben gewichtigen, schwer lösbaren Problemen schaffen eine vertraute Atmosphäre, in der man sich wohl fühlt.

Versuchen wir, wieder ernsthaft zu sein. Das Klosterleben kennt gewisse Tugenden, die das christliche Volk sich zu Eigen machen sollte. Ich nenne hier nicht jene, von denen ein jeder spricht: Gebet, Meditation, Schweigen, Frieden u.a.m. Diese Dinge sind sicherlich alle bedeutsam, aber nicht wesensbestimmend, wie Außenstehende oftmals meinen, die Klöster gewissermaßen für Musikschulen halten, die man in der Ferienzeit aufsucht. Andere Punkte erscheinen mir bedeutsamer: das Leben in Gemeinschaft, die Konfrontation mit Gott, die gewollte Armut.

Zum Leben in Gemeinschaft: Alle Christen kennen Versammlungen, Vereinigungen, Pilgerfahrten etc. Diese Zusammenkünfte werden durch einen gewissen Gegenstand oder eine Tagesordnung festgelegt. Sie laufen unter der Leitung eines Pfarrers, eines Reiseleiters oder irgendeines Betreuers ab. All das macht aber noch keine Gemeinschaft aus, auch wenn man sich fälschlich so nennt. Eine Pfarre wird unweigerlich von gewissen Strömungen und Besonderheiten geprägt, die, auch wenn sie nicht mehrheitlich vertreten sind, meistens tonangebend sind. Wenn jemand nicht einverstanden ist, wird er sich sicherlich woanders hinbegeben. Eine Kleinstadt hat immer einige hundert Sonderlinge auf der Suche nach den letzten Neuigkeiten, die reden, ohne auch nur einen Moment ihre Verantwortung für die Gemeinde zu bedenken. Spontanes Gefühl geht über alles. Wenn sich beispielshalber plötzlich ein Konflikt zwischen dem Organisten und der Liturgiegruppe ergeben sollte, wird der Pfarrer zu vermitteln suchen. Vielleicht wird er sogar den Konflikt zu verhüten wissen. In solchen Gemeinschaften bleiben die horizontalen Beziehungen auf der Ebene von Freundschaften, Bekanntschaften oder auch alten Feindseligkeiten stehen.

Rouet2Mit anderen Worten: Die Mehrheit der Christen hat niemals gelernt, in Gemeinschaft zu leben, d.h. in einem Verhältnis, das auf Gegenseitigkeit gegründet ist. Diese Unkenntnis fördert das Machtstreben, das, auch unter dem Deckmantel des Dienstes am Nächsten, umso schärfere Konturen annimmt, als es verborgen, unbewusst ist und unwidersprochen bleibt. Eine Diözese macht schnell diese Erfahrung und schafft daher lokale Ordensgemeinschaften.

Im Kloster ist man nämlich zur Gemeinschaft verdammt, sonst wird das Kloster seinen Niedergang finden. Daher haben die Ordensleute Wege zur Förderung der Gemeinschaft entwickelt. Als Erstes: Wahlen. Die Wahlen zur Konstituierung besonderer liturgischer Gruppen innerhalb der Gemeinden war etwas ganz Neues sowohl für die Christen als auch für einige Priester. Das Beispiel der Klöster, die ihre Oberen seit eh und je wählen (Äbte, Prioren, Berater), die Tatsache, dass ein Abt nicht nach eigenem Gutdünken entscheiden darf, sondern die Meinung des Kapitels einholen muss, kurz: die Machtbeschneidung durch Regeln war etwas ganz Neues. Diese Regelungen erkennen jeden in seinen Rechten und Verantwortlichkeiten an. Sie achten die Würde des Einzelnen.

Ordensleute pflegen sorgsam das brüderliche Zusammenleben, angefangen vom Geringsten unter ihnen. Dies ist ganz im Geist des Evangeliums, denn Gott schaut über rein menschliche Qualitäten hinaus. Die Brüderlichkeit zeigt sich auch im der Aufnahme von Gästen, auch wenn diese sich möglicherweise gerade in einer gefahrvollen und unakzeptablen Situation befinden. Ich habe immer in den Klöstern meiner alten Diözese eine bedingungslose, von Hoffnung getragene Gastfreundschaft den „Problemfällen“ gegenüber feststellen können. Die betroffenen Männer und Frauen haben in den Klöstern gelernt, ihre Fehler zu erkennen und anzunehmen. Sie haben erfahren, dass sie selber größer sind als ihre Fehler. Denn Gott ist größer als unser Herz (1 Joh 3, 26).

Ich wäre traurig, wenn ich die Arbeit im Kloster vergäße. Sie sichert den Fortbestand des Klosters, ohne die Arbeiter zu erdrücken. Sie macht menschlich, ohne zu versklaven. Sie wird im Rahmen des Notwendigen verrichtet, nicht aus Gewinnsucht. Welch große Lektion für unsere heutige Gesellschaft!

Die Begegnung mit Gott: Es ist nicht leicht, in unmittelbarer Verbindung mit Gott zu leben. Die schöne Liturgie wirkt anziehend. Man singt, man bewegt sich. Die Stille dagegen, das große Schweigen Gottes, diese unendliche Wüste mit ihren salzigen, vertrockneten Früchten, ihrem Flugsand … Wie viel leidvolle Zeit muss durchschritten werden, bevor man zum Frieden gelangt, natürlich zum Frieden des Herzens, nicht der Umgebung.

Ich fürchte, unsere Zeit könnte glauben, Gott sei leicht erreichbar und man brauche nur Halleluja zu singen. Auch hier verwirren naive oder grob vereinfachende Vorstellungen die Geister. Man denkt, eine Art rotes Telefon gebe direkten Zugang zu Gott, der sofort zur Verfügung stehe. Wenn dem so wäre, würde das geistliche Leben zum vertraulichen Umgang mit einer wunderbaren Gottheit werden, die man leicht umgehen und deren eigentlichen Willen man schnell herausfinden könnte.

Eine emotionale Fata Morgana scheint sich der Gläubigen zu bemächtigen und sie mit Gewissheiten zu überhäufen. Zu meinem Bedauern spaße ich hier nicht und male kein übertrieben schwarzes Bild. Diese Tendenzen werden sehr bald jene Fundamentalisten zufrieden stellen, die am schärfsten auf ihre eigene Identität pochen. Wenn sie die Oberhand gewinnen, bleibt nichts außer Strenge, Gewohnheit und Konvention. Das wird die verängstigten Menschen zufrieden stellen. Die Mystik verdampft bei dieser Überhitzung.

Das christliche Volk, das treu bleiben möchte, hört diese Exzesse und die allgemeine Aufregung. Mit viel gutem Willen versucht es, weiterhin zu glauben, so gut es kann. Es will den Massenexodus aus der Kirche nicht zur Kenntnis nehmen, auf dem man gelegentlich die Anführer trifft, die voranschreiten und die Christen immer ein bisschen weiter mit sich fortziehen. Es gibt eben zu viele Führer und zu wenig Horizont zur Orientierung!

Das geistliche Leben wird entsprechend der geistlichen Aufnahme genährt. Man kann auch einen historischen Grund anführen: Der dahinsiechende Jansenismus beharrt immer noch auf einer rigorosen Ethik und auf verpflichtenden Praktiken. Mit dem Jansenismus verbanden sich einst die Überreste der Aufklärung, die nur einen anonymen Gott kannten, der willkürlich die Geschicke der Menschen lenkt. Das ist der Grund, weshalb heute viele Christen in Wahrheit eher Deisten sind. Wir sind heute Zeugen des Zusammenbruchs jenes morschen Systems.

Die Gottessuche und die Nachfolge Christi sind weniger klar strukturiert als die Konformität mit äußeren Normen. Man versteht daher den Wunsch vieler Menschen nach einem wahren spirituellen Leben. Aus meiner Sicht ist dies das wesentliche Problem in unserer heutigen Kirche. Schnelle Antworten sind verführerisch. Höchstwahrscheinlich werden sie keine tief greifenden Wurzeln  in den Herzen der Christen treiben.

Das Klosterleben konfrontiert durch seine Absonderung von der Welt den Menschen unmittelbar mit Gott.   Der Mensch durchlebt seine Begegnung mit dem Herrn. Es stellt dem Glauben, der einem anspruchsvollen Geschenk gleicht, eine ständige Reinigung des Herzens voran, um den Menschen würdig zu machen, das Geschenk des Glaubens zu erhalten und Frucht zu bringen. Auf diese Weise entfaltet das Klosterleben die in der Taufe empfangenen Gnadengaben in dem Gläubigen. Der Mönche wird als Zeichen seiner Selbstaufgabe in die Hände Gottes gegeben. Das Zölibat, das ihn der Nachkommenschaft beraubt, konfrontiert ihn mit dem Tod und dem Vergessen, nur jedoch um ihm zu verdeutlichen, dass Gott die unerschöpfliche Quelle des  L e b e n s  ist.

Das christliche Volk braucht das Zeugnis der Mönche im Unterschied zu den gewöhnlichen Zeugnissen, die ein angenehmes Bild von der Realität zeichnen und zum Träumen und von außen zum Mitmachen verleiten. Das Volk muss in seinem Inneren sich von Gott angezogen fühlen (vgl. Joh 6, 44). Die Anziehung, die Christus ausübt, ermutigt das Herz zu einem Aufbruch, zu einem Exodus. Im Verlauf dieses langen Marsches klären sich die Vorstellungen von Gott; der Mensch lernt, sich in Gottes Hände zu geben, wie hart auch die Etappen dieses Wegen sein mögen. Daher hat meine alte Diözese regelmäßig in Klöstern Tagungen zur spirituellen Weiterbildung für die Oberen der einzelnen Häuser veranstaltet, die freudig die Angebote angenommen haben. Denn die wahren Bedürfnisse zur Weiterbildung betreffen nicht die Techniken der Katechese oder die Form der Messgestaltung, sondern vielmehr das spirituelle Leben. Was soll man auf eine solche Frage antworten: „Ich bin Pastoraldelegierte, aber meine Kinder mokieren sich über mich. Was soll ich tun?“ Oder: „Ich kann überhaupt nicht erkennen, wie die Lektüre des Wortes Gottes meinen Glauben nähren kann.“ Oder: „Ich habe meinen Katechismus gelernt, sehe aber überhaupt kein Resultat.“ Die Antworten auf derartige Fragen können nur spiritueller Natur sein.

Die Armut: Von Luft und Liebe zu leben, ist eine Illusion, die nicht weit führt. Die menschliche Existenz verlangt, die Mittel zum Überleben gut zu verwalten. Unsere heutige Gesellschaft leidet nicht unter Mangel an Mitteln (eine solche Diagnose wäre zu einfach!), sondern im Gegenteil an einer Übersättigung. Alles steht allen reichlich zur Verfügung, so dass die einen nach Herzenslust kaufen und konsumieren, während die anderen dich selbst für umso ärmer vorkommen, als ihnen sogar das Lebensnotwendige fehlt und sie sich keines der Angebote leisten können. Dieser Widersinn markiert deutlich unsere Gegenwart. Zu beklagen ist also eine  Ungleichheit in der Verteilung und den Möglichkeiten zum Erwerb; sowohl der Reichtum wie die Armut verletzen den Menschen in seiner Würde. Die Reichen erwarten, dass die Vertreter der Religion die soziale Ordnung befürworten, die sie begünstigt. Daher rührt ihre konservative Einstellung. Die anderen setzen auf eine Kirche, die ein Ohr für ihre Bedürfnisse hat.

Das Budget einer Diözese, so klein und unzureichend es sein mag, entspricht nicht dem Konsumbedarf der Durchschnittsbevölkerung. Das Budget der Diözese Poitiers entspricht dem von etwa 5000 Einwohnern oder einer Schule von 600 Schülern oder der Fußballmannschaft einer mittleren Stadt. Nach gängiger Meinung ist Armut ein individuelles Problem. An dieser Stelle wird das Leben der Mönche für die Gesellschaft bedeutsam.

Die Tatsache, dass in einem Kloster aller Besitz geteilt wird und alle Dinge eine neue Wertigkeit erlangen (eine zerbrochene Statue wiegt nicht schwerer als ein zerbrochener Teller) lässt den persönlichen Besitz hinter die gemeinschaftliche Funktion zurücktreten. Die neue Wertigkeit der Dinge betrifft auch ihre Schönheit. Diese ist nicht käuflich; sie entzieht sich allem kommerziellen Denken, also auch der Spekulation. Was ich damit sagen möchte ist dieses: Auch wenn der Kunsthandel sich in der Zwischenzeit der Kunstwerke bemächtigt hat, hängt die Schönheit eines Gegenstandes dennoch nicht von dem – recht unterschiedlich –geschätzten Kaufwert ab. Armut und Schönheit vereinigen sich oftmals wie Gerechtigkeit und Frieden. Diese Einheit suchen auch die in einem Kloster zu finden, die nach Freiheit von materiellem Haben streben. Im Kloster gibt es eine andere Dimension von Menschlichkeit, einen Hunger, den nicht 200 Denare stillen können (vgl. Mk 6, 35-44), wohl aber die Bereitschaft zu teilen.

Jeder weiß, dass der Mensch pflanzen, essen und bauen muss (vgl. Lk 17, 28). Der Mensch möchte aber auch diesen Freiraum und Elan finden, durch die er sich den geschaffenen Dingen überlegen zeigt. Jeder Einzelne ist zerrissen zwischen der Verpflichtung, sein Brot zu verdienen, und dem Wunsch, etwas zu produzieren, das bei gutem Gebrauch zu einer Humanisierung beiträgt (vgl. den Buchtitel Jules Laquiers: „Schaffen und durch sein Schaffen sich selbst schaffen“). Jeder Mensch strebt auch nach einer geistlichen Welt, die der Beweis seiner eigenen Humanisierung ist. Die Dichotomie zwischen Welt und Geist weist auf ein eschatologisches Ziel hin, welches das Mönchstum seit seinem Ursprung vor Augen hat. Ich möchte hier nur einen einzigen Satz des hl. Séraphion de Thmuis zitieren: „Auch ihr, die ihr in Gemeinschaft lebt, nehmt bereits die Zukunft eures Wunsches vorweg.“

Vorwegnahme: Ich schließe mit diesem Begriff. Hier geht es nicht um die Vorhersage von Wetterbedingungen oder Börsenkursen und auch nicht um Zukunftsprojektionen. Vorwegnahme unterscheidet sich von Vorwissen, wie die geistliche Neugeburt sich von dem Anfang aller materiellen Dinge unterscheidet. Da, wo das Vorwissen kalkuliert und in die Zukunft schaut, lebt, genießt und verkündet die Vorwegnahme bereits (vgl. Eph 1, 12). Denn bei einem Mönch besteht das Ergebnis seiner Taufe nicht in einem Mehr (an Armut, Gehorsam, Zurückgezogenheit etc.), das anderen, weniger begünstigten Christen nicht zur Verfügung steht, sondern in einer Hoffnung und in der Vorwegnahme des künftigen Lebens, des Gottesreiches. Dies ist seine innere Freiheit. Dieses Charakteristikum kennzeichnet ebenso gut die weltliche Kirche, die der Garant des Gottesreiches ist, und auch die Welt selber, in der der Geist Gottes am Werk ist, um eben dieses Reich Gottes zu etablieren.

Die Vorwegnahme lässt das Klosterleben der Bewegung zweier Hände gleichen. Denn die beiden Handflächen bilden einen Hohlraum, der einem Nest oder einem geschlossenen Garten ähnlich ist, während die beiden Handrücken nach außen zur Welt gerichtet sind. Sie bilden eine Stütze oder einen Schutzwall, hinter dem die Handflächen sich schließen können. In dieser Weise muss man die Hände von innen nach außen betrachten und die Klöster in der Obhut der Diözesen sehen.

Beide stützen sich auf die konkrete Welt. Die Welt sieht nur die Außenseite der erhobenen Hände, wie Mose, hinter Gott stehend, nur dessen Rücken sah (Ex 33, 23). Die Welt lässt vielleicht in sich den Wunsch aufkommen, den Hohlraum zwischen den Händen zu entdecken, den die geöffneten Handflächen mit ihren Flügeln schützend bedecken (vgl. Gn 1, 2).

In dieser Weise entsteht die stärkste Solidarität zwischen einer Diözese und einem Kloster. Beide Instanzen verkünden, beten, arbeiten. Aber durch den bewussten Bruch mit der umgebenden Welt, durch ihre gemeinsame Suche nach einem Gott, der ihnen immer etwas voraus ist, durch die Armut, die die Schwester der Schönheit ist, sollte jedes Kloster, so meine ich, bei sich die Gegenwart des Gottesreiches fühlbar werden lassen. Gerade diese Vorwegnahmeist des Gottesreiches habe ich von jedem Kloster meiner alten Diözese erhofft und erwartet.

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